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Die Lüneburger Ärztin Agnes Schürmann gehörte zu einem deutschen Ärzteteam, dass jetzt in Gambia Kinder mit Kieferspalten operiert hat. Der Lüneburger Arbeiter-Samariter-Bund betreibt dort eine kleine Klinik. Die Anästhesistin erzählt, es gebe keine Beatmungsgeräte, Patienten in Narkose würden per Hand mit einem Beutel beatmet.
Die Lüneburger Ärztin Agnes Schürmann gehörte zu einem deutschen Ärzteteam, dass jetzt in Gambia Kinder mit Kieferspalten operiert hat. Der Lüneburger Arbeiter-Samariter-Bund betreibt dort eine kleine Klinik. Die Anästhesistin erzählt, es gebe keine Beatmungsgeräte, Patienten in Narkose würden per Hand mit einem Beutel beatmet.

Es geht ums Überleben

ca Lüneburg. Hamburg und Gambia haben eines fast gemeinsam: die Einwohnerzahl. In der hanseatischen Metropole leben 1,8 Millionen Menschen, in dem westafrikanischen Land rund 100000 weniger. „Hamburg hat 47 Krankenhäuser, Gambia eins und das Haus des Lüneburger ASB“, sagt Agnes Schürmann. Die Ärztin hat eineinhalb Wochen in der kleinen Klinik des Arbeiter-Samariter-Bundes mitgearbeitet: „Es herrschen völlig andere Bedingungen als bei uns. In der Anästhesie haben wir mit Hand und Beutel beatmet, nicht mit Maschinen. Wir wussten nur wenig darüber, was für Vorerkrankungen die Patienten haben.“ Dass nach Operationen zwei, drei Menschen in einem Bett liegen, gehöre zum Alltag. Viel eher gehe es um Leben und Tod, denn anders als in Deutschland gehen viele Menschen erst zu einem Arzt, wenn ihre Lage bedrohlich ist.

Der ASB hilft seit Mitte der 90er-Jahre in Gambia. Seit 2002 betreibt er eine kleine Klinik in einem der ärmsten Länder Afrikas. Die aus St. Dionys stammende Gudrun Lehmbeck leitet das Haus seit elf Jahren, in dem die Rettungsassistentin mit rund 40 zumeist einheimischen Mitarbeitern pro Jahr rund 36000 Menschen betreut und jeden Monat 120 Geburten begleitet. Seit Jahren fliegt der Oldenburger Professor Lei Li im Frühjahr nach Gambia, um zu helfen. Er ist Spezialist für plastische Chirurgie und operiert dort vor allem Kinder, die an Kiefer-, Gaumen- und Lippenspalten oder an Tumoren leiden. Begleitet wird er von Medizinern, die wie er ehrenamtlich arbeiten. Dieses Mal zählte die Anästhesistin Agnes Schürmann zu seinem neunköpfigen Team.

„Man muss dort mit wenigen Mitteln zurechtkommen“, sagt die Lüneburgerin. Einen großen Teil des Operationsbestecks bringen die Ärzte mit: „Wir hatten jeder 40 Kilo Gepäck dabei.“ In zwei Teams werde den ganzen Tag operiert, „jetzt waren es 70 Patienten. Es sind Eingriffe, die man sonst in einem Dorfkrankenhaus nicht machen würde.“ So habe eine besondere plastische Operation neun Stunden gedauert. Einheimische OP-Pfleger seien nicht so umfangreich ausgebildet wie in Europa, daher „muss auch jeder Arzt alles machen“.

Manche Patienten kommen so spät, dass sie nicht immer gerettet werden könnten. „Bei uns geht jemand zum Arzt, wenn er eine Beule hat“, beschreibt die 37-Jährige die Lage. Doch in Afrika erfahre das Krankenhaus im Zweifel erst von dem Tumorleiden, wenn das Krebsgeschwür „so dick wie eine Apfelsine ist. Bis wir aus Deutschland da sind, ist der Tumor dann so groß wie ein Ball.“

Die Doktoren wollen weiter helfen, auch wenn sie wieder in Deutschland sind: Deshalb nehmen sie Präparate der Patienten aus Gambia mit und lassen sie hier untersuchen, tauschen über das Internet mit Gudrun Lehmbeck Bilder und Berichte aus, um so mögliche Wundheilstörungen quasi aus der Ferne behandeln zu können.

Die Klinik kann nur durch Spenden überleben. Die Gesichtsoperationen kosten rund 300 Euro pro Nase, gemeinnützige Organisationen wie die Rotarier geben Geld. Der ASB sammelt Medikamente und Geräte, auch die Lüneburger Klinik spendet ausrangierte Geräte, die dann in Afrika ihren Dienst versehen. Gerade gab es eine Benefizrallye von jungen Leuten, die gebrauchte Autos in Afrika verkauften und den Erlös dem Krankenhaus spendierten.

Agnes Schürmann, die in ihrem Urlaub nach Westafrika geflogen ist, sagt, es seien anstrengende Tage gewesen, aber die Medizinerin will im kommenden Jahr wieder helfen: „Man bekommt sehr viel zurück.“ Die afrikanischen Mütter und Väter sind dankbar, dass ihre Kinder nicht mehr entstellt sind. Denn die Kinder werden meist dämonisiert, gelten als gefährlich, die Familien werden gemieden. Werde den jungen Patienten nicht geholfen, „bleibt manches Kind im Busch. Es taucht nie wieder auf.“