Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Viele psychisch erkrankte Patienten haben den Wunsch, im vertrauten häuslichen Umfeld behandelt zu werden. In den Landkreisen Lüneburg und Harburg soll das nun ein Modellprojekt ermöglichen. Foto: be
Viele psychisch erkrankte Patienten haben den Wunsch, im vertrauten häuslichen Umfeld behandelt zu werden. In den Landkreisen Lüneburg und Harburg soll das nun ein Modellprojekt ermöglichen. Foto: be

Behandlung zu Hause

as Lüneburg. Schon lange ist bekannt, dass viele psychisch kranke Patienten auch mit schweren Erkrankungen lieber im häuslichen Umfeld als stationär behandelt werden möchten. Mit Blick darauf hat die Psychiatrische Klinik Lüneburg (PKL) gemeinsam mit der AOK Niedersachsen nun ein Versorgungsmodell entwickelt, das eine teilstationäre oder eben ambulante Versorgung im vertrauten Umfeld ermöglicht. Das sogenannte Home-Treatment, die Intensivbehandlung zu Hause, habe sich in anderen Bundesländern bereits bewährt. In Niedersachsen ist es ein Modellprojekt, von dem zunächst erwachsene AOK-Patienten in den Kreisen Harburg und Lüneburg profitieren sollen. ,,Das Projekt hat zunächst eine Laufzeit von acht Jahren und soll zu einem späteren Zeitpunkt auch für Versicherte anderer Krankenkassen geöffnet werden“, erläuterten PKL-Chef Rolf Sauer und der AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Jürgen Peter. Es soll wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden.

Einen Trend von der stationären zur ambulanten Behandlung von psychisch Erkrankten gibt es seit Jahren, Tageskliniken und Ambulanzen gehören inzwischen zum Angebot. Eine bürokratische Hürde war bisher jedoch, dass über die Vergütung der einzelnen Behandlungsbereiche immer gesondert mit den Kassen verhandelt werden musste. Eine neue gesetzliche Regelung ist nun die Grundlage dafür, ,,dass den Kassen und Krankenhäusern deutlich mehr Entscheidungsspielräume eingeräumt werden. Die AOK ist die erste Krankenkasse, die in Niedersachsen diese neue Möglichkeit nutzt“, sagt Dr. Peter. Die PKL bekommt nun ein Budget, kann flexibel entscheiden und steuern, welche Behandlungsform für den Patienten am sinnvollsten ist. Aus Sicht von PKL-Chef Rolf Sauer können dadurch Leistungen der Kasse ,,bei der optimalen Versorgung von Patienten gezielter eingesetzt werden. Unser Ziel ist es, Patienten auch die wohnortnahe Behandlung zu ermöglichen“.

Im Mittelpunkt des Projekts steht ein spezielles Behandlungskonzept, das stärker als bisher auf die jeweilige Situation der Patienten abgestimmt ist. Flexibel kann abgewogen werden, ob eine stationäre oder tagesklinische Behandlung im Sinne des Patienten notwendig ist, ,,oder unter welchen Bedingungen eine Betreuung im häuslichen Umfeld dazu beitragen kann, die Entstehung von psychischen Krisensituationen zu vermeiden“, sagt Dr. Sebastian Stierl, Ärztlicher Direktor der PKL, der auch deutlich macht: Das Behandlungsangebot richtet sich an jene Patienten, die aufgrund der Schwere und Dauer ihrer Erkrankung stationär behandelt werden müssen. ,,Es gibt aber auch psychisch Erkrankte, für die der geschützte Raum einer Klinik in einer bestimmten Phase eher nachteilig für den Heilungsprozess ist. Diese profitieren von einer Behandlung zu Hause. Das Modellprojekt schafft da alternative Behandlungsformen und sorgt auch dafür, in manchen Fällen die stationäre Verweildauer abzukürzen.“ Außerdem sieht Dr. Stierl einen Vorteil darin, dass Patienten, die in Krisensituationen nicht den Schritt in die Klinik machen, zu Hause aufgesucht und dort für sie Behandlungsschritte eingeleitet werden können. Das Projekt, da ist Stierl sich mit Sauer einig, sei eine große Herausforderung, weil es Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Pflegekräfte vor eine ganz neue Aufgabe stelle, ,,die wir gerne angehen“.

Neu ausrichten müsse sich auch der Pflegedienst, ergänzt PKL-Pflegedirektor Egbert Bolmerg. Während die Pflegekräfte in der Klinik im Team-Verbund arbeiten, sind sie bei der ambulanten Versorgung auf sich allein gestellt. Um dafür gewappnet zu sein, gebe es Qualifizierungsmaßnahmen. Bolmerg sieht Pflegekräfte mit Blick auf die neue Aufgabe auch als eine Art Lotsen, die im Kontakt stehen mit behandelnden Ärzten und Ergotherapeuten. Das Modellprojekt eröffne zudem die Chance, im Rahmen der ambulanten Betreuung Angehörige noch stärker einzubeziehen.