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Gevatter Tod schaut im Hintergrund belustigt zu, wie sich wohlgenährte junge Männer mit der  Lederkugel abmühen.
Gevatter Tod schaut im Hintergrund belustigt zu, wie sich wohlgenährte junge Männer mit der Lederkugel abmühen.

Ein sympathischer Gevatter Tod

Als viktorianische Lady im Steampunk-Stil schaut sich Fabienne Dittmers auf dem Mittelalter-Kultur-Festival die verschiedenen Tücher an. Foto: t&w
Als viktorianische Lady im Steampunk-Stil schaut sich Fabienne Dittmers auf dem Mittelalter-Kultur-Festival die verschiedenen Tücher an. Foto: t&w

kre Luhmühlen. Lustig war das Leben im finsteren Mittelalter: Diesen Eindruck jedenfalls konnten Besucher bekommen, die am Osterwochenende das ,,Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ kurz MPS auf dem Reit- und Turniergelände in Luhmühlen besuchten. Verkaufsbuden, viel Musik, viel gute Laune, bunte Kostüme und das eine oder andere Spielchen zur Belustigung. Beste Stimmung also, wohin man schaute. Selbst Gevatter Tod, sonst wohl eher ein Geselle, mit dem man nichts zu tun haben möchte, kommt beim Spektakel als netter, leicht tolpatschiger Kumpel daher. Gut für den einen oder anderen lustigen Spruch. Allerdings erhebt das MPS auch gar nicht den Anspruch, geschichtlich korrekt die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Höchstwahrscheinlich wäre das für Besucher und Teilnehmer des Spektakels auch weniger reiz- dafür umso qualvoller. ,,Wir sind nicht authentisch, wir sind phantastisch“, machen die Veranstalter denn auch schon am Eingang mit großen Plakaten deutlich.Und nicht weniger selbstbewusst weisen sie darauf hin, ,,das größte reisende Mittelalter-Kultur-Festival der Welt“ zu sein. Wenn das mal kein Titel ist.

Foto t & w LuhmŸhlen Mittelalter Spektakel Treffen
Ein strahlend blauer Himmel – da schmeckt Marco Schmidt das Met aus dem Horn nochmal so gut.

Und trotzdem: Die meisten Mittelalter-Fans kennen sich, reisen quer durch die Republik von einem Fest zum anderen: ,,Auf 17 Veranstaltungen im Jahr werden wir wohl schon kommen“, sagt Holger Dittmers. Vor neun Jahren hat der Tarmstedter Lust und Liebe für die Kostümierung entdeckt genauso, wie seine Frau Silvia und der Rest der Familie. Wer da wen mit dem Verkleidungs-Bazillus infiziert hat, lässt sich auf die Schnelle nicht mehr klären. Fest steht nur: Alle in der Familie finden es toll. Und jede(r) pflegt seine eigene Epoche: Tochter Fabienne angehende Konditorin steht auf Steampunk, kommt als strenge viktorianische Lady daher, während Schwester Julienne eher die Rokkoko-Version bevorzugt. Steampunk ist eine Variante der Science-Fiction: Mit viel Messing, Leder und Holz kreieren ihre Macher eine alternative Vergangenheit, in der Nostalgie und Hightech verschmelzen. Das ist Entertainment, Lebensstil und ein bisschen Fetisch.

Damit gehören die beiden jungen Damen zwar streng genommen nicht auf einen Mittelaltermarkt, doch wen störts: Hauptsache, es gefällt. Puristen und Anhänger historisch korrekter Darstellungen würden angesichts des bunten Haufens sowieso sofort in Schockstarre verfallen oder aber den Scheiterhaufen für Phantasie-Kostüme einführen. Ritter in ihren Rüstungen laufen einträchtig neben Feen, Highländern, Musketieren oder Vertretern der Gothic-Szene her. Für die, die nicht wissen, was das ist: Die Gothic-Kultur ist eine Subkultur, die Anfang der 1980er-Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging. Man nennt sie auch die „schwarze Szene“. Junge Menschen in schwarzen Klamotten, mit weißen Gesichtern, grell geschminkt und möglichst mit Piercings verfeinert. Aber alle ganz lieb.

Wahrlich ein "Hans im Dreck". Foto: t&w
Wahrlich ein „Hans im Dreck“. Foto: t&w

Geradezu mittelalterlich authentisch gibt sich da schon Markus Gabriel aus Hannover, alias ,,Hans im Dreck“: Der Mann ist so perfekt auf abstoßend dreckig geschminkt, das man am liebsten nur aus zwei Metern Entfernung ein Interview mit ihm führen möchte. Man weiß ja nie sicher ist sicher!

„Macht Platz für Bruder Rectus…!“ Mit der Sänfte lässt sich der bärtige Mönch in die Arena tragen: Panem et circenses Brot und Zirkusspiele, das ist das, was das Volk sehen will und was Bruder Rectus ankündigen wird. Assistiert vom tolpatschigen, ja geradezu liebenswürdigen Gevatter Tod. Alles ein großer Spaß. Auch das anschließende Gerangel halbnackter, wohlgenährter junger Männer um einem riesigen Lederball.

Einige Stände weiter können sich Mutige in der richtigen Handhabung einer Wurfaxt oder mit Pfeil und Bogen üben. Wers freilich lieber pazifistisch mag, für den ist der Stand, wo Garn gesponnen wird, vielleicht der richtige. Und über allem schwebt der Geruch von Holzfeuer, von Gebratenem und Gebackenem, von Süßem und Herzhaftem. Denn das ist auch der Unterschied zum echten Mittelalter: Darben und Hunger leiden muss nun niemand beim ,,Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“.