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Seit 18 Jahren ist das Bierbrauen Hagen Rudolphs größtes Hobby. Dafür wendet der Bardowicker viel Zeit auf.
Seit 18 Jahren ist das Bierbrauen Hagen Rudolphs größtes Hobby. Dafür wendet der Bardowicker viel Zeit auf.

Vom Kochtopf in die Flasche +++ Mit LZplay-Video

In ein Bier gehören Wasser, Hopfen, Hefe und Gerste so ist es im deutschen Reinheitsgebot vorgegeben. Teile des ältesten Lebensmittelgesetzes der Welt beziehen sich auf das am 23. April 1516 formulierte Bayerische Reinheitsgebot von Herzog Wilhelm IV. An diesem Tag feiern deutsche Bierbrauer Jahr für Jahr den „Tag des Bieres“.

jae Lüneburg. Süßlich zieht der Duft des Malz-Wasser-Gemischs durch die Gartenlaube von Hagen Rudolph. Runde um Runde rührt der 52-Jährige den Kochlöffel durch die hellbraune Maische. Noch ist es nicht mehr als 50 Grad warmes Wasser und geschrotetes Malz, das in dem großen Topf vor sich hin dampft in ein paar Wochen soll aus dem Gemisch eines der beliebtesten Getränke der Deutschen geworden sein: Bier.

Seit 18 Jahren hat Ru­dolph sich dem Bierbrauen verschrieben, bezeichnet sich selbst als professioneller Hobbybrauer. „Erstmal trinke ich seit vielen Jahren gerne Bier. Dann habe ich irgendwann ein Buch über das Brauen entdeckt. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass man Bier auch selber herstellen kann“, erinnert sich der Bardowicker. Mithilfe des Buches machte Rudolph sich ans Werk: mischte Wasser und Malz, filtrierte das Gemisch, fügte Hopfen hinzu und ließ es gären. Heute ist er selbst Experte im Bierbrauen, schreibt Bücher über sein Hobby und gibt Seminare.

Mit einem lauten „Plopp“ schießt der Porzellanzapfen aus der Bierflasche. „Sehr gut“ murmelt Hagen Rudolph, bevor er den Inhalt der letzten Flasche selbstgebrauten Bieres ins Glas gießt. Sieben Monate sei dieses Bier nun schon alt, seinem Geschmack habe die lange Reifezeit nur gut getan, findet Rudolph. Sowieso ist das Bierbrauen eine langwierige Angelegenheit. Zunächst wird die Maische angesetzt und in mehreren Etappen abwechselnd erhitzt und ruhen gelassen. Dabei wandeln Enzyme die Stärke des Malzes in Zucker. Nach mehrmaligem Filtern wird dann Hopfen und Hefe hinzugefügt, sodass das Bier gären kann. Dabei wird der Zucker in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt. Nach etlichen Wochen ist das Bier trinkfertig. Wie lange die Biere dann haltbar bleiben, weiß Hagen Rudolph nicht, denn „sie sind vorher immer schon leer“.

In Spitzenjahren seien es schon mal um die 25 Sude gewesen, die Hagen Rudolph in Eigenregie ansetze. Jeder Sud ergebe etwa 20 Liter Bier. Ab 200 Liter selbstgebrautem Bier pro Jahr wurde dann sogar Biersteuer fällig. Einen Aufschwung erlebte das Hobbybrauen Anfang der 80er-Jahre. In einer Ausgabe der Fernsehsendung „Hobbythek“ zeigte Jean Pütz den Zuschauern, wie sie ihr eigenes Bier brauen konnten. Der Fernsehausstrahlung waren viele Auseinandersetzungen mit dem westdeutschen Finanzministerium vorausgegangen. Das hatte zunächst auf die damals noch strengere Bierverordnung gepocht, schließlich aber eine Sondergenehmigung erteilt und die Regelungen zur Steuerpflicht aufgeweicht.

Glück für Hagen Rudolph und alle anderen privaten Bierbrauer. Für den Bardowicker liegt der Unterschied zum industriell hergestellten Bier auf der Hand: „Das selbstgebraute Bier schmeckt intensiver, weil es nicht so stark gefiltert ist. Da sind noch viele Stoffe drin, die auch Geschmacksträger sind.“ Es sei nicht für den Alltag gedacht, sondern kommt nur zu besonderen Ereignissen auf den Tisch. „Nachbarn, Verwandte und Freunde freuen sich schon darauf, wenn sie wieder Selbstgebrautes trinken dürfen.“

Renaissance der lokalen Biere
Nach dem Willen der Brauer soll das Reinheitsgebot Weltkulturerbe werden. Das wäre ein Ritterschlag für die Biernation mit 1300 Braustätten und 5000 verschiedenen Sorten Gerstensaft. Dabei scheint das Bier, wenn man nüchtern auf die Zahlen blickt, die besten Zeiten hinter sich zu haben. Der Bierdurst schwindet, zuletzt um ein Zehntel binnen eines Jahres auf 100 Liter pro Kopf und Jahr. Mitte der 70er-Jahre gönnten sich die Deutschen noch 150 Liter Bier jährlich. Das Aufweichen der klassischen Arbeitszeiten erschwert das Ritual des Feierabendbieres im Kollegenkreis, junge Leute greifen verstärkt zu Mischgetränken aus Schnaps und Limonade. Die Hoffnungen richten sich auf lokales Bier. In Niedersachsen gab es voriges Jahr 68 kleine Privatbrauereien. „Hochwertige lokale Spezialitäten sind auf dem Vormarsch“, sagt Roland Demleitner vom Verband der Privaten Brauereien Deutschland. Gegen die großen Fernsehbiere und deren Preiskampf könne ohnehin keine lokale Brauerei anstinken. Margenstarke Nischenprodukte dagegen sind lukrativ. Wer in Lüneburg selbstgebrautes Bier trinken möchte, kommt nicht am Mälzer und der Gasthausbrauerei Nolte vorbei. Zwei bis drei Mal pro Woche werden zum Beispiel im Mälzer an die 1000 Liter Bier hergestellt, vom einfachen Pils über das Weizen bis zu saisonalen Spezialitäten.