Aktuell
Home | Lokales | Hilfe für die Geburtshilfe
Ihnen liegt die Zukunft der freiberuflichen Hebammen am Herzen: (v.r.) Cornelia Moehring (Linke), Andrea Henkel (Linke) mit Sohn Milo sowie Iris Labatz und Elisabeth Prado vom Hebammenverband Niedersachsen. Foto: t&w
Ihnen liegt die Zukunft der freiberuflichen Hebammen am Herzen: (v.r.) Cornelia Moehring (Linke), Andrea Henkel (Linke) mit Sohn Milo sowie Iris Labatz und Elisabeth Prado vom Hebammenverband Niedersachsen. Foto: t&w

Hilfe für die Geburtshilfe

us Lüneburg. Auf ein Jahr Verlängerung dürfen Deutschlands Hebammen hoffen, nachdem die Versicherungswirtschaft kürzlich ankündigte, die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen bis Mitte 2016 fortzusetzen. Doch nach wie vor ist ungewiss, welche Zukunft die Hebammen erwartet. Wie berichtet, dürfen sie ohne entsprechenden Versicherungsschutz ihren Beruf nicht weiter fortsetzen. Erst vor wenigen Wochen wurde die Frist bis zum Auslaufen der Haftpflichtversicherung bis Mitte 2015 verlängert, jetzt gab es erneut eine Verlängerung der Galgenfrist. Doch auch den Nachschlag werden die Geburtshelferinnen nicht zum Nulltarif bekommen. Denn noch einmal soll die Haftpflichtprämie von jetzt schon 5091 Euro pro Jahr auf dann über 6000 Euro angehoben werden.

„Wir müssen weiter Druck machen“, sagte Iris Labatz, Kreisvorsitzende des Niedersächsischen Hebammenverbands aus Lüneburg bei einer Diskussionsveranstaltung, zu der die Lüneburger Linken kürzlich in die Volkshochschule eingeladen hatten. „Die Haftpflichtfälle gehen nach unten, die Prämien weiter nach oben“, sagte Labatz, eine Entwicklung, die im Wesentlichen der Intensivmedizin geschuldet sei. Sie erinnerte daran, dass die Wahlfreiheit des Geburtsortes gesetzlich verankert sei. Ob Frauen ihr Kind in der Klinik, im Geburtshaus oder per Hausgeburt zur Welt bringen möchten, „muss weiter in der Entscheidung der Frauen liegen“.

Welche Auswirkungen die laufenden Diskussionen für den Berufsstand jetzt schon haben, zeige sich an der sinkenden Zahl der Hebammen-Anwärterinnen. Labatz forderte die Politik daher auf, das Problem mit Nachdruck anzugehen, „denn es macht ja keinen Sinn, dass wir irgendwann vielleicht mal ein gutes Gesetz, dann aber keine Hebammen mehr haben“.

Mit einem ganzen Forderungskatalog war Cornelia Moeh­ring, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag, nach Lüneburg gekommen. Sie forderte einen gemeinsamen, steuerfinanzierten Haftungsfonds für sämtliche Heil- und Gesundheitsberufe, der zudem in Händen einer Bundesbehörde und nicht der privaten Versucherungswirtschaft liegen sollte.

Per Gesetzentwurf will die Linke auch dafür sorgen, dass Hebammen künftig stets erste Ansprechpartner für Schwangere sind, auch sollen Maßnahmen zur sogenannten Eins-zu-Eins-Betreuung getroffen werden, wonach eine Hebamme eine Schwangere betreut und nicht zwei oder drei gleichzeitig, wie in vielen Kliniken üblich. Ferner soll ein Runder Tisch „für die beste Lösung“ eingerichtet und das Gesundheitssystem generell wieder „auf Prävention und nicht auf Gewinn-Maximierung Einzelner“ ausgerichtet werden.

Moehring verwies auch auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach die Kaiserschnittrate in Deutschland bei 32 Prozent liege, Grund seien personelle Engpässe in den Kliniken. Laut Weltgesundheitsorganisation seien Kaiserschnittquoten über 10 bis 15 Prozent aus medizinischer Sicht nicht zu rechtfertigen, erklärte Moeh­ring. „Neben dem Recht zur freien Wahl des Geburtsortes ist somit auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei gebärenden Frauen gefährdet“, sagte die Bundestagsabgeordnete.

Nach Einschätzung von Cornelia Moehring gibt es gegenwärtig eine politische Stimmung für einen fraktionsübergreifenden Antrag für einen Haftungsfonds mit Schadensbegrenzung, die nach ihren Vorstellungen bei drei Millionen Euro liegen sollte. Dass sie damit nicht ganz falsch zu liegen scheint, zeigen auch die Stellungnahmen der Lüneburger Bundestagsabgeordneten zu diesem Thema. „Eine schwangere Frau sollte sich frei entscheiden können, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchte. Die Versorgung mit Hebammen muss daher dauerhaft gesichert bleiben“, erklärte kürzlich SPD-Bundestagsabgeordnete Hiltrud Lotze. Eckhard Pols (CDU) forderte: „Bundesgesundheitsministerium, Hebammenverbände und Krankenkassen müssen nun dringend weiter im Gespräch bleiben, um zu einer dauerhaften, vor allem für die Hebammen zufriedenstellenden Lösung zu kommen.“ Und Julia Verlinden (Grüne) sagte: „Die Bundesregierung soll aber schon kurzfristig sicherstellen, dass die Hebammen von den Krankenkassen eine angemessene Vergütung erhalten, um die Haftpflichtprämien bezahlen zu können.“ Aber: „Ein Haftungsfonds oder Regressbeschränkungen wären Beispiele für kurzfristige, befristete Modelle. Langfristig braucht es neue Konzepte und Regelungsprinzipien der Berufshaftpflicht für alle Gesundheitsberufe“, erklärte Verlinden.