Dienstag , 27. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Der Geschmack der Kindheit
Im Landkreis Lüneburg beginnt die Apfelblüte. Viele Obstbaumalleen finden sich in der Gemeinde Amt Neuhaus wie hier bei Bitter (gr. Bild). Insgesamt 9000 Apfel-, Birnen- und Pfaumenbäume stehen allein entlang von Gemeinde-, Kreis- und Landstraßen. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr der Gelbe Richard, die Apfelsorte des Jahres 2014.
Im Landkreis Lüneburg beginnt die Apfelblüte. Viele Obstbaumalleen finden sich in der Gemeinde Amt Neuhaus wie hier bei Bitter (gr. Bild). Insgesamt 9000 Apfel-, Birnen- und Pfaumenbäume stehen allein entlang von Gemeinde-, Kreis- und Landstraßen. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr der Gelbe Richard, die Apfelsorte des Jahres 2014.

Der Geschmack der Kindheit

emi Lüneburg. Für Siegfried Banse trägt der „Gelbe Richard“ den Geschmack seiner Kindheit. Vor dem Elternhaus des 85-Jährigen in Stiepelse stand ein schöner Baum mit Äpfeln dieser Sorte. Gern erinnert er sich daran, wie seine Mutter daraus Bratäpfel zubereitete, deren süßlicher Geruch durchs Haus zog. „Das war ein sehr beliebter Apfel, den damals jeder haben wollte“, sagt Banse. Heute droht die Sorte, die sich im rauen, norddeutschen Klima besonders wohlfühlt, in Vergessenheit zu geraten. Um sie zu bewahren, wurde sie jetzt im Freilichtmuseum am Kiekeberg zum „Apfel des Jahres 2014“ gekürt und gepflanzt.

Auch in Banses Heimat wächst der „Gelbe Richard“. Und steht derzeit so früh wie selten in Blüte. Insgesamt 60 Kilometer Obstbaumalleen gibt es laut Cornelia Bretz in der Gemeinde Amt Neuhaus. „Rund 9000 Bäume stehen an Gemeinde-, Kreis- und Landstraßen“, sagt die Umweltwissenschaftlerin vom „Verein Konau 11  Natur“, der sich um 22 Allee-Kilometer entlang von Gemeindestraßen kümmert. Denn wurden die Früchte im Herbst früher systematisch geerntet, verfaulen sie heute oft ungenutzt im Straßengraben. Deshalb haben sich Naturliebhaber im „Verein Konau 11  Natur“ zusammengeschlossen, um den Obstschatz in Amt Neuhaus zu pflegen.

Der „Gelbe Richard“, auch „Stintenburger“ genannt, ist eine robuste und schmackhafte Sorte. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Mecklenburg des 18. Jahrhunderts und wurde erstmals 1859 beschrieben. Der mittelgroße, kegelförmige Apfel mit von hellgrün nach gelb aufhellender Schale ist ab Ende September reif und kann gepflückt werden. „Er schmeckt besonders mild süß-säuerlich und ist dabei sehr saftig“, sagt Apfelexperte Eckart Brandt.

Auf diesen Genuss wird man allerdings im Landwirtschaftlichen Entdeckergarten des Freilichtmuseums am Kiekeberg noch lange warten müssen: Erst nach 14 Jahren trägt der „Gelbe Richard“ seine ersten Früchte. „Alte Sorten sind nicht auf schnelles Wachstum aus, die brauchen Zeit“, erklärt Brandt. Für die zügige Produktion im Erwerbsanbau sind sie nicht geeignet.

Am Kiekeberg darf der aktuell etwa 2,30 Meter hohe „Gelbe Richard“ nun in Ruhe heranwachsen  zwischen vielen anderen „Äpfeln des Jahres“ wie Knebusch (2013), Rotfranch (2012) und Martini (2011). Seit 14 Jahren pflanzt das Freilichtmuseum die alten Sorten an, um ihre Vielfalt zu zeigen. Das Museum setzt sich gemeinsam mit dem BUND Hamburg, Apfelexperte Eckart Brandt und Ulrich Kubina, Projektleiter der Norddeutschen Apfeltage, für den Erhalt der alten Apfelsorten ein, bilden die alten Apfelsorten doch einen Genpool für die Zukunft.

Viele finden sich auch im Amt Neuhaus. Ihre Geschichte zu ergründen, hat sich der „Verein Konau 11  Natur“ zur Aufgabe gemacht. Gesucht werden alte Fotos, Zeichnungen, Bücher, Zeitungsausschnitte sowie Gerätschaften zu Obstanbau, -ernte, -verwertung und -verarbeitung. Ein Teil der Informationen soll in eine Ausstellung für die Diele des Haupthauses von Konau 11 fließen. Mit der Ausstellung möchte der Verein dazu beitragen, altes Wissen zu bewahren. Ein paar Geschichten kann sicherlich auch Siegfried Banse beisteuern.