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In Handarbeit formt Jörg Fuhrhop in seiner Werkstatt in Rettmer Ziegelsteine. Der Lüneburger startet nach dem Niedergang seiner alten Firma nun einen Neuanfang  als Ein-Mann-Betrieb. Sein Handwerk ist gefragt, Ornamentsteine in hoher Qualität und in einem besonderen Verfahren gebrannt, können nur wenige Firmen liefern. Foto: t&w
In Handarbeit formt Jörg Fuhrhop in seiner Werkstatt in Rettmer Ziegelsteine. Der Lüneburger startet nach dem Niedergang seiner alten Firma nun einen Neuanfang  als Ein-Mann-Betrieb. Sein Handwerk ist gefragt, Ornamentsteine in hoher Qualität und in einem besonderen Verfahren gebrannt, können nur wenige Firmen liefern. Foto: t&w

Der Herr der Steine

ca Lüneburg. Jörg Fuhrhop hat einen heftigen Abstieg hinter sich. Er ging mit seiner Ziegelei in Rettmer pleite, nicht nur einmal, das Areal ging in die Zwangsversteigerung. Eine Familientradition endete, ein Berg Schulden nicht nur bei Banken, sondern auch bei Freunden und Bekannten lasteten auf ihm. Und vor allem das Gefühl, gescheitert zu sein. Er zog mit Frau und sechs Kindern nach Nahrendorf, da konnte er sich die Miete leisten, er jobbte bei einem Freund. Doch jetzt kommt der 52-Jährige wieder auf die Beine. Das ist nicht nur gut für ihn, sondern auch für Lüneburgs alte Häuser  der Ingenieur produziert wieder Ziegel und zwar ganz besondere.

Der Keramik-Fachmann hat sich in der Vergangenheit einen Namen gemacht, denn er kann Backsteine herstellen, die bei Restaurierungen dringend gebraucht werden: Tausteine etwa, die so heißen, weil sie wie ein gedrehtes Tau aussehen. Sie finden sich an vielen Renaissance-Häusern. Doch auch große Ornamentsteine wie sie am 1881 fertiggestellten Kaiserlichen Postfuhramt in Berlin benötigt werden, kann Fuhrhop in Handarbeit formen, trocknen und brennen. Aktuell soll er Spezialsteine für die Sanierung des Luhmannschen Hauses im Wasserviertel, dem Lokal Pons, liefern.

„Ich knete den Ton per Hand in die Formen, es sind Einzelanfertigungen“, sagt Fuhrhop. Es kann sein, dass er an einem Ornamentstein einen Tag arbeitet, um ihn in die richtige Form zu bringen. Das hat natürlich seinen Preis. Vor allem auch, weil es nicht viele gibt, die diese Technik beherrschen. Doch die größte Herausforderung liegt im Brennen des Tons. Mit modernen Gasöfen seien nicht die Erfolge zu erzielen, die Restaurierungen fordern, und die alten Rundöfen finde man selten. Neue dürften kaum in Betrieb genommen werden, da die Umweltauflagen hoch seien.

„Ich mache alles allein“, erzählt der Handwerker. Produktion und Vertrieb. Doch er arbeitet mit Partnern zusammen, mit einer Ziegelei in Drochtersen bei Stade und mit Betrieben in Polen, die nach seinen Vorgaben arbeiten können. Wenn er im Osten durch Wald und Flur fährt, sieht er ab und an einen Schornstein, der zu einem alten Ziegelwerk gehörte. Doch oft seien die Betriebe verfallen. Fuhrhop nennt den Grund: Sie konnten nicht mithalten mit Großbetrieben aus Westeuropa, die auf eine Computer gestützte Fabrikation setzen und Massenware zu geringen Preisen produzieren. Häufig würden kleinere Ziegeleien aufgekauft und „plattgemacht, ein Konkurrent weniger“.

Dass dem Unternehmer offenbar ein Neuanfang gelingt, liegt an der guten Qualität seiner Steine. Er kann auf mehr als zweieinhalb Jahrzehnte Erfahrung zurückblicken: „Als einige hörten, dass ich wieder da bin, haben sie sich bei mir gemeldet.“ Kunden findet er weit über die Grenzen des Landkreises hinaus. Sogar für die Alte Kirche im Göteborger Stadtteil Örgyte brenne er Material.

Für seine Werkstatt hat er Platz in einer Halle in Rettmer gefunden. Ein Darlehen der Arbeitsverwaltung habe geholfen, alles einzurichten. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er als Ein-Mann-Manufaktur. „Wenn ich einen Klumpen Ton in der Hand halte, geht es mir gut“, strahlt er. Das Wohlfühlen zahlt sich auch für seine Gläubiger aus: In Absprache mit dem Insolvenzverwalter trage er einen Teil seiner Schulden ab.

Eines erspart er sich aber: „Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr bei unserem alten Betrieb in Rettmer gewesen.“ Das liege ihm zu sehr auf der Seele: „Ich will nach vorne schauen.“