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Da, wo Johannes Prüter jetzt trockenen Fußes am Elbestrand steht, hätte er vor genau einem Jahr bis zum Hals im Wasser gestanden - wenig Schnee und wenig Regen haben für extrem niedrige Wasserstände der Elbe gesorgt.
Da, wo Johannes Prüter jetzt trockenen Fußes am Elbestrand steht, hätte er vor genau einem Jahr bis zum Hals im Wasser gestanden - wenig Schnee und wenig Regen haben für extrem niedrige Wasserstände der Elbe gesorgt.

Vögel und Frösche haben es schwer

pet Radegast. Was für ein Gegensatz: Mit aller Macht kämpften vor neun Monaten Tausende Helfer gegen eine Rekord-Elbeflut. In diesen Tagen zeigt sich an gleicher Stelle ein anderes Extrem: Als ,,extrem niedrig“ bezeichnet Dr. Johannes Prüter, Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsische Elbtalaue, den augenblicklichen Wasserstand. Gerade einmal 615 Zentimeter zeigte der Elbepegel bei Bleckede gestern an glatte zwei Meter weniger als vor genau einem Jahr. Dort, wo jetzt im Frühjahr das Wasser ein, zwei Meter hoch stehen würde, tauchen Sandbänke aus dem Wasser auf, die normal eher im Hochsommer trocken fallen.

Prüter, der direkt an der Elbe lebt, hat einen solch niedrigen Wasserstand um diese Jahreszeit ,,in 30 Jahren noch nicht erlebt“. Die Ursachen: Der milde Winter hat auch in Tschechien, dem Quellgebiet der Elbe, wenig Schnee gebracht. Das sonst um diese Zeit von dort kommende Schmelzwasser bleibt fast völlig aus. Und auch die geringen Regenfälle der letzten Zeit machen sich bemerkbar, weder im Quellgebiet der Elbe noch im weiteren Verlauf des Flusses hat es in den zurückliegenden Wochen nennenswerte Regenfälle gegeben und das in einer Zeit, die zu den regenreichsten des Jahres gehört. Statt durchschnittlich 40 Liter pro Quadratmeter Regen fielen etwa in Sachsen-Anhalt im März nur zehn Liter/Quadratmeter.

Der niedrige Wasserstand, so Prüter, habe sich durchaus schon für die Tierwelt bemerkbar gemacht. ,,Sonst um diese Zeit in großer Zahl durchziehende Wasser- und Watvögel sind sehr viel unauffälliger sichtbar.“ Spieß-, Löffel- oder Krickenten, die sonst zu Hunderten in der Elbtalaue rasten, seien jetzt nur vereinzelt anzutreffen. Vogelarten, die unter normalen Umständen im Flachwasser der Elbe brüten, finden in diesem Jahr keine geeigneten Brutplätze. Brüten sie auf den trockenen Flächen, so Prüter, werden sie leicht Opfer von Fuchs oder Marder. ,,Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass es in diesem Jahr weniger Nachwuchs geben wird.“ Betroffen seien auch Wiesenvögel wie Kiebitz oder Brachvogel, die auf den trockenen Wiesen nicht wie gewohnt Würmer finden.

Schwerer haben es auch Frösche und Kröten, die in Elbnähe kaum die sonst dort vorhandenen Flachwassertümpel oder andere Laichgewässer finden. Wenn sie auf der Suche nach geeigneten Gewässern auf lange Wanderschaft gehen müssen, laufen sie Gefahr, das nicht zu überleben, etwa von Autos überfahren zu werden.

Aber es sei eben normal, dass die Auenlandschaft der Elbe ,,auch einmal trocken liege“, so Prüter. Keine Sorgen mache er sich auch um die Pflanzenwelt. ,,Arten, die hier vorkommen, haben im vergangenen Juni sechs Wochen unter Wasser gestanden und haben das ausgehalten. Sie werden auch die Trockenheit verkraften“, ist Johannes Prüter zuversichtlich. ,,Das ist eben die Natur. Vielleicht bekommen wir ja im April oder im Mai viel Regen.“

Aufmerksam beobachten auch andere Experten die niedrigen Wasserstände. ,,Wir sehen das gelassen“, sagt Herma Heyken, Pressesprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Und Bettina Kalytta, Leiterin des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lauenburg, sagt. ,,Das ist kein dramatisches Ereignis.“ Auch die Schifffahrt sei bei Fahrrinnentiefen von 180 bis 220 Zentimetern im Bereich zwischen Dömitz und Lauenburg zurzeit nicht gefährdet.

423 Kubikmeter Wasser pro Sekunde seien gestern auf Höhe des Pegels Neu Darchau die Elbe hinabgeflossen, so Kalytta. Die Spitzenwerte bei extremen Hochwasserereignissen betragen bis zu 4000 Kubikmeter. Schon weit weniger dramatisch falle der Vergleich zu mittleren Wasserständen aus, wenn 600 bis 700 Kubikmeter pro Sekunde gemessen werden, so Kalytta.

Mit großem Interesse registriert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die niedrigen Pegel auch mit Blick auf Bestrebungen, die Elbe zu einer ganzjährig befahrbaren Wasserstraße machen zu wollen. Ernst Paul Dörfler vom Elbeprojekt des BUND erklärt: „Wenn sogar in einer gewöhnlich wasserreichen Jahreszeit das Wasser in der Elbe knapp ist, entpuppt sich dieses Bestreben, wie es manche Landes- und Bundespolitiker immer noch fordern, als ein Vorhaben jenseits der Realität.“

Einen Lichtblick, so der BUND, biete die Trockenheit: Bei den Mücken eine Plage des vergangenen Jahres wird der Nachwuchs ausbleiben.