Mittwoch , 28. September 2016
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Bei Gefahr macht sich ein  Rehkitz durch das Drücken klein, will so der Aufmerksamkeit möglicher Feinde entgehen. Vor Kreiselmähern schützt dieses Verhalten jedoch nicht.
Bei Gefahr macht sich ein Rehkitz durch das Drücken klein, will so der Aufmerksamkeit möglicher Feinde entgehen. Vor Kreiselmähern schützt dieses Verhalten jedoch nicht.

Tödliche Gefahr auf den Feldern

ol Lüneburg. Die erste Grasmahd hat in der Landwirtschaft begonnen und damit auch der Beginn vieler Tiertragödien. Jedes Jahr fallen ihr Tausende von Wildtieren, insbesondere Rehkitze, Junghasen und Gelege von wiesenbrütenden Vögeln, darunter auch Arten, die auf der Roten Liste stehen, zum Opfer. Das Wild hat sich während der vergangenen Jahrtausende auf die Gefahren durch Fressfeinde eingestellt und Strategien entwickelt, um frisch gesetzten Jungtieren das Überleben zu ermöglichen. Doch in Zeiten einer hochmodernen Landwirtschaft hilft es einem Rehkitz nicht, wie instinktiv angeboren, sich vor dem nahenden Kreiselmäher zu drücken.

Brütende Vögel, Junghasen und Rehkitze werden regelmäßig Opfer der Mähwerke, und selbst ausgewachsenen Wildtieren gelingt mitunter nicht mehr die Flucht. Da die Mähwerke durch die Weiterentwicklung immer breiter und schneller werden, verringern sich auch die Chancen der Wildtiere zu überleben. Die Landwirtschaft befindet sich im Dilemma zwischen dem ökonomischen Druck und ökologischen Folgen ihres Handelns. Der Tierschutz spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Nur gemeinsam können Landwirte und Jäger diesem Blutzoll begegnen.

Daher fordert der Kreisjägermeister Hans Christoph Cohrs alle Verantwortlichen auf, alles zu unternehmen, damit Wildtierverluste verhindert oder minimiert werden: „Mit einfachen Mitteln kann der Jäger das Wild vor einem qualvollen Tod bewahren. Dazu muss der Landwirt den Revierinhaber zwei Tage vorher über den Zeitpunkt der Grasmahd informieren, damit der Jäger geeignete Maßnahmen treffen kann.“ Bewährt hat sich das Absuchen des Schlages, der gemäht werden soll, am Vortag mit Jagdhunden. Auch wenn der Hund das Kitz wegen des fehlenden Eigengeruchs nicht findet, hinterlässt dieser seine Witterung, die die Ricke veranlasst, ihren Nachwuchs aus der Gefahrenzone zu führen. Den gleichen Effekt erzielen aufgestellte „Knistertüten“, zum Beispiel leere Düngertüten, Flatterbänder oder Blinkleuchten. „Das Mähen von innen nach außen erleichtert Wildtieren die Flucht, denn bei Gefahr laufen sie nicht über schon gemähte Flächen. Große Schläge sollten am Vortag rundherum angemäht werden, um das Wild zu beunruhigen und zur Flucht zu veranlassen“, erklärt Cohrs.

Auch die Lohn­unternehmer können dazu beitragen, Tiertragödien zu vermeiden, wenn sie die Schnitthöhe erhöhen. Sich drückendes Jungwild, Gelege sowie Amphibien werden dann nicht erfasst. Beim Mähen bei Nacht wird das Wild geblendet und drückt sich, statt zu flüchten. Wer eine Verletzung oder Tötung billigend in Kauf nimmt, kann eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz begehen. Außerdem bergen Tierkadaver im Mähgut die Gefahr einer Vergiftung (Botulismus), die beim Verfüttern zu Gesundheitsschäden oder zum Tod führen kann.

 

Tierschutzgesetz

Ein Landwirt, der weder den Revierinhaber informiert und sich mit ihm abstimmt, noch selbst Maßnahmen ergreift, um zu verhindern, dass Kitze vermäht werden, nimmt billigend in Kauf, dass er in der Wiese abgelegte Kitze verletzt oder gar tötet. Er verstößt gegen das Tierschutzgesetz (TierSchG). Denn in diesem heißt es im §17 Nr. 1: Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet. Diesbezüglich sind schon verschiedentlich einschlägige Urteile ergangen.