Donnerstag , 29. September 2016
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Nicht immer sind die Notarztwagen von ASB und DRK innerhalb der rechtlich vorgegebenen 15 Minuten in allen Winkeln des Lüneburger Ostkreises. Mehr als 100 Mal ist deshalb im vergangenen Jahr der Notarzt des Vereins SAR Marienau alarmiert worden. Doch der Landkreis Lüneburg will die Zusammenarbeit beenden. Foto: t&w
Nicht immer sind die Notarztwagen von ASB und DRK innerhalb der rechtlich vorgegebenen 15 Minuten in allen Winkeln des Lüneburger Ostkreises. Mehr als 100 Mal ist deshalb im vergangenen Jahr der Notarzt des Vereins SAR Marienau alarmiert worden. Doch der Landkreis Lüneburg will die Zusammenarbeit beenden. Foto: t&w

Landkreis streitet mit Notarzt

kre Harmstorf/Lüneburg. Im Notfall zählt jede Sekunde: 108 Mal wurde der Notarzt des Vereins SAR (Search and Rescue) Marienau in diesem Jahr von der Einsatzleitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienste zu medizinischen Einsätzen im Ostteil des Landkreises alarmiert. Doch mit dieser Zusammenarbeit könnte schon zu Pfingsten Schluss sein dem Mediziner droht die fristlose Auflösung der mündlich geschlossenen Vereinbarung mit dem Landkreis.

Und der Kreis fährt schweres Geschütz auf, wirft in einem Schreiben dem Notfallmediziner ,,einen schwerwiegenden Verstoß gegen die gebotene Sorgfaltspflicht als Arzt“ vor. Bis heute Abend, 18 Uhr, soll sich der Notarzt zu den erhobenen Vorwürfen äußern. Er soll in zwei Fällen abgelaufene Medikamente verabreicht haben. Der 52-Jährige hat sich anwaltlichen Beistand geholt, vermutet hinter den Vorwürfen aber andere Gründe: ,,Der Landkreis will mich loswerden, weil ich zu unbequem bin.“

Die notärztliche Versorgung im Ostkreis war in der Vergangenheit immer wieder ein hochbrisantes Thema. Der Grund: Im Notfall mussten die Retter von Lüneburg aus mit Blaulicht und Vollgas nach Bleckede oder in den äußersten Zipfel der Samtgemeinde Dahlenburg fahren, um medizinische Hilfe zu leisten. Doch trotz Sonderrechten und bei allen Fahrkünsten im Berufsverkehr und schwierigen Straßen- und Wetterverhältnissen vergehen schon mal 20 Minuten und mehr, bis die Retter vor Ort sind.

Deshalb hatte der Kreis reagiert und Rettungswachen in Drögennindorf, Ellringen, Bockelkathen, Neetze und Amt Neuhaus eingerichtet. ,,Damit ist gewährleistet, dass im Notfall innerhalb von 15 Minuten ein Rettungstransportwagen (RTW) jeden Einsatzort im Kreis erreicht“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Damit werde den gesetzlichen Vorgaben Genüge getan.

,,Eine Mogelpackung“, kritisiert Dr. Helmut Schwarze, Vorsitzender des Vereins SAR Marienau: ,,Mit dem RTW ist nicht gleichzeitig auch ein Notarzt mit vor Ort.“

Um diese Lücke für den Ostkreis zu schließen, stellt der Verein SAR Marienau Fahrzeug und Notarzt auf Abruf bereit. ,,Mit unserem Notarztwagen erreichen wir alle Einsatzziele in durchschnittlich sieben Minuten“, so Schwarze ihm zufolge deutlich schneller als jeder andere alarmierte Notzarzt. Trotzdem glaubt der Kreis auf die Hilfe von Schwarze und seinem Team verzichten zu können.

,,In Lüneburg sind täglich zwei Notärzte auf Abruf im Dienst, von denen einer zudem täglich von 16 bis 23 Uhr auf der Wache in Neetze seinen Dienst verrichtet“, sagt Holzmann. Und nicht nur das: Tagsüber könnten bei Bedarf die Rettungshubschrauber aus Uelzen und Hamburg angefordert werden, nachts stünden zusätzlich Notärzte aus Dannenberg oder Bad Bevensen bereit.

Zum Vorwurf, der SAR-Notarzt habe abgelaufene Medikamente verabreicht, will sich die Kreissprecherin mit Verweis auf das ,,laufende Verfahren“ nicht äußern. Im Gegensatz zu Dr. Schwarze: ,,Das Medikament war vier Wochen über dem Haltbarkeitsdatum des Herstellers und damit noch innerhalb der Sicherheitsmarge des Herstellers.“ Es habe gewirkt und dem Patienten gehe es gut.

Schwarze hält die Anschuldigungen ohnehin für konstruiert: ,,2013 hat das Gewerbeaufsichtsamt unser Fahrzeug, die Bevorratung der Medikamente und die Hygiene überprüft, ohne Mängel.“ Wenn es jetzt zu einer Beanstandung wegen eines abgelaufenen Medikamentes gekommen sei, ,,dann ist das ein Grund, darüber zu sprechen, vielleicht für eine Abmahnung, aber nicht für eine fristlose Kündigung.“

So sieht das auch der Anwalt des Notarztes: Der Mediziner habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. Wenn der Kreis der Meinung sei, ihn nicht mehr zu benötigen, „kann man ihn allenfalls mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist von seinen Aufgaben entbinden“.

Ob er wirklich nicht mehr gebraucht wird, bezweifelt der Mediziner. „Auch wenn ich nicht mehr für den Kreis tätig sein sollte, steht bei uns ein einsatzfähiges Notarztfahrzeug mit einem ausgebildeten Notarzt an Bord.“ Mit anderen Worten: Werde er im Notfall nicht alarmiert, „macht sich der Disponent in der Einsatzleitstelle womöglich der Körperverletzung oder schlimmstenfalls des Totschlags durch unterlassene Hilfeleistung schuldig.“ Der Streit geht also weiter.