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Dieter Stephan kann aufatmen. Der Schulleiter des Gymnasiums Oedeme hat eine Aufgabe abgelegt.
Dieter Stephan kann aufatmen. Der Schulleiter des Gymnasiums Oedeme hat eine Aufgabe abgelegt.

Mehr Zeit fürs Gymnasium

us Lüneburg. Statt der geplanten drei Jahre ist es jetzt doch nur eins geworden. Fast genau ein Jahr nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Niedersächsischen Direktorenvereinigung gibt Dieter Stephan das Amt vorzeitig auf. „Die Belastungen durch diese zusätzliche Aufgabe sind zu groß geworden“, erklärt der Leiter des Gymnasiums Oedeme. Im März 2013 hatte er den Vorsitz des Vereins übernommen, der sich im Januar 2013 aus dem Niedersächsischen Philologenverband als selbstständige Einrichtung herausgelöst hatte und seitdem die Interessen der Leiterinnen und Leiter von allgemein bildenden Gymnasien in Niedersachsen vertritt. Rund 200 Leiter der insgesamt 270 niedersächsischen Gymnasien sind in dem Verband vertreten.

Das Amt habe er mit großem Engagement und Leidenschaft ausgeübt, und er hätte auch kein Problem damit, für eine Zeitlang in die Schulpolitik zu gehen, „aber zwei Jobs auf einmal geht einfach nicht.“ Als dann noch zusätzliche Belastungen in der Schulleitung durch krankheitsbedingten Ausfall von Kollegen hinzu kamen, stand für ihn die Entscheidung fest.

Die Schulpolitik liegt Dieter Stephan am Herzen. Lange Zeit hat er sich für die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre, in der Kurzform G8 genannt, eingesetzt. Doch schon drei Jahre nach dessen Einführung stellte er fest, dass dieser Schritt in die falsche Richtung laufe. „G8 hätte auf Dauer nur durch Einebnung der Leistungsanforderungen funktioniert“, ist Stephan überzeugt, denn wenn wie heute 40 bis 45 Prozent eines Bildungsjahrgangs die Gymnasien besuchen „zu meiner Zeit waren es 12 Prozent“ , könnten so viele Schüler in so kurzer Zeit „nur durch deutliche Absenkungen der Niveauanforderungen“ zum Abitur gebracht werden.

Doch selbst mit der jetzt von der Niedersächsischen Landesregierung beschlossenen Rückkehr zu G9 ab 1. August 2015 sind für Stephan „die Gefahren“ für die niedersächsischen Gymnasien nicht aus der Welt. Er befürchtet, dass Niedersachsen dem Vorbild Nordrhein-Westfalens folgen könnte, das den Weg zu einem „Abi light“ einschlage, bei dem die Leistungsanforderungen bereits deutlich gesenkt seien. „Was wir aber brauchen, sind anspruchsorientierte Gymnasien mit echter Reifeleistung der Schüler“, sagt Stephan, denn „Noten spiegeln nicht immer die Qualität der Leistung der Schüler wider.“ Der Großteil seiner Schulleiterkollegen etwa 90 Prozent würden dies übrigens ebenso sehen wie er.

Als gefährlich betrachtet er auch Entwicklungen wie in Hamburg. Nicht nur das Sitzenbleiben sei an den Gymnasien der Elbe-Metropole abgeschafft worden dort gibt es jetzt eine „automatische Aufrückung“ , auch ein Abschulungsverbot habe man eingeführt. Beides zusammen bezeichnet Stephan als ein „Verbrechen an den Kindern“, weil dadurch Schüler, die mit dem Stoff dauerhaft nicht mithalten könnten, zu Außenseitern würden. „Und: man nimmt ihnen die Erfolgserlebnisse, die sie für ihre Entwicklung dringend brauchen.“

Da aber auch er kein Befürworter eines Gymnasiums alten Stils sei, „bei dem alle, die nicht den Sprung über die Messlatte schaffen, außen vor bleiben“, plädiert er für eine „systemische Variante“ von G8. Konkret: Leistungsstarke Schüler werden in nur einem Jahr den Stoff der 10. und 11. Klasse absolvieren und danach wieder mit den Schülern der 12. Klasse zusammengeführt. Dabei erhalten sie zusätzliche fachliche Unterstützung, die Klassenzahl soll zudem auf höchstens 20 Schüler begrenzt sein.

An der Umsetzung dieses Ziels wird Dieter Stephan künftig nicht mehr an vorderster Front mitwirken. Auch an den weiteren „Abwehrkämpfen“, wie er es nennt, wird er nur noch im Hintergrund beteiligt sein. Neben der Vermeidung des Versetzungsgebots und des Abschulungsverbots ist dies auch die „Reduktion der Inklusion auf ein rationales Maß“, wie er es in schulpolitischem Deutsch ausdrückt. Eine „zieldifferente Beschulung“, also ein nicht für alle Schüler gleichermaßen gültiges Schulziel, „würde die Gymnasien auf Dauer kaputt machen.“ Seinen Rücktritt gibt Dieter Stephan offiziell bei der Jahreshauptversammlung der Direktorenvereinigung heute in Bad Zwischenahn bekannt. Nachfolger wird der bisherige Pressesprecher des Verbandes Dr. Wolfgang Schimpf.

2 Kommentare

  1. Werner Schneyder

    Wenn ein intelligenter Mensch wie D. Stephan ein Amt niederlegt wegen Überlastung, dann kann man das nicht recht glauben. Die Arbeitsbelastung war vorher klar.
    Seine differenzierte Denkweise stand den Kollegen Oberstudiendirektoren wohl im Weg. Die letzte Pressemitteilung dieses Verbandes strotzt nur so von Angriffen auf die Landesregierung, absichtlich übersehend, dass es die alte Landesregierung war, die uns G8 bescherte. Diese dumpfbackene Haltung wollte D. Stephan wohl nicht mehr mittragen.

  2. Dieter Stephan legt den Finger in die Wunden der Bildungspolitik, die offenbar nur noch von Wunschdenken geprägt ist, wenn man es euphemistisch ausdrücken will. Klarsichtig benennt er, dass die „zieldifferente Beschulung“ einen Frontalangriff auf das Gymnasium darstellt. Schulziel des Gymnasiums ist (oder war), die Hochschulreife der Schülerschaft herbeizuführen. Diese Hochschulreife wird immer mehr zu einer Zeile auf einem Blatt Papier. Professoren klagen, dass selbst einfachste Rechtschreibkenntnisse bei der Student/innen nicht mehr vorhanden sind – Folge der sog. Rechtschreibreform, die bis heute nachwirkt und eine völlige Verunsicherung z.B. auf dem Gebiet der Getrennt- und Zusammenschreibung bewirkt hat (siehe im Artikel „allgemein bildend“ statt allgemeinbildend). Und nun soll der Gymnasiallehrer neben den originären Gymnasiasten eine Gruppe von Schülern, die mit den bisherigen Zielen des Gymnasiums überhaupt nichts mehr zu tun hat, ja, dem Ziel der Hochschulreife bei den anderen Schülern mit Sicherheit entgegenläuft, „zieldifferent“ (ach, immer diese wohlklingenden Vokabeln…) unterrichten. Mir wird immer klarer, dass die Inklusion nichts anderes darstellt als einen ideologisch geprägten Angriff auf das Gymnasium mit dem Ziel, dieses endlich, endlich in der jetzigen Form abzuschaffen. Man ist dabei, mit allen Kräften. Ich bin froh, dass meine Kinder das Abitur in der Tasche haben und ich hoffe, dass ich in meiner restlichen Dienstzeit an einem Gymnasium die Inklusion in meinem Bereich ausbremsen kann. Danach, das wird in acht Jahren der Fall sein, können rote und grüne Ideologen gern alle Kinder ab 3 Jahren unabhängig von ihren Voraussetzungen in einem riesigen Klassenraum versammeln und zieldifferent von ausgebrannten Pädagogen nebst drei oder vier halbgebildeten Hilfskräften beschulen lassen. Dann sind alle gleich, gebildet aber nicht.