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Johnson Controls fertigt in Lüneburg unter anderem Armaturentafeln für verschiedene Automodelle. Ein Teil der Produktion könnte nach Osteuropa abwandern. Foto: A/be
Johnson Controls fertigt in Lüneburg unter anderem Armaturentafeln für verschiedene Automodelle. Ein Teil der Produktion könnte nach Osteuropa abwandern. Foto: A/be

Hunderte Jobs auf der Kippe

ca Lüneburg. Wenn am 1. Mai Hunderte durch die Innenstadt marschieren, sind auch Mitarbeiter des Autozulieferers Johnson Controls dabei, sie haben Angst um ihre Jobs. In der Belegschaft grassiert die Sorge, der Konzern könnte einen Teil der Produktion nach Osteuropa verlagern: Von den 1050 Jobs inklusive mehr als 100 Leiharbeitern in den Werken an der Lüner Rennbahn und in der Goseburg könnte die Hälfte gestrichen werden, heißt es. Firmensprecherin Astrid Schafmeister weist das zurück. Richtig sei zwar, dass die Produktion von Türverkleidungen für ein Modell nach Namestovo in der Slowakei gegeben werden solle, Mitte 2015 könne die Fertigung beginnen: „Aktuell sind rund 200 Mitarbeiter in Lüneburg mit der Fertigung vor Türverkleidungen für den Opel Astra beschäftigt.“ Damit könne es gar nicht um die Hälfte der Stellen am Standort gehen.

Die Argumentation des Unternehmens: „Der Grund für diese Entscheidung, die Fertigung der Türverkleidung für den Astra künftig in Osteuropa zu tätigen, ist die zu erwartende Rentabilität auf den Lebenszyklus des Fahrzeugmodells gerechnet. Die Wirtschaftlichkeit des Nachfolgeauftrags stellt sich in Namestovo deutlich besser als in Lüneburg dar.“ Heißt im Klartext: Dort kann billiger produziert werden.

Die Lage in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern schaut nicht rosig aus. Durch die Wirtschaftskrise in manchen EU-Ländern bricht die Nachfrage dort ein. Der international agierende Konzern Johnson Controls lässt daher Niederlassungen fusionieren. Davon profitierten die Beschäftigten an der Ilmenau zunächst. So war vor einem Jahr die Rede davon, Kapazitäten aus Peine in die Hansestadt zu geben. Auch die Zukunft weiterer Werke in Westdeutschland stehe infrage, berichten Arbeitnehmer. Astrid Schafmeister sagt, es gehe an der Ilmenau nicht nur um den Opel Astra. Man habe zahlreiche Kunden, für die Instrumententafeln hergestellt werden, zum Beispiel auch für den VW Touran, den Skoda Superb, den BMW X1 und die C-Klasse von Mercedes.

In Lüneburg hat die Geschäftsleitung versucht, Kosten zu drücken. Im vergangenen Herbst hatte eine Fragebogenaktion unter den Arbeitern für Empörung gesorgt. Die Chefetage wollte wissen, wie die Belegschaft zu einer Lohnsenkung steht, es ging um rund zehn Prozent. Schon im Anschreiben hieß es, 4,5 Millionen Euro wolle man pro Jahr sparen. Erwartungsgemäß sorgte das für wenig Begeisterung bei den Kollegen. Unternehmenssprecherin Schafmeister sagt: „Von dieser Maßnahme haben wir auch vor dem aktuellen Hintergrund abgesehen.“

Oliver Venske, stellvertretender Bezirkschef der Gewerkschaft BCE, hält damals wie heute wenig von Kürzungen. Natürlich sähen die Mitarbeiter die Schwierigkeiten der Branche. Über Modalitäten könne man verhandeln. Aber: „Wir diskutieren seit einem Jahr. Wir wollen Zahlen und Fakten, die bekommen wir nicht. Nicht mal, nachdem das Arbeitsgericht im März entschieden hat, dass wir einen Anspruch da­rauf haben.“

Astrid Schafmeister hingegen sagt: „Der Betriebsrat hat eine einstweilige Verfügung gegen unsere Entscheidung zur Vergabe des Nachfolgeauftrags der Türverkleidung für den Opel Astra an unser Werk Namestovo erwirken wollen. Dieser Antrag ist vom Arbeitsgericht Lüneburg als unbegründet zurückgewiesen worden. Wir sind demnach nicht verpflichtet worden, Zahlen zur Wirtschaftlichkeit des Projektes offenzulegen.“

Mitarbeiter, die aus Angst um ihren Arbeitsplatz namentlich nicht genannt sein wollen, ärgern sich darüber, dass ihnen die vermeintlich günstigen Produktionsbedingungen in Osteuropa vorgehalten werden. „Wir haben einige Pluspunkte hier: ein gutes Know-how, wir sind flexibel und fahren unterschiedliche Schichtmodelle“, sagt einer, der aufgrund seiner Position auch über Hintergründe gut Bescheid weiß.

Firmensprecherin Schafmeister verweist auf die schwierigen Bedingungen: „Angesichts des aktuellen Marktumfelds und einer Intensivierung des Wettbewerbs steht bei all unseren Projekten und bei allen internen Auftragsvergaben an unsere Standorte stets die Gesamtwirtschaftlichkeit unserer Projekte im Vordergrund. Der Wettbewerb um neue Aufträge ist groß. Viele unserer Kunden verfügen über Werke in Osteuropa und verlangen auch von ihren Lieferanten Präsenz vor Ort. Das gilt auch für unseren Kunden Opel, ein großer Teil des Lieferumfangs der Türverkleidung für das Nachfolgemodell wird direkt an Opel in Gliwice, Polen, geliefert. Verglichen mit Wettbewerbern, die neue Aufträge aus Osteuropa heraus anbieten, stehen wir vor einer Herausforderung im Hinblick auf unsere Personalkosten, wenn wir diese Möglichkeit nicht auch in Betracht ziehen.“

Doch so einfach wollen die Beschäftigten in Lüneburg nicht auf etwas verzichten, vor allem nicht nicht ohne Garantien, die den Standort und Arbeitsplätze sichern. In der bisherigen Linie des Arbeitnehmerlagers sieht sich Venske bestärkt: Die Mitgliederzahl der BCE steige.