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Insgesamt 45 Frauen und Männer leben im Seniorenheim Elbuferpark in Alt Garge, viele von ihnen blicken auf ein ereignisreiches Leben zurück. Foto: t&w
Insgesamt 45 Frauen und Männer leben im Seniorenheim Elbuferpark in Alt Garge, viele von ihnen blicken auf ein ereignisreiches Leben zurück. Foto: t&w

Ein Altenheim voller Geschichten +++ Mit Audiointerviews

Es liegt versteckt am Ende einer Sackgasse, nicht weit vom Waldrand im Elbdorf Alt Garge: das Senioren- und Pflegeheim Elbuferpark. 45 Männer und Frauen leben dort gemeinsam unter einem Dach – und wie alle Altenheime ist auch dieses ein Ort voller Geschichten. Sie handeln vom Krieg, von Flucht und Heimat, von persönlichen Schicksalsschlägen und dem großen Glück des Lebens. LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff hat sich mit Brunhilde Frömming, Richard Grützmacher, Ilse Neumann und Elisabeth Borgert getroffen und mit ihnen über ihre Erinnerungen gesprochen. Immer mit dabei war das Diktiergerät. Es hielt vier Lebensgeschichten und ein Stück deutscher Vergangenheit fest, die Sie nun miterleben können. Klicken Sie sich einfach durch die unten stehenden Audiointerviews, die teilweise in Kurz- und Langversion zur Verfügung stehen. Alle Texte lesen Sie in der aktuellen Wochenendausgabe der LZ. 

 „Ich war ganz steif und habe nur noch in Angst gelebt“

Foto: t&w Senioren- und Pflegeheim Elbuferpark Alt Garge Brunhilde Frömming
Brunhilde Frömming wächst in Pommern auf, „ich hatte eine wunderschöne Kindheit“, sagt sie, „da waren wir frei.“ Foto: t&w

Ihre Mutter stirbt, als sie vierzehn ist. Mit achtzehn flieht sie vor den Russen. Mit sechsundzwanzig verliebt sie sich in einen Mann – und verliert ihn zwölf Jahre später an den Krebs. Brunhilde Frömming hätte viele Gründe, über das Leben zu weinen. Doch sie tut es nicht. Zumindest laufen ihr keine Tränen über die Wangen. Die 89 Jahre alte Frau sitzt in ihrem Altenheimzimmer auf einem Sofa, ganz still, nur ihre Hände sind beim Reden unablässig in Bewegung. Es ist lange her, dass sie jemandem von ihrem Leben erzählt hat. „Wissen Sie“, sagt sie, „ich bin zufrieden jetzt.“ Ihre kleinen schlammfarbenen Augen wandern durch den Raum, vorbei an Bildern und Büchern, für einen Moment legt sie die schmalen Hände in den Schoß, ganz ruhig, dann sagt sie: „Im ganzen Leben habe ich es nicht so gut gehabt wie hier.“

Brunhilde Frömming ist eine stille Frau. „Wenn Gespräche in der Runde sind, komme ich nicht zu Wort“, sagt sie. „Dann halte ich den Mund, aber ich höre gerne zu und beobachte.“ Als Mädchen hat sie Gedichte geschrieben, kleine Geschichten, „ich bin gerne für mich allein gewesen und habe in die Welt geträumt“. Sie würde heute noch schreiben, wenn die Augen besser und die Hände beweglicher wären. Für die Kinder, Enkel und Urenkel will Brunhilde Frömming ihr Leben nun auf Tonband sprechen. Die Aufnahme wird in einem kleinen Dorf in Pommern, in ihrer Kindheit beginnen, „das war die schönste Zeit meines Lebens und die unbeschwerteste“.

Als Tochter von Landarbeiten wächst Brunhilde Frömming mit einem „Sack voll Geschwistern“ auf, sie hütet Gänse, baut sich mit Freunden eine Wohnung unter Büschen, in der sie sich sonntagmorgens die Lackschuhe und weißen Socken schmutzig macht. Auch wenn sie früh arbeiten, mit neun den ganzen Herbst über Kartoffeln sammeln muss, ist sie ein glückliches Kind. Bis 1938.

Mit dem frühen Tod der Mutter endet ihre Kindheit. „Plötzlich war ich Hausfrau, Mutter, Arbeiterin, musste mich um alles kümmern, was da war, Kinder, Vieh, Feld und Garten.“ Ihr Vater zieht zur Schwester, die bereits geheiratet hat. „Die war als Hausfrau tiptop, ich hingegen taugte nicht für den Haushalt.“ Brunhilde Frömming schweigt für einen Moment, streift sich mit der Hand durch das kurze graue Haar. Dann lächelt sie und sieht traurig dabei aus. „Na ja, so war das.“

Später als Witwe mit drei Kindern kümmert sie sich um ihren Vater, pflegt ihn zuhause in Alt Garge, bis er mit Hundert Jahren stirbt. Dass er sie nach dem Tod ihrer Mutter allein gelassen hat, weil sie keine gute Hausfrau war, darüber spricht Brunhilde Frömming nicht. Überhaupt, sie klagt nicht, jammert nicht ein einziges Mal. Das einzige, was sie hin und wieder sagt, ist: „Das war schwer.“ Nicht weil sie Mitleid will, sondern weil es so war. Schwer. Als ihre Mutter stirbt. Und sie bald darauf ihre Heimat verliert, mit ihrem siebenjährigen Bruder, der dreijährigen Nichte und ihrer Schwester vor den Russen flieht.

Brunhilde Frömming ist keine zwanzig, als sie lernt, deutsche von russischen Geschossen zu unterscheiden. Als sie morgens um fünf von den „Stalinorgeln“ geweckt wird, als sie erfährt, was hungern und betteln bedeutet. Bis nach Kolberg schlägt sie sich zu Fuß und mit der Bahn durch, von dort aus bringt sie ein Schiff nach Stettin, danach fahren sie zur viert mit dem Zug bis nach Hamburg. „Wir haben es geschafft, alle zusammen“, sagt sie. Das ist im Krieg die Hauptsache. Von allem anderen will sie nichts mehr wissen.

Brunhilde Frömming macht weiter, ohne zu klagen. Sie funktioniert, auch als 1962 ihr Mann stirbt und sie mit drei Kindern zurückbleibt. Zwei Jahre lang trägt sie damals schwarz, „wenn ich andere Sachen anziehen sollte, habe ich mich wie eine Verbrecherin gefühlt.“ Schließlich sagt ihr Sohn zu ihr, „Mama, ziehst du denn mal was anderes an?“ Sie tut es – und bleibt trotzdem allein. „Wie ein Glucke habe ich meine Kinder gehütet, uns mit dem wenigen Geld irgendwie durchgebracht“, sagt sie. Dann sind die Kinder eines Tages aus dem Haus. Und Brunhilde Frömming bricht zusammen.

„Ich war so steif, ich konnte nichts mehr sehen, nicht reden, habe nur noch in Angst gelebt, wenn der Opa hustete, habe ich im Bett gelegen und gezittert.“ Die Ärzte diagnostizieren eine schwere Depression, schicken sie Anfang der 1980er-Jahre in eine psychiatrische Klinik nach Hamburg. „Da hat der Arzt zu mir gesagt, ich will tun, was ich kann, aber Sie müssen auch wollen.“ Brunhilde Frömming hebt das Kinn, spitzt den Mund zu einem trotzigen Lächeln. „Und ich wollte.“

Irgendwie, sagt die 89-Jährige, „bin ich wieder ein normaler Mensch geworden“. Und irgendwie hat sie wieder Freude am Leben gefunden. Im Alter hat sie ein wenig Geld ganz für sich, bucht Zeichenkurse, lernt zu malen, liest. Und Brunhilde Frömming träumt sich wieder in die Welt, zurück in ihre Kindheit. Seit sie vor fünf Jahren ins Altenheim gezogen ist, hat sie die Zeit dafür. Und die Sicherheit. „Hier kümmert man sich um mich.“ Ein besonderes Gefühl – vor allem für sie.

Begeben Sie sich  mit Richard Grützmacher, Ilse Neumann und Elisabeth Borgert auf eine Reise in die Vergangenheit. Die Artikel zu den Lebensgeschichten lesen Sie in der aktuellen Wochenendausgabe der LZ.

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Wenn Richard Grützmacher von seiner Zeit als Seemann erzählt, ist er in seiner Welt. „Es gibt nichts Schöneres“, sagt er.
Foto: t&w Senioren- und Pflegeheim Elbuferpark Alt Garge. Ilse Neumann
Als junges Mädchen verliebt sich Ilse Neumann in einen Soldaten, drei Jahre später bewahrt er sie mitten im Krieg vor dem Arbeitsdienst. Foto: t&w
Foto: t&wSenioren- und Pflegeheim Elbuferpark Alt GargeElisabeth Borgert
Elisabeth Borgert ist als Arbeiterkind in Hamburg aufgewachsen, hat einen Arbeiter geheiratet und war selbst Arbeiterin. „Was hätten wir anderes als die SPD wählen sollen?“, sagt sie. Foto: t&w

 

One comment

  1. Habe selten so gerne die Samstags-LZ gelesen. Sehr schöner Artikel. Sehr einfühlsam geschrieben. Eine Doppelseite ohne begleitende Werbung … einfach so … Respekt!