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Medienexpertise war das Thema bei der Uni-Konferenz. Die steuerten bei: (v.r.) Professor Bernd Holznagel, Moderatorin Tina Mendelsohn, Professor Volker Grassmuck und Politikwissenschaftler Ben Wagner. Foto: t&w
Medienexpertise war das Thema bei der Uni-Konferenz. Die steuerten bei: (v.r.) Professor Bernd Holznagel, Moderatorin Tina Mendelsohn, Professor Volker Grassmuck und Politikwissenschaftler Ben Wagner. Foto: t&w

Quotendruck durch Quatsch-Formate

mm Lüneburg. „Ohne die Medien wüssten wir nichts über die Bergwerk-Tragöde in Soma“, leitete Bernd Holznagel, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität in Münster, seinen Vortrag bei der Leuphana-Konferenz „Medienfreiheit und Public Value im Internet“ ein. Die Teilnehmer diskutierten die mediale Grundversorgung, im Fokus stand die veränderte Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Zeitungen und Rundfunkanstalten gäben gesicherte Informationen über Ereignisse wie das Grubenunglück in der Türkei. Das Internet sorgt jedoch für veränderte Bedingungen bei der Wahrnehmung des gesetzlichen Versorgungsauftrages. Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse sich einer Publikumswanderung ins Internet stellen, der Quotendruck werde zudem verstärkt durch Quatsch-Formate im privatwirtschaftlichen Fernsehen, die Zuschauern durch geskripte also nicht wirklichkeitsgetreue Sendungen wie zum Beispiel die RTL II-Sendung „Berlin Tag und Nacht“ eine falsche Realität vorgaukeln. Das kommt an gerade bei jungen Zuschauern, nicht aber bei den Medienvertretern und -Wissenschaftlern auf der Konferenz. Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen ist Professor an der Leuphana, er warnte vor einem Generationenabriss bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern.

„Das System ist in Immobilität geraten“, beklagte Hagen. Die Verantwortlichen dürften sich nicht hinter einer Rechtsprechung verstecken, um „die Immobilität zu verdecken.“ Dem pflichtete Karl-Heinz Ladeur, Professor Emeritus für Rechtswissenschaft an der Uni Hamburg, bei. Er betonte auch, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse sich durch sein Programmangebot von den privaten Sendern abheben statt es zu kopieren. Es gebe einen Quotendruck im Zuschauer-Wettbewerb, das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe bisher keine sinnvolle Konsequenzen gezogen. Das könne auf Unverständnis stoßen, Ladeur: „Bürger werden sich fragen, warum sie eine Gebühr entrichten sollen, wenn sich das Programm nicht wesentlich von dem der Privaten unterscheidet.“

Datenjournalist Lorenz Matzat sieht den Informationszyklus des Rundfunksystems als zu starr an, „es kann so mit der dynamischen Entwicklung nicht Schritt halten.“ Als immerhin „gut gerüstet“ schätzt Professor Holznagel das Rundfunksystem ein, wie auch Hubertus Gersdorf, Gerd-Bucerius-Stiftungsprofessor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Rostock. Er sprach von einem „stabilen Beitragsaufkommen.“ Instabil sei durch ein überbordendes Internet die Funktion von Journalisten als Torwächter, also als derjenigen, die entscheiden, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, das müsse sich wieder ändern, sagt Holznagel.