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Für Sandra Schmidt und Thorsten Seiffart ist es inzwischen selbstverständlich, in einer eigenen Wohnung zu leben. Die beiden organisieren ihren Alltag weitgehend allein. Doch sie haben für den Fall der Fälle Ansprechpartner bei der Lebenshilfe. Foto: t&w
Für Sandra Schmidt und Thorsten Seiffart ist es inzwischen selbstverständlich, in einer eigenen Wohnung zu leben. Die beiden organisieren ihren Alltag weitgehend allein. Doch sie haben für den Fall der Fälle Ansprechpartner bei der Lebenshilfe. Foto: t&w

Vom Glück der eigenen Wohnung

ca Lüneburg. Auf dem Tisch stehen Kekse, Kaffee und Säfte. Sandra Schmidt und Thorsten Seiffart sind stolz, mit ihrem Besuch auf der kleinen Dachterrasse ihrer Wohnung zu sitzen. Das ist heute ein Stück Normalität, die vor Jahren für Menschen mit geistigen Behinderungen nicht möglich war. Die beiden werden durch die Lebenshilfe betreut und wohnen eigenständig im Wasserviertel. „Wir haben im Monat 220 Euro für Essen und Getränke“, sagt der 40-Jährige. Er und seine sieben Jahre jüngere Freundin teilen sich ein, was sie davon kaufen. Während sie sich um die Wäsche und die Versorgung der Vögel kümmert, ist er fürs Staubsaugen und Einkaufen verantwortlich. Arbeitsteilung wie bei vielen anderen Paaren auch.

Doch Menschen mit Handicaps Verantwortung zuzubilligen, ist nicht immer einfach, nicht mal für Profis. Daher nimmt die Lebenshilfe an einem Fortbilungsprogramm des Bildungswerks der Gewerkschaft ver.di teil, ein Thema ist das Wohnen der Klienten. Die Lebenshilfe bietet nicht nur Arbeit, sondern betreibt auch Wohnheime und -gruppen, dazu kommt eine ambulante Betreuung, alles in allem mehr als 250 Personen.

Man könnte meinen, alles läuft rund. Trotzdem sieht der stellvertretende Geschäftsführer Frank Goedelt Handlungsbedarf. Er möchte seine Mitarbeiter ermuntern, „offener zu sein“. Denn wer beispielsweise einen jungen Mann im Wohnheim betreut, der sich dort gut einfügt, hat wenig Grund, seinen „pflegeleichten“ Klienten ziehen zu lassen: „Er weiß ja nicht, ob der nächste, der kommt, ebenso gut mitmacht.“

So wie es Betreuern ergeht, erleben es auch Eltern. Zwar sagt Bärbel Seiffart, sie habe ihren Thorsten früh selbstständig werden lassen. Doch als er zunächst in das Wohnheim an der Dasselstraße zog, war die 63-Jährige schon froh, wenn er über die Wochenenden nach Hause kam: „Ich konnte dann sehen, ob es ihm gut geht, ob er zufrieden war.“ Ihr Sohn sagt abgeklärt: „Mutti konnte sich nicht abnabeln.“ Doch er auch nicht, denn plötzlich musste er sich darum kümmern, seine Sachen wegzuräumen und sich mit anderen aus der Gruppe auseinanderzusetzen.

Inzwischen steht Seiffart fest auf eigenen Beinen: Er hat die Wohngruppen hinter sich und kommt nun in seiner eigenen Wohnung zurecht. Was ihm zusätzlich Auftrieb gibt: Er hat eine Stelle außerhalb der Lebenshilfe gefunden, er arbeitet für das Beschichtungsunternehmen Impreglon.

Bei einer Fortbildungsveranstaltung haben Goedelt und Projektkoordinatorin Franka Lindow (30) vom ver.di-Bildungswerk daher nicht nur Betreuer, sondern auch Eltern und Klienten eingebunden. Sie möchten Offenheit bei allen Beteiligten erreichen, aber auch ganz praktische Fragen klären: Eltern verstehen nicht, wenn Waschmaschinen beispielsweise die Socken ihrer Kinder fressen, oder sie glauben, die Versorgung laufe nicht optimal. Sie stünden dann vor der Frage: War der Schritt richtig, was muss ich für Sohn oder Tochter tun? Oder findet sich manches einfach im Alltag?

Frank Goedelt sagt: „Eltern können sich die Eigenständigkeit ihrer Kinder schlecht vorstellen und wollen weiter auf sie aufpassen.“ Das kennen viele Mütter und Väter, doch wenn sie ein Kind haben, von dem sie meinen und wissen, es braucht mehr Unterstützung als andere, falle es ihnen schwer, loszulassen.

Doch nicht nur um das Wohnen kümmern sich Franka Lindow und ihre Kollegen in dem von der Europäischen Union geförderten Projekt mit der Aufgabenstellung „Strategische Personalentwicklung, Demografie- und Gesundheitsmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen“, das auf zwei Jahre angelegt ist. Es gibt mehr als 40 Angebote im Seminarprogramm, von Deeskalationstraining über Konfliktmanagement bis hin zu Alkoholproblemen.

Thorsten Seiffart und seine Partnerin Sandra Schmidt sind ihren Schritt bereits gegangen. Selbstständig zu sein, ist für sie eine ganz normale Sache. Die beiden gucken sich an und sind sich einig: „Wir fühlen uns wohl.“