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Ihre traditionelle Handwerkerkluft ließ Molly Knaack (r.) und seinen Freund Max Kraemer in den USA schnell auffallen. Ein Paparazzo machte die Wandergesellen mithilfe von Internetfotos in New York bekannt.  Molly ist inzwischen zurück in Salzhausen. Foto: Misha Gulko
Ihre traditionelle Handwerkerkluft ließ Molly Knaack (r.) und seinen Freund Max Kraemer in den USA schnell auffallen. Ein Paparazzo machte die Wandergesellen mithilfe von Internetfotos in New York bekannt. Molly ist inzwischen zurück in Salzhausen. Foto: Misha Gulko

„Uns kannte ganz New York“

emi Salzhausen. Er verkauft all seine Möbel, seine Klamotten und sein Auto. Als Jan-Kristoff „Molly“ Knaack sich an einem Märztag im Jahr 2011 auf Wanderschaft begibt, hat er nur ein quadratisches Tuch und einen Wanderstock bei sich. Seine „Kluft“ schwarze Schlaghose, schwarze Weste, schwarzes Jackett und gehäkelter roter Schlips, die traditionelle Kleidung der Handwerker-Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ wird er bis Mai 2014 nicht mehr ablegen. Heute, drei Jahre später, sitzt der inzwischen 24-Jährige auf der elterlichen Veranda im Salzhäuser Ortsteil Oelstorf. Im Rücken des Dachdeckergesellen trocknet die schwarze Kleidung auf der Wäscheleine in der Sonne. Molly Knaack dreht sich kurz um und holt Luft. Dann erzählt er von seiner Reise, die ihn über die Schweiz und Österreich bis nach Israel und in die USA führte. Es sind Erlebnisse, so fantastisch und einzigartig, dass sie ihn nur schwer wieder Fuß fassen lassen in seiner „alten neuen Heimat“ Salzhausen.

Molly Knaack bricht auf, „um die Welt zu sehen und viel in meinem Handwerk zu lernen“. Die Walz war zwischen Spätmittelalter und einsetzender Industrialisierung Voraussetzung für die Gesellen, eine Meisterprüfung zu beginnen. Sie sollten neue Arbeitspraktiken und fremde Orte kennenlernen sowie Lebenserfahrung sammeln. Heute gibt es Vereinigungen, sogenannte Schächte, die den Brauch weiterpflegen.

Bevor Molly Knaack mit den „Fremden Freiheitsbrüdern“ losziehen durfte, musste er sich einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen, sich als Aufnahmeritual mit einem Nagel durchs Ohrloch am Tisch festgenageln lassen und versprechen, mindestens drei Jahre und einen Tag nicht nach Hause zu kommen. Seinem Heimatort durfte er sich nur bis auf 50 Kilometer nähern. Während die Wandergesellen früher zu Fuß unterwegs waren, werden heute sämtliche Transportmittel in Anspruch genommen.

So fliegt Molly im Juli 2013 mit einem anderen Wandergesellen, Max Kraemer aus Wülf-rath, in die USA. „Als wir in New York ankamen, trugen wir normale Klamotten“, sagt der gebürtige Lüneburger. „In den USA kennt niemand die Wandergesellentradition.“ In einem Sportgeschäft zogen sich die Freunde um ­ und sofort viele neugierige Blicke auf sich.

Am zweiten Tag wurde ein ukrainischer Paparazzo namens Misha Gulko auf die deutschen Gesellen aufmerksam. „Er lud uns ein, bei ihm in Brooklyn einzuziehen, aber unter der Bedingung, dass er im Internet über uns schreiben darf“, erzählt Molly Knaack. Die Jungs mussten nicht zweimal darüber nachdenken. Der Paparazzo zeigte den Wandergesellen nicht nur, wo die Stars wohnen, sondern schleppte sie auch zu den New Yorker Sehenswürdigkeiten. „Er hat eine riesige Fotostory über uns gemacht und so kannte uns irgendwann die ganze Stadt.“ Die Geschichte verselbständigte sich.

„Einmal hat sich ein Pilot gemeldet und uns über Manhattan geflogen. Irgendein anderer hatte eine Skihütte in Manchester, Vermont. Dem haben wir drei Wochen lang sein Haus saniert.“ Denn schließlich will es die Tradition, dass die Reise durch Handwerksarbeiten finanziert wird. „Ein Millionär spendierte uns dann noch eine Woche im French Quarter. Wir fuhren Jetski und Speedboat in seinem eignenen Hafen.“

Erlebnisse wie diese machten die Walz für Molly Knaack zu einer unvergesslichen Zeit. Veränderten ihn. „Auf Tippelei wird man schnell ruhiger und entspannter. Man lässt sich treiben.“ Umso schwerer fällt nun die Eingewöhnung zu Hause. Aber der 24-Jährige bleibt ruhig. Im Oktober will er auf die Technikerschule nach Hamburg.