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Warten vor der Schleuse in Geesthacht: Hans-Holtermann, Bernd Strauch, Rainer Haffke, Jens-Peter Fiedler und Gary Whiton (v. l.) erfüllen sich mit der Fahrt auf dem Salz-Ewer einen Traum. Foto: kg
Warten vor der Schleuse in Geesthacht: Hans-Holtermann, Bernd Strauch, Rainer Haffke, Jens-Peter Fiedler und Gary Whiton (v. l.) erfüllen sich mit der Fahrt auf dem Salz-Ewer einen Traum. Foto: kg

Entschleunigt auf der Elbe +++ Mit LZplay-Video

ca Hoopte. Das Schiff scheint auf der Elbe zu stehen. Es greift einfach zu wenig Wind in das Segel, der Ewer hat so keine Chance, voranzukommen. Der Motor muss helfen, das Zehn-Tonnen-Boot bewegt sich nun stromaufwärts. Drei Kilometer in der Stunde, ein Fußgänger schafft das Doppelte. Aber das ist heute egal, es ist einfach nur schön, auf dem Fluss zu sein, rechts und links lugen Dörfer über den Deich, da grasen Schafe, über allem ein blaugeputzter Himmel. Der Ewer ist auf großer Fahrt. Sein Ziel ist der Hansetag in Lübeck, der am Donnerstag, 22. Mai, beginnt.

Lüneburg schickt eine Delegation aus dem Rat. Doch die Ewer-Crew will auch dabei sein, schließlich hat Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe sie persönlich eingeladen. Und wer würde die Verbindung der beiden Hansestädte besser dokumentieren als so ein Lastkahn, mit dem einst Lüneburger Salz in Richtung Ostsee gefahren wurde?

Die Mannschaft erfüllt sich mit der Tour einen Traum, denn seit dem Bau des Ewers im Rahmen eines Projekts für Langzeitarbeitslose gab es die Idee, die historische Route nachzufahren. Dafür haben Jens-Peter Fiedler und seine Mitstreiter gekämpft. Bekanntlich hat das Wasser- und Schifffahrtsamt die Schleuse in Wittorf wegen angeblicher Baufälligkeit gesperrt. Das Amt lässt eigene Schiffe aber noch passieren. Und an so eine Fahrt konnte der Ewer sich jetzt dranhängen. „Wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätten wir den Ewer mit einem Autokran aus der Ilmenau gehoben, ihn in den Industriehafen gebracht und wären über den Elbe-Seitenkanal gefahren“, sagt Fiedler. Doch offenbar hat man in der Behörde die eigene Anordnung mal zur Seite geschoben: Bekanntlich durfte zum Hansetag in Lüneburg vor zwei Jahren kein Schiff die Ilmenau heraufkommen.

Fünf Männer sind an Bord, zum Betreuerteam gehört sonst ein Dutzend. Sie pflegen den Ewer, der sonst im alten Hafen vertäut liegt. Regelmäßig müssen sie Wasser abpumpen, ihn mit einer Mischung aus Öl und Teer eincremen, damit das Holz nicht leidet. Wenn die große „Inspektion“ ansteht, holen sie ihn aus dem Wasser, um ihn zu kalfatern, also um die Außenhaut abzudichten.

Das alles ist an diesem Tag für Fiedler, Hans Holtermann, Gary Whiton, Rainer Haffke und Bernd Strauch vergessen. Fiedler sagt: „Das ist Entschleunigung. Es geht nicht schneller, Termine darfst du nicht haben. Es braucht Zeit.“ Der Fluss und der Wind geben die Geschwindigkeit vor, selbst wenn der VW-Motor im Heck schnurrt. Würde der sich nicht abarbeiten, wäre es fast so wie im 15. Jahrhundert, als Schiffer die flachen Kähne als Lastboote nutzten. In Lüneburg luden Knechte am Stintmarkt Salz das so kostbar war, dass es das Weiße Gold“ genannt wurde auf die Schiffe. Die fuhren die Ilmenau runter bis Hoopte, dann stromaufwärts bis Lauenburg. Dort luden sie die Fracht auf Prahme, längliche schmale Schiffe, die transportierten das Salz zum Haupt der Hanse, nach Lübeck. Einen Monat dauerte das. Wenn kein Wind blies, wurde getreidelt und gestackt Muskelkraft bewegte die Boote.

Auf diesen Spuren sind die fünf Seemänner unterwegs. Gestern ging es mit dem 15 Meter langen Boot bis Lauenburg und der Einfahrt in den Elbe-Lübeck-Kanal, heute ist Mölln das Ziel, dann geht es weiter nach Berkenthin und Gothmund. Beim Hansetag zeigen, die fünf netten „Jungs“, die die 50 alle schon ein bisschen hinter sich gelassen haben, wie man treidelt, um sich dann in eine Schiffsparade einzureihen.

Es ist kein lockeres Leben, sondern Arbeit. Es geht in die Knochen, den Mast zu legen, wenn Schleusen und Brücken kommen, ihn wieder aufzustellen, das Segel zu setzen. Geschlafen wird auf dem Boot, auf Strohsäcken. Na und? Holtermann steckt sich einen Zigarillo an, Strauch guckt, ob das Segel richtig sitzt, Haffke hält am Ruder den Kurs, Whiton und Fiedler stehen am Bug und lassen sich den leichten Fahrtwind ins Gesicht streichen. Traumhaft auf der Elbe. Die Fünf sind sich einig: Arbeit? Nee, Belohnung.