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Mit hohen Erwartungen und geliehenen Gummistiefeln ist Edeltraud Kaufmann aus Hamburg in den Stall von Bauer Voß nach Laave gekommen. Milchkuh Laura hat sie nicht enttäuscht und sich ausgiebig von der Buchhalterin kuscheln lassen.
Mit hohen Erwartungen und geliehenen Gummistiefeln ist Edeltraud Kaufmann aus Hamburg in den Stall von Bauer Voß nach Laave gekommen. Milchkuh Laura hat sie nicht enttäuscht und sich ausgiebig von der Buchhalterin kuscheln lassen.

Kuhkuscheln „tut der Seele gut“

off Laave. Sonntagnachmittag, kurz nach drei, im Kuhstall von Bauer Voß. In halbhohen roten Gummistiefeletten stakst Edeltraud Kaufmann durch die Strohbox, bleibt neben Milchkuh Laura stehen, streichelt den Kopf der Schwarzbunten und legt vorsichtig den Arm um ihren Hals. Als Laura artig stehen bleibt, schmiegt sie ihren Körper an den der Kuh, spürt das weiche Fell, die Wärme und den kräftigen Herzschlag des Tieres. Es ist der Augenblick, den sich die Buchhalterin aus Hamburg schon lange gewünscht hat und der sich nun beim Kuhkuscheln mit Laura erfüllt. Für einen Moment wollte sie alle Probleme vergessen, zur Ruhe kommen und einmal tief durchatmen. An der Seite der 700-Kilo-Kuh gelingt es ihr. „Diese Tiere sind einfach wunderbar“, sagt sie. Balsam für die gestresste Städterseele und eine zusätzliche Einkommensquelle für Landwirt Jürgen Voß.

In dem kleinen Elbtaldorf Laave (Amt Neuhaus) verdient der Bauer sein Geld normalerweise mit der Milcherzeugung. Seit einigen Jahren bietet er außerdem Ferien auf dem Bauernhof an, „da passte das Kuhkuscheln“, sagt er. In einer Fachzeitschrift hat er von dem Trend in den Niederlanden gelesen, wenige Monate später standen die ersten Kunden auf seinem Hof. Wer 50 Euro für einen Familiennachmittag mit Kaffee, Kuchen und Kuhhuscheln mit Kühen bezahlt? „In aller erster Linie Frauen“, sagt Voß. „Meistens aus der Stadt.“

Edeltraud Kaufmann hat das Kuhkuscheln von ihrem Mann Jan bekommen. Ein Geschenk zum 48. Geburtstag. „Manche Kollegen fanden das schon ein wenig skurril“, sagt er. Abgehalten, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen, hat ihn das nicht. „Im Internet habe ich nach Anbietern in der Region gesucht und zwei Landwirte gefunden.“ Überzeugt hat ihn am Ende Bauer Voß, der Kuhkuschlern auf seiner Internetseite einen „schönen Nachmittag“ verspricht, „den Sie so schnell nicht vergessen werden“.

Was Edeltraud Kaufmann in Laave erwartet, kann sie nur ahnen, als sie am Sonntagvormittag mit Ehemann und Tochter Katharina in Hamburg aufbricht. Beim Fernsehen hat sie vom Kuhkuscheln erfahren und sofort gedacht: „Das will ich auch.“ Erfahrung im Umgang mit Kühen hatte sie nicht. Noch nicht einmal Gummistiefel standen in ihrem Schuhschrank. „Die musste ich mir erst von meiner Mutter leihen.“ Für Milchkuh Laura kein Problem. Die Schwarzbunte lässt sich von allen Menschen gerne kuscheln, „vorausgesetzt, sie bringen ein Mindestmaß an Ruhe mit“, sagt Voß. Er selbst testet regelmäßig Lauras Kuscheltauglichkeit. „Denn das macht nicht jede Kuh mit.“

In Deutschland bieten mittlerweile immer mehr Landwirte Kuhkuscheln an, während sich in den Niederlanden bereits der nächste Trend anbahnt. Kuh-Therapien für müde Manager. Um die Geschäftsleute wieder fit und kreativ zu machen, geht ein Bauer mit ihnen zum Meditieren mit Kühen in den Stall. Landwirt Voß wunderts nicht. „Kühe haben einfach eine unheimlich beruhigende Art“, sagt er. Ihr Atem, das stetige Wiederkäuen, ab und zu ein Rülpser, dazu die mollige Körperwärme von 39 Grad Celsius, „das tut der Seele einfach gut“. Auch Jürgen Voß kennt zum Runterkommen keinen besseren Ort als seinen Stall und keine besseren Therapeuten als seine Kühe.

In der Strohbox hat Milchkuh Laura dem Kuscheln inzwischen ein Ende gesetzt. Unruhig schlägt sie mit Kopf und Schwanz, ein deutliches Zeichen. „Ihr reichts“, sagt Voß. Edeltraud Kaufmann nimmt es mit der Gelassenheit, die ihr Milchkuh Laura in den vorigen zwei Stunden vermittelt hat. Sie lächelt. Und stört sich weder an dem Mist, der an ihren Schuhen klebt, noch an den Dreckflecken auf Jeans und Jacke. Die Hamburgerin ist glücklich. Und auch wenn andere es für Spinnerei halten, sie ist überzeugt: Das hat sie Milchkuh Laura zu verdanken. Die letzten Kuhhaare noch im Gesicht macht sich die 48-Jährige auf den Heimweg und plant gedanklich bereits das nächste Kuhkuscheln.