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Laura-Sophie (4), Justin (10) und Maurice (13) haben Pfingstkalb Dominik (13) in ihre Mitte genommen. Ein alter Brauch, der in Wietzetze im Nachbarkreis Lüchow-Dannenberg noch gepflegt wird. Foto: t&w
Laura-Sophie (4), Justin (10) und Maurice (13) haben Pfingstkalb Dominik (13) in ihre Mitte genommen. Ein alter Brauch, der in Wietzetze im Nachbarkreis Lüchow-Dannenberg noch gepflegt wird. Foto: t&w

Alter Brauch im frischen Birkenkleid

emi Lüneburg. Sie sind mehrere hundert Jahre alt und im Laufe der Jahre vielerorts in Vergessenheit geraten: Bräuche wie Pfingstfeuer, Pfingstochse und Pfingstbaumaufstellen. Doch einige Dörfer in der Region pflegen die alten Traditionen noch auch wenn es im Laufe der Jahrhunderte wohl zeitliche Unterbrechungen gegeben hat. Die Reinstorfer beispielsweise ziehen auch in diesem Jahr wieder los, um junge Birken etwa an Häuser, Zäune und Garagen zu binden. Einst sollen damit junge Männer um unverheiratete Frauen geworben haben. In Heiligenthal und Südergellersen bitten Kinder mit einem Bollerwagen, aus dem das gebrochene Bein des Pfingstkarls ragt, um Spenden: Geld, etwas Süßes, Eier und Speck.

Im Nachbarkreis Lüchow-Dannenberg feiern einige Orte auch in diesem Jahr den alten Brauch des Pfingstkalbs: Ein Kind wird mit Birkenbusch, Blumen und Flieder geschmückt und bittet am Pfingstsonntag an den Haustüren um Süßigkeiten, Geld und Eier. Zwei Kinder führen das Pfingstkalb links und rechts, weil es durch das viele Birkengrün in der Bewegung eingeschränkt ist und oftmals gar nichts sieht. Hinter den dreien sorgt in manchem Ort der verkleidete Schornsteinfeger für Zucht und Ordnung. Ein weiterer trägt den Eierkorb, dahinter folgen Bläser und Fahnenträger. Auch in Tosterglope im Kreis Lüneburg pflegte man diese Tradition bis vor rund acht Jahren.

Dietmar Gehrke hält all diese Traditionen für „Ausformungen ein und derselben Sache“. Der Kreisarchäologe hat in Heimatbüchern aus dem beginnenden 20. Jahrhundert nach Pfingstbräuchen geblättert. „Vermutlich sind sie aus den Maibräuchen entstanden“, sagt Gehrke.

Zum Pfingstkalb hat der Geschichtskenner in Ernst Reinstorfs heimatkundlicher Sammlung (erschienen 1929) folgendes gefunden: „Wer am Pfingstmorgen zu lange schlief, bekam einen Distelkranz und war ,Pfingstkarr.“ Am ersten Pfingsttag seien die Hütejungen von Haus zu Haus gegangen. Einige blieben draußen und knallten mit langen Peitschen. „Drei gingen in die Häuser, zwei davon waren mit Holzsäbeln versehen und führten den Dritten zwischen sich, der ganz mit Grün behängt war und eine grüne Krone auf dem Kopfe trug, durch die beide abwechselnd mit dem Degen stachen. Dabei baten sie mit einem Verse um Gaben.“

Einen plattdeutschen Vers sagen heute etwa auch noch die Kinder beim Umzug durch Bredenbock in der Göhrde auf: „Gouden Dach in jur Hus, jur Hus is ja so krus, jur Deel is ja so holl und boll, 10 Stock Eier heevt jü woll, 5 dörvon in unsre Kiep, je werd sälig, wi ward riek, un wenn jü uns keen Eier geben wüllt, schall de Vos ju de ganzen Höhner wech halen.“

Diesen Spruch kennt auch Dorfhistoriker Volker Weber aus Tosterglope im Landkreis Lüneburg: „Als ich ein Kind war, war das Pfingstkalb bei uns Tradition, etwa bis 1990. Zwischen 2000 und 2006 haben wir den Brauch noch einmal aufleben lassen, aber dann haben sich keine Kinder mehr dafür gefunden.“

In Harlingen bei Hitzacker hat Hartmut Schäfer ein Auge darauf, dass die Tradition „Pfingstkalb“ nicht einschläft. Der 73-Jährige kennt den Brauch „seitdem ich denken kann“. Johann-Bernd Schulze berichtet aus Wietzetze: „Wenn das Pfingstkalb gerupft beziehungsweise entkleidet ist, setzen sich alle an einen Tisch, zählen und teilen das eingesammelte Geld.“

Ob Pfingstbaum, Pfingstkarl oder Pfingstkalb: Stets wird um Spenden gebeten. Eines hat sich offenbar seit Anfang des 20. Jahrhundert nicht geändert. Bereits 1914 hielt ein Lehrer im Heimatbuch fest: „Statt Eier oder dergleichen nehmen die Kleinen heutigen Tages mit Vorliebe Geldgeschenke.“

Das religiöse Fest
Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche und Beginn der weltweiten Mission. 50 Tage nach Ostern ist es der feierliche Abschluss der Osterfestzeit. Der Name Pfingsten kommt vom griechischen „Pentekoste“, was 50. Tag bedeutet. Die Kirche erinnert an diesem Fest an die Ausgießung des Heiligen Geistes, wie er in der biblischen Apostelgeschichte beschrieben wird. Darin werden die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt und können plötzlich sämtliche Sprachen sprechen und verstehen. Der Heilige Geist soll nach kirchlicher Lehre in der Welt Person, Leben und Werk Christi in der Geschichte lebendig halten