Dienstag , 27. September 2016
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Für manche sind es bloße Zahlenspiele, für andere Beleg für eine schlechte Versorgung mit Lehrern: Die Unterrichtsversorgung an Schulen ist immer wieder ein Thema für die Politik. Foto: A/be
Für manche sind es bloße Zahlenspiele, für andere Beleg für eine schlechte Versorgung mit Lehrern: Die Unterrichtsversorgung an Schulen ist immer wieder ein Thema für die Politik. Foto: A/be

Deutungshoheit über die Statistik

ahe Lüneburg. Mit verlorenen Wahlen ändern sich bei Politikern schon mal die Sichtweisen. Was in der Zeit der eigenen Regierungsverantwortung noch gut war oder als durch unbeeinflussbare äußere Umstände entschuldigt wurde, ist nun plötzlich alles ganz anders, nämlich die Schuld der politischen Nachfolger. Ein Paradebeispiel dafür ist in schöner Regelmäßigkeit die Unterrichtsversorgung an den Schulen. Der jeweilige Kultusminister brüstet sich einmal pro Halbjahr mit statistisch phänomenalen Werten, die selbst die SED zu DDR-Zeiten vor Neid erblassen lassen hätte. Und die Opposition rügt solche Zahlen gern als Taschenspielertricks und kreidet dem politischen Gegner permanenten Unterrichtsausfall an.

Aktuell ist es die CDU-Landtagsabgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock, die sich empört: „Mehrere Gymnasien in Stadt und Landkreis Lüneburg müssen mit einer Unterrichtsversorgung von unter 100 Prozent auskommen.“ Für sie ist klar: „Rot-Grün spart auf dem Rücken der Gymnasien.“ Das schade dem Schulklima. Statistische Werte nennt sie für das Gymnasium Oedeme, das mit einer Versorgungsquote von 94,9 Prozent auskommen müsse, die Herderschule, wo die Versorgung bei 98,6 Prozent liege, und das Gymnasium Bleckede, das eine Quote von 99,1 Prozent aufweise. Für die Abgeordnete ist klar: „Die vom Kultusministerium veröffentlichte durchschnittliche Unterrichtsversorgung an Gymnasien von 101 Prozent bedeutet eben nicht, dass jedes Gymnasium gut versorgt ist.“

Was sie neben Werten anderer Schulformen als möglichen Beleg einer Benachteiligung ebenfalls verschweigt: Für das Johanneum (100,4 Prozent), das Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck (102,4 Prozent) und die Wilhelm-Raabe-Schule (103 Prozent) liegen die Werte über der statistischen Vollversorgung. Und: In den zurückliegenden Jahren, unter der CDU-/FDP-Landesregierung, waren die Werte, die sich auf die Versorgung zu Schuljahresbeginn, also im August 2013 beziehen, nicht besser. Stets wurde nachjustiert, wurden erst zum 1. November oder gar zum zweiten Schulhalbjahr im Februar zusätzliche Lehrer für die vakanten Stellen eingestellt. Damals hatten unter anderem Bertholdes-Sandrocks Parteikollege Dr. Bernd Althusmann als Kultusminister oder auch dessen Vorgänger Heister-Neumann und Busemann gern damit argumentiert, dass die 100 Prozent in der Regel deshalb oft nicht zu erreichen seien, weil es Mangelfächer gebe, für deren Unterricht schlicht nicht genug Lehrer zur Verfügung stünden.

Nun, in neuer Rolle als Opposition, eignen sich die Zahlen gut für eine Generalkritik: Junge Lehrer erhielten kaum eine Chance, behauptet Karin Bertholdes-Sandrock. Überhaupt seien die fehlenden Prozentpunkte wie schon die Erhöhung der Lehrerarbeitszeiten nur ein weiterer Beleg dafür, dass Rot-Grün die Gymnasien bewusst schwächen wolle. Deshalb steht für sie fest: „Die Gymnasien in Lüneburg erleben schwere Zeiten.“ Kenner vermuten, dass diese Lageeinschätzung wohl mindestens bis zur nächsten Landtagswahl anhhält.