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Gute Arbeit, soziales Europa lautet das bundesweite Motto für den 1. Mai. Auch in Lüneburg gingen Hunderte auf die Straße, um für einen Kurswechsel einzutreten: Wohlhabende sollen höhere Steuern zahlen, das Geld solle unter anderem in die Bildung fließen. Foto: t&w
Gute Arbeit, soziales Europa lautet das bundesweite Motto für den 1. Mai. Auch in Lüneburg gingen Hunderte auf die Straße, um für einen Kurswechsel einzutreten: Wohlhabende sollen höhere Steuern zahlen, das Geld solle unter anderem in die Bildung fließen. Foto: t&w

„Die Reichen werden geschont“

ca Lüneburg. Gleich in zwei Betrieben an der Lüner Rennbahn geht die Sorge um, dass Jobs gestrichen werden. Beim Tiefkühlfischproduzenten Pickenpack wird seit Monaten über eine Verlagerung von Kapazitäten ins ostfriesische Riepe spekuliert. Und einen Steinwurf entfernt, beim Autozulieferer Johnson Controls, soll ein Teil der Produktion nach Osteuropa gehen. Unsicher ist, ob genug Folgeaufträge das ausgleichen können. Zwei Themen, die der Lüneburger DGB-Chef Dr. Matthias Richter-Steinke in seiner Rede zum 1. Mai gestern aufgriff. Er forderte die Politik auf, sich für die Beschäftigten einzusetzen und versicherte den Kollegen die Unterstützung der Gewerkschaften.

Vom Theater über Sand und Markt zogen Gewerkschafter zum Lambertiplatz zur traditionellen Mai-Kundgebung, begleitet vom Rhythmus der Schrotttrommler. Vor mehr als 800 Teilnehmern und damit rund 100 mehr als im vergangenen Jahr, begrüßte Richter-Steinke den beschlossenen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde und geißelte die Diskussion über Ausnahmen. Auch die Rente mit 63 Jahren nach 45 Jahren Arbeitszeit sei der richtige Weg. Überdies sei die Rente mit 67 nicht vom Tisch. Auch dürfe das Rentenniveau nicht weiter abgesenkt werden. Themen, für die sich die Gewerkschaften weiterhin einsetzen würden.

Wie Richter-Steinke appellierte auch Hauptredner Norbert Kuck an die Zuhörer, am 25. Mai wählen zu gehen, wenn neben Oberbürgermeister, und Landrat auch über ein neues EU-Parlament abgestimmt wird. Der IG-Metaller, zuständig für Tarifpolitik im Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, machte unter anderem mit Blick auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren auf die friedensstiftende Rolle des Staatenbundes aufmerksam. Er wisse, dass die Wahl in der politischen Wahrnehmung „nicht der Renner ist“, trotzdem sei sie wichtig, um Parteien die Stimme zu geben, die sich für soziale Aspekte einsetzen. So gelte es, gegen die Jugendarbeitslosigkeit anzugehen, die in manchen Ländern bei bis zu 50 Prozent liege.

Kämpferisch argumentierte Kuck gegen Ungerechtigkeiten, die aus Sicht der Gewerkschaften bestehen: Deutschland sei ein reiches Land, dass aber viele seiner Rentner in Altersarmut zurücklasse. Ein Problem, das wachsen werde. Die Verteilung von Wohlstand sei ungerecht: „Die Reichsten werden geschont.“ Sie würden nicht entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit belastet, untere Einkommensgruppen und Mittelstand hingegen müssten viel schultern. Ergo: „Der Spitzensteuersatz muss steigen.“

Wie seit Jahren fehlte neben diesen bekannten Forderungen in Kucks Rede auch ein Bekenntnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus nicht: Niemand dürfe wegen seiner Hautfarbe, Religion, Herkunft oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Es gelte aus den Erfahrungen des nationalsozialistischen Terrors zu lernen, der sich gegen politisch Andersdenkende, Juden, Christen, Homosexuelle und viele andere richtete. Die braunen Machhaber hatten bekanntlich im Mai 1933 auch die Gewerkschaftsbewegung zerschlagen.

Auf dem Lambertiplatz herrschte bis in den Nachmittag fröhliche Stimmung. Musik machte die Microphone Mafia aus Köln, an zahlreichen Ständen verschiedener Gruppen konnten sich die Gäste informieren. Zu denen zählten auch die Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze (SPD) und Eckhard Pols (CDU), die Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD) sowie Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Landrat Manfred Nahrstedt (beide SPD) und Landratskandidatin Monika Scherf, die für die CDU antritt.

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