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Gemeinsam mit dem Chef der Lüneburger Jägerschaft Torsten Broder (3.v.l.) haben die Scharnebecker Schüler auf der Suche nach dem Wolf Fotofallen aufgestellt. Ein tolles Projekt, fanden (v.l.) Emil, Kjell, Dana, Nora,  Eemi und Lisa. Foto: t&w
Gemeinsam mit dem Chef der Lüneburger Jägerschaft Torsten Broder (3.v.l.) haben die Scharnebecker Schüler auf der Suche nach dem Wolf Fotofallen aufgestellt. Ein tolles Projekt, fanden (v.l.) Emil, Kjell, Dana, Nora, Eemi und Lisa. Foto: t&w

Der Wolf im Klassenzimmer

lj Lüneburg. „Wie kommt man Wölfen auf die Spur?“ Die Hände von 21 Schülerinnen und Schülern heben sich. Seit zwei Jahren beschäftigt sich die Klasse 8S1 des Bernhard-Riemann-Gymnasiums mit Isegrim, jetzt ist die Wolfsexpertin der Landesjägerschaft, Dr. Britta Habbe, zu Gast. Auf ihre Frage weiß an diesem Morgen jeder Schüler Antworten: „Durch Pfotenabdrücke, Beutereste oder Kot im Wald.“ Und noch eine Möglichkeit zur Wolfsortung haben die Scharnebecker Schüler parat: das Aufstellen von Wildkameras. Eine Technik, die die Klasse selbst schon ausprobiert hat.

„Wölfen auf der Spur“ heißt die landesweite Bildungsinitiative für Schulen und Kindertagesstätten, an der die 8S1 des Scharnebecker Gymnasiums als Pilotklasse teilnimmt. „In acht sehr lebendigen Doppelstunden hat sich die Klasse seit Mai 2012 das fachübergreifende Thema Wolf erarbeitet“, sagt Biologielehrerin Ilona Peschke. Dazu gehörte Theorie, aber auch viel Praxis. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Jägerschaft Lüneburg, Torsten Broder, haben die Schüler im Februar drei Fotofallen im Scharnebecker Wald und an der Neetze aufgestellt und die Ergebnisse jetzt ausgewertet. „Das war der spannendste Teil des Wolfsprojekts“, sagt der 14-Jährige Emil Dressler.

Getroffen hat sich die Schulklasse zur Auswertung der Bilder im Freilandlabor des Schubz-Umweltbildungszentrums Lüneburg. Das Schubz hat das landesweite Projekt initiiert, sich mit der Lüneburger Jägerschaft zusammengesetzt und Unterrichts-Ideen entwickelt. Gemeinsam haben sie schließlich die Landesjägerschaft und die Niedersächsische Bingo Umweltstiftung als Projekträger gewonnnen, die die landesweite Bildungsinitiative mit insgesamt 270000 Euro fördern.

„Es ist unser größtes und zugleich spannendstes Projekt, gerade weil Lüneburg Modellregion ist“, sagt Schubz-Leiter Frank Corleis. Für insgesamt acht weitere Umweltbildungszentren in Niedersachsen haben Corleis, seine Kollegen und die Jägerschaft Lehrangebote und Materialien entwickelt. Im Landkreis Lüneburg waren seit Projektstart 15 Gruppen „Wölfen auf der Spur“, niedersachsenweit hat die Bildungsinitiative inzwischen 2500 Kinder und Jugendliche erreicht.

Anliegen der Aktion ist laut Wolfsexpertin Habbe die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Rückkehr des Wolfes. „Dabei soll nicht der Mythos, sondern das Wildtier Wolf betrachtet werden“, sagt sie. Neben der Vermittlung von Wissen über Isegrim geht es auch darum, die verschiedenen Meinungen zur Rückkehr des Wolfes zu vermitteln. Wie, erklärt Schülerin Eemi Burfien: „Bei einem Rollenspiel mussten wir uns in unterschiedliche Parteien hineinversetzen“, sagt sie. Die einen waren Anwohner, zum Beispiel eine Mutter, die Angst um ihr Kind hat. Andere versuchten, sich in die Rolle der Naturschützer, Nutztierhalter oder auch Jäger hinein zu versetzen. „Das war die größte Herausforderung“, sagt Eemi, „in der anschließenden Diskussion die verschiedenen Forderungen zu berücksichtigen und Kompromisse zu schließen.“

Den Abschluss der Bildungsinitiative bildet eine Fachtagung zum Thema am 28. Juli an der Leuphana Universität Lüneburg. Dort werden auch die teilnehmenden Jugendlichen ihre Erfahrungen aus dem Projekt präsentieren und Ideen zum weiteren Umgang mit dem Thema Wolf vorstellen. „Damit ist die Laufzeit der Bildungs­initiative aber nur offziell vorbei“, sagt Corleis, „denn die Materialien sind nun vorhanden und können in Schulen und Kindergärten genutzt werden.“

In der Klasse 8S1 ist die Fragestunde vorbei, die Blicke aller 21 Schülerinnen und Schüler sind auf den Bildschirm des Schubz gerichtet. Ein Foto nach dem nächsten ist zu sehen, Füchse, Hasen, Rehe, Fasane und sogar ein Marderhund sind in die Fotofalle getappt. Nur kein Wolf. Als Trostpflaster zeigt Britta Habbe der Klasse Wolfsaufnahmen aus Gartow in Lüchow-Dannenberg, aneinandergereiht zu einem kleinen Film. Dass ähnliche Aufnahmen eines Tages auch rund um Lüneburg entstehen, hält Jägerschaftschef Broder allerdings nicht „für abwegig“. Sein Wunsch: ein sachlicherer Umgang mit dem Thema Wolf.

Die Schüler der Klasse 8S1 sind bereits auf dem besten Weg „und oft weniger emotional, als man es aus Diskussionen der Erwachsenen gewohnt ist“, sagt Corleis. „Die Schüler betrachten kritisch und offen die Fakten, um sich eine eigene Meinung zu bilden“.