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Beim Gang über den Michaelisfriedhof findet man verrückte Grabsteine. Die Ursache sind Senkungsschäden am nahen Ochtmisser Kirchsteig.
Beim Gang über den Michaelisfriedhof findet man verrückte Grabsteine. Die Ursache sind Senkungsschäden am nahen Ochtmisser Kirchsteig.

Bunte Kugeln statt Kreuz

mm Lüneburg. Zwischen Urnengräbern auf dem Michaelisfriedhof steht Hans-Georg Grzenia ein wenig abschüssig. Der Leiter der Lüneburger Friedhofsverwaltung begutachtet das Gefälle, das an einigen Grabstellen die Steinfassungen zerbrochen hat. Die Abtragung von Sole könnte mögliche Ursache für die Senkungsschäden sein.

„Beisetzungen führen wir hier nur noch durch, wenn Angehörige auf mögliche Regressansprüche ausdrücklich verzichten“, verdeutlicht Grzenia. Diese Vorschrift scheint angesichts auch verrückter Gräber unumgänglich auf Lüneburgs ältestem Friedhof von 1651. Keine Vorschriften gebe es hingegen, wie Grabmäler aussehen sollten, denn das ist Sache der Angehörigen. „Wir wollen jedem Wunsch gerecht werden“, sagt Grzenia. Die Wünsche und das Aussehen der Grabstätten haben sich im Laufe der Zeit verändert.

Sichbar ist das durch deutlich schlichtere Gräber, historische Grabdenkmäler bestechen eher durch ihre Wuchtigkeit. Aber auch die Form der Kreuze hat sich verändert. Früher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert waren die noch gleichschenklig, sie waren auch anders herausgearbeitet, also aufgesetzt oder hervorgehoben. Heute sind die Kreuze oftmals in die Grabteine eingraviert. Auch die verändern ihre Form. Herz-Grabsteine oder ein Kreuz aus bunten Kugeln als Gedenkform sind neuartige Erscheinungen.

Neuartig ist auch die Möglichkeit des Online-Weiterlebens. In sozialen Netzwerken wie Facebook können Angehörige eine Erinnerungsseite für Verstorbene einrichten. Zudem gibt es Installationen für Grabsteine, über die Kondolenzen digital gespeichert werden können. „Die Zeit heutzutage ist schnelllebiger. Jede Art und Form der Trauer hat ihre Berechtigung. Das Online-Weiterleben kann interessant sein für Familien, die breit verstreut leben“, sagt Grzenia.

Mit Sterbe- und Friedhofskultur beschäftigt sich auch der Ideenwettbewerb des Freundeskreis Hospiz Lüneburg „Verdammt? Der Tod gehört zum Leben dazu“. Junge Lüneburger Schüler, Azubis, Studenten sind aufgerufen, kreative Ideen für den Umgang mit dem Tod zu entwickeln. Das Projekt wird unterstützt von der Zukunftswerkstatt Friedhofskultur, der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade und dem Innovationsverbund „Nachhaltiger Mittelstand“ am Center für Nachhaltigkeitsmanagement der Universität. Einsendeschluss ist am 31. Mai 2014. Eine Jury wählt dann die besten Konzepte aus, die im Juli prämiert werden sollen. Schirmherr ist Ulrich Mädge, im LZ-Interview erklärt der Oberbürgermeister, warum es wichtig ist, sich mit dem Thema Tod im Alltag zu beschäftigen.

Herr Mädge, warum ist das Thema Friedhofskultur wichtig für Lüneburg?
Mädge: Die Entwicklung von Friedhofskulturen ist nicht nur ein wichtiges Thema für Lüneburg, sondern generell für die Gesellschaft. In Deutschland gibt es eine spezielle Friedhofskultur, die ist klassisch und christlich geprägt. Unsere sieben Friedhöfe, darunter zum Beispiel auch der Zentralfriedhof, stellen in sich wirkende Friedhöfe dar. Angehörige tragen Verbesserungsvorschläge und Wünsche an uns heran, die wir versuchen zu verwirklichen. Wir sind auch bemüht, muslimischen Bürgern die Möglichkeit zu geben, nach ihren Ritualen zu bestatten. Bestrebungen das Friedhofsbild zu verändern, gibt es derzeit allerdings keine.

Was erwarten Sie von dem Ideenwettbewerb?
Mädge: Das Projekt soll junge Leute ansprechen. Im Alltag denkt man wenig über den Tod nach, was ja auch verständlich ist, wir wollen durch den Wettbewerb das Bewusstsein stärken. Ich war in meiner Jugend selbst Ministrant und habe so vielen Trauerfeiern beigewohnt, da bekommt man ein anderes Gefühl. Heutzutage suggerieren Videospiele ein verkehrtes Bild der Realität, denn beim wirklichen Tod steht keiner mehr auf.

Sie sind gläubiger Katholik, denken Sie im Alltag schon mal über ein Leben im Jenseits nach?
Mädge: Ja, sehr häufig sogar, das bringt auch mein stressiger Beruf mit sich. Die Arbeit birgt einen gewissen Risikofaktor. Bei bestimmten Ereignissen in der Umgebung erfahre ich zudem oft, dass das Leben endlich ist.

Welche Art von Bestattung würden Sie für sich selber wählen?
Mädge: Das möchte ich für mich behalten. Das sollte jeder für sich selber regeln.

Was halten Sie von neuen Bestattungsformen wie beispielweise dem ewigen Gedenken auf Online-Plattformen?
Mädge: Nicht viel, da bin ich christlich und konservativ geprägt. Der Tod bedeutet Abschied, den kann man nicht durch Online-Weiterleben umgehen. Man sollte nicht eine Welt vorspielen, die es gar nicht gibt.