Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Ein Leben wie in Gefangenschaft

rast Lüneburg. Eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert die Psychologin des Weißen Rings dem Polen: ,,Er hat 13 Jahre in Gefangenschaft gelebt“, unter ständiger Lebensbedrohung. Der Mittfünfziger habe Gewalt und Folter erlebt durch seine Arbeitgeber. Die zwei Schausteller aus Uelzen, Vater und Sohn, hätten ihn geschlagen, ihn sogar an ihre Fahrgeschäfte angekettet, damit er dort arbeitet. Sein Rechtsanwalt spricht von ,,moderner Sklaverei“. Mit dem Fall beschäftigt sich nun die 4. Kammer des Lüneburger Arbeitsgerichts, die allerdings nicht die strafrechtlichen, sondern die arbeitsrechtlichen Aspekte in den Fokus nimmt: Der ehemalige Helfer will 190800 Euro von den Schaustellern einklagen für 13 Jahre Arbeit, in denen er keinen Lohn bekommen habe.

Der Mittfünfziger erzählte dem Gericht die Geschichte so: Er war Landwirt, die wirtschaftliche Lage in Polen aber wurde immer schlimmer. Über einen Arbeitsvermittler kam er 1997 in einen Schaustellerbetrieb ,,irgendwo in Deutschland, rund zwei Autostunden von Uelzen entfernt“. Zwei Wochen arbeitete er dort, ohne Lohn: ,,Den hatte der Schausteller an den Arbeitsvermittler gegeben, sagte er.“ Dann holte ihn der Vater aus dem Uelzener Betrieb auf seinen Hof. Hier sollte der Lohn der ersten drei Wochen an den Vermittler gehen. Damals gab es Arbeitserlaubnisse für polnische Saisonarbeiter unter anderem in der Landwirtschaft, im Zirkus und eben in Schaustellerbetrieben. Der Vermittler hatte ihm einen Arbeitsvertrag versprochen: ,,900 Mark im Monat sollte ich bekommen für 40 Stunden Arbeit in der Woche.“ Doch auch Wochen später floss kein Geld: ,,Meine Ressourcen aus Polen waren weg.“ Er fragte den Vater nach Geld, erhielt zweimal 50 Mark, später immer mal kleinere Beträge: ,,Zwei Mark für ein Bier, Geld für Zigaretten.“ Erst in den letzten zwei, drei Jahren bekam er zehn Euro Taschengeld pro Woche. Der Kläger: ,,Der Vater hatte mir anfangs erzählt, er spart das Geld, bis ich wieder nach Polen fahre.“

Untergebracht war der Pole nach eigenen Angaben zunächst in einem schäbigen Container, danach in einem Campingwagen (,,der war Schrott“) und später in einem etwas größeren Wohnwagen, den er sich von seinem ,,Taschengeld“ ein wenig aufpolierte. Als Gegenleistung für Unterkunft, Kost und Kleidung hatte der Mann einen Fulltime-Job: ,,Auf den Märkten wurde ich immer um 7.30 Uhr geweckt, musste mich erst um das Kinderkarussel des Vaters und danach von 18 bis 24 oder 2 Uhr um den Autoscooter des Sohnes kümmern. Ein Scooter-Abbau dauerte auch schon mal bis 6 oder 7 Uhr morgens.“

Das Pensum erledigte er nach eigenen Angaben sieben Tage die Woche: ,,Im Winter wurden dann die Fahrgeschäfte umgebaut und renoviert, Hütten für Weihnachtsmärkte gebaut.“ Und dann gabs noch reichlich Arbeit auf dem Hof des Vaters. Für den Sohn baute der Arbeiter nach eigenen Angaben einen Carport, erledigte Arbeiten wie den Ausbau eines Bades und den Neubau einer Treppe in dessen Haus. ,,Ich hatte keine Freizeit und keinen Urlaub. Fuhr der Vater mit seiner Frau im Februar immer nach Mallorca in Urlaub, musste ich wieder beim Sohn arbeiten.“

,,Man holt sich einen Polen für 13 Jahre auf den Hof, damit er lediglich Unterkunft, Kost und Kleidung kriegt?“, fragte die Richterin den Sohn ungläubig. Der antwortete, dass der Pole den Eindruck gemacht habe, er wolle nicht zurück in seine Heimat, auch sei die Bezahlung angemessen gewesen: ,,Er hat ja auch mal Geld, Zigaretten und Kleidung bekommen als Anerkennung dafür, dass er gelegentlich mal mitangepackt hatte.“ Die Richterin hakte nach: ,,Und das fanden Sie okay?“ Auf den Jahrmärkten sei der Mann eh dabei gewesen, da habe er auch bei den Auf- und Abbauten helfen können, äußerte der Sohn und wiederholte: ,,Er hat ja nur gelegentlich geholfen und sich so für Unterkunft und Essen revanchiert.“ Für ihn selbst habe der Kläger gar nichts gemacht, die Gefälligkeitsjobs habe es nur für den Vater gegeben. Der hat übrigens laut Richterin einen Strafbefehl wegen Hinterziehung von Sozialbeiträgen beglichen, da der Pole nicht angemeldet war. Die Richterin warf auch die Frage auf, ob das ,,Handgeld“ nicht als Schwarzgeld zu werten sei.

Das Verfahren wird am 25. März fortgesetzt, dann verkündet die Kammer, ob möglicherweise eine Zeugin gehört und ein medizinisches Gutachten eingeholt wird. Denn aus Sicht der Schausteller-Anwälte wäre alles bis einschließlich des Jahres 2008 verjährt. Sollte der Pole aber aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gewesen sein, früher Klage einzureichen, entfalle die Verjährung. Und was eine mögliche Lohnnachzahlung angeht, da äußerte der Anwalt des Vaters bereits: ,,Mein Mandant hat kein Geld.“

Der Mann arbeitet übrigens seit 2011 in einem Klempnerbetrieb in Hamburg mit Arbeitsvertrag und reellem Lohn.