Dienstag , 27. September 2016
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Michail Rygalow, sowjetischer Kriegsgefangener in Lüneburg, wurde angeblich auf der Flucht erschossen, sein Leichnam bei Reppenstedt verscharrt. Das Bild haben Lüneburger Leienhistoriker bei ihren Recherchen gefunden.
Michail Rygalow, sowjetischer Kriegsgefangener in Lüneburg, wurde angeblich auf der Flucht erschossen, sein Leichnam bei Reppenstedt verscharrt. Das Bild haben Lüneburger Leienhistoriker bei ihren Recherchen gefunden.

Die vergessenen Toten

ca Lüneburg. Iwan Strjutschkow starb an einer „Vergiftung durch Abfallnahrung“. Michail Rygalow, 1942 bei Stalingrad gefangen genommen und später an die Ilmenau verschleppt, versuchte zu fliehen. Im April 1944 wurde er bei Barendorf erschossen. Die Leichname der beiden wurden später am Osterberg verscharrt, also zwischen dem Landgasthof Böhmsholz und Reppenstedt. Die Schicksale der sowjetischen Kriegsgefangenen sind keine Einzelfälle. In Lüneburger Betrieben wie etwa der Saline oder Kausch wurden die Männer während des Nationalsozialismus zur Arbeit gezwungen. Viele von ihnen starben, an „Entkräftung und allgemeiner Körperschwäche“, wie es in Akten vermerkt wurde. Eine Verschleierung: Die Männer bekamen wenig und schlechtes Essen und mussten hart arbeiten. Oftmals eine tödliche Kombination.

Peter Asmussen, Hans-Jürgen Brennecke und Manfred Messer sind dem Schicksal der Toten von Böhmsholz nachgegangen, rund 50 Menschen wurden dort vergraben. Die Laienhistoriker haben beispielsweise einen Aktenvermerk des damaligen Lüneburger Landrats Albrecht aus dem November 1941 gefunden. Dort heißt es: „Für die Überführung und Bestattung ist ein Sarg nicht zu fordern. Die Leiche ist mit starkem Papier (möglichst Öl-, Teer- oder Asphaltpapier) oder geeignetem Material vollständig einzuhüllen. Die Überführung und Bestattung ist unauffällig durchzuführen.“ Möglichst abgelegen solle der Ort sein, Feierlichkeiten oder Grabschmuck hätten zu unterbleiben. „Die Kosten sind so niedrig wie möglich zu halten.“

Das Los der Gefangenen blieb den Lüneburgern nicht verborgen. Sie arbeiteten in Betrieben mit ihnen, es gab Lager mitten in der Stadt wie etwa an der Ratsmühle.

Nach dem Ende des Terrorregimes, in Lüneburg marschierten englische Truppen am 18. April 1945 ein, gab es offenbar Gedenkfeiern für die Opfer. So finden sich für den November 1951 und 52 unter den amtlichen Bekanntmachungen in der Landeszeitung Hinweise auf Kranzniederlegungen auch für den sogenannten Russenfriedhof in Böhmsholz. Asmussen hat schon vor Jahren mit Zeitzeugen gesprochen. Der alte Wirt des Waldgasthofes Böhmsholz habe berichtet, dass man Jahre nach den Bestattungen im Wald Überreste der Leichen gefunden habe.

Mitte der 50er-Jahre sei das Gräberfeld aufgelöst worden. Die Gebeine der Toten seien Mitte der 50er-Jahre nach Munster überführt und in einem Massengrab beigesetzt worden. Messer und Brennecke, die in Munster waren, reagierten „erschüttert“. Die Grabstelle selber sei dort kaum auszumachen, Unterlagen zu den Männern aus der ehemaligen Sowjetunion seien nicht erhältlich. Dabei wissen die Lüneburger durch ihre Recherchen, dass die Namen der Toten beispielsweise im Lüneburger Friedhofsamt zu erfahren sind. Für die Forscher ein Versäumnis, denn Angehörige, die nach Vater und Großvater suchen, könnten so nicht informiert werden.

Auch müsse die Grabstätte in Munster ehrenvoll hergerichtet werden. Messer: „Das Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sieht den dauernden Bestand der Gräber von Kriegsopfern vor.“

Es würde sicher wenig Sinn machen, an dem verschwundenen Gräberfeld bei Böhmsholz einen Gedenkstein aufzustellen, sagt Asmussen. Aber eine Tafel an der Ratsmühle, also dem ehemaligen Lager der Kriegsgefangenen, sei wünschenswert. Messer sieht auch die Stadt gefordert. Sie könne sich bemühen, die Familien der Toten in Russland und anderen betroffenen Ländern wie der Ukraine zu ermitteln.