Aktuell
Home | Lokales | Die Forscherschafe von der Elbe
Sie haben längere Wolle, dunkle Flecken im hellen Gesicht  und einen Sonderstatus in den Herden von Stefan Erb. Insgesamt 100 Bentheimer Landschafen gewährt der Bleckeder Schäfe ein Gnadenbrot  nachdem sie im Deichvorland sechs Jahre lang Forschungsarbeit für den Hochwasserschutz geleistet haben. Foto: t&w
Sie haben längere Wolle, dunkle Flecken im hellen Gesicht  und einen Sonderstatus in den Herden von Stefan Erb. Insgesamt 100 Bentheimer Landschafen gewährt der Bleckeder Schäfe ein Gnadenbrot  nachdem sie im Deichvorland sechs Jahre lang Forschungsarbeit für den Hochwasserschutz geleistet haben. Foto: t&w

Die Forscherschafe von der Elbe

off Leestahl. Die 100 Bent­heimer Landschafe sind acht Jahre alt und haben noch nie ein Lamm geboren. Auf einem Feld bei Ellringen stehen sie an diesem Morgen mit 350 anderen Schafen im Nieselregen, beobachten den Horizont und beißen hin und wieder ein Blatt vom Ackergrün. Stefan Erb steht etwas abseits, der Schäfer hat die Exoten in seiner Herde bereits von Weitem erspäht. „Das sind sie“, sagt er. Und meint die einzigen Schafe auf seinem Betrieb, die ein Gnadenbrot bekommen. Sechs Jahre lang haben die Bentheimer dafür im Auftrag der Wissenschaft das Deichvorland der Elbe beweidet. Ihren Job haben sie im vergangenen Jahr beendet kurz bevor das Thema mit dem Rekordhochwasser im Sommer 2013 so aktuell wurde wie nie.

2008 hat Stefan Erb die Bent­heimer zum ersten Mal ins Deichvorland getrieben. Das Ziel des „Leader +“ geförderten Projektes der Landwirtschaftskammer Niedersachsen: „Wir wollten untersuchen, inwieweit die Schafbeweidung die Verbuschung in den Griff bekommt“, sagt Fachleiter Jürgen von Haaren. Jahrelang dokumentierten von Haaren und sein Team die Ergebnisse. Ohne besondere öffentliche Aufmerksamkeit. Jetzt wird der Hochwasserschutz intensiver denn je diskutiert und mit ihm die Beweidung des Elbvordeichgeländes.

Der Ansatz: Schafe und Rinder sollen nicht nur das Gras, sondern auch das Buschwerk in sensiblen Bereichen des Deichvorlandes kurz halten. Und damit den Hochwasserabfluss verbessern. Doch was einfach klingt, ist kompliziert. Denn seit 2002 weiß man, dass Flächen im Deichvorland nach Hochwassern erhöhte Dioxinwerte aufweisen. Und das macht eine Beweidung nicht nur teuer. Einige sind überzeugt, der Tierschutz verbiete sie.

Bei einer dauerhaften Beweidung, argumentieren Tierschützer, würden sich die Tiere schleichend vergiften. Ethisch nicht vertretbar. Die Bentheimer sind bis heute symptomfrei. Doch auch für sie galten im Deichvorland klare Regeln: Die Schafe dürfen bis heute keine Lämmer bekommen, niemals geschlachtet und zu Lebensmitteln oder Tierfutter verarbeitet werden. Jedes Brack und jeder Zugang zur Elbe musste aus Vorsicht vor einer möglichen Schadstoffaufnahme abgesperrt werden. Viel Arbeit, hohe Kosten, kein Erlös durch den Lämmerverkauf. Entscheidend war für von Haaren allerdings ein anderes Ergebnis der Projektphase: „Der Aufwuchs war nach der Schafbeweidung noch stärker als zuvor.“

Wissenschaftlich untersucht hat die Entwicklung der Verbuschung Dr. Sabina Aboling. Danach konnten die Äste kleinerer Weiden zu fast 40 Prozent, die baumförmiger Weiden aber nur zu zehn Prozent verbissen werden. Ihr Fazit: „Büsche lassen sich weder innerhalb einer Vegetationsperiode noch durch Verhindern der Regeneration reduzieren.“ Für eine nachhaltige Entbuschung müsste zunächst ein maschineller Pflegeschnitt und danach eine zweimalige scharfe Beweidung erfolgen letztere jedes Jahr.

Die Praxis hat damit bereits widerlegt, was in der Theorie noch immer als Lösung diskutiert wird: Dass eine alleinige Beweidung mit Schafen eine Verbuschung beseitigt. Mehr Erfolg verspricht die Beweidung mit Rindern. Auch dazu läuft seit drei Jahren bei Radegast ein Projekt der Landwirtschaftskammer in Kooperation mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Eines der ersten Ergebnisse: „Rinder beseitigen den Aufwuchs wesentlich besser als Schafe“, so von Haaren. Doch auch dabei stellt sich die Frage: Wie lässt sich eine intensive Beweidung mit der Dioxin-Gefahr vereinbaren?

Vor Bekanntwerden der Schadstoffbelastung war die Nutzung des Deichvorlandes für viele Rinderhalter selbstverständlich. Heute sind von den 30 Risikobetrieben, die die Kammer 2006 in den Kreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg ermittelte, nur noch sechs übrig. Hauptgrund: „Viele Landwirte lassen ihre Tiere nicht mehr ins Vordeichgelände und füttern hauptsächlich Gras, das sie binnendeichs geerntet haben“, erklärt von Haaren. Nach Bewirtschaftungsempfehlungen der Kammer kann zwar auch das Grünland aus dem Deichvorland genutzt werden. „Doch auf eine intensive Beweidung insbesondere mit Milchvieh verzichtet, wer kann“, sagt von Haaren. Zu groß die Angst, belastete Lebensmittel zu produzieren.

Der Einsatz von Nutzvieh zur Beweidung ist damit schwierig. Für realistischer hält das niedersächsische Umweltministerium den Einsatz von Landschaftspflegeherden. Was eine solche Beweidung kosten würde, wie sie finanziert werden soll, wie konkret man mit der Schadstoffproblematik umgehen will, darauf gibt es im Ministerium bisher offenbar keine Antworten. „Momentan sind wir mit unserem Auenmanagement in der Strukturierungsphase“, erklärt eine Sprecherin. Konkret: „Wir schauen erst mal, auf welchen Flächen eine Beweidung in Frage kommt.“ In Hannover ist man allerdings überzeugt: Rinder und Schafe seien die einzige Möglichkeit, „um bestimmte Flächen im Deichvorland frei von Bewuchs zu halten“.

Dass die Beweidung eine Lösung gegen den Bewuchs nicht mähbarer Flächen sein könnte, glaubt auch Jürgen von Haaren. Doch die Praxis hat gezeigt: „Das wird kompliziert.“ Und teuer. „Vielleicht sogar teurer als eine regelmäßige maschinelle Entbuschung oder eine Rodung der Gehölze.“

Was Politik und Experten aus der Forschungsarbeit der Landwirtschaftskammer letztlich machen, bleibt damit offen. Und hat mit dem Leben der 100 Bentheimer Landschafe nichts mehr zu tun. Sie verdanken vielmehr dem Schadstoffrisiko aus dem Deichvorland ihren Lebensabend als die einzigen 100 Schafe auf Erbs Betrieb, die ein Gnadenbrot bekommen.