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Das Gartenlandschaftsprojekt von Jörg Fröchling (l. vorn) ist ein Beschäftigungsangebot für seelisch Erkrankte der HiPsy gGmbH mit Geschäftsführer Holger Maack (r. vorn). Es gibt Florian (l. hinten) und Michael (r. hinten) nach eigener Aussage Stabilität und Anerkennung. Foto: t&w
Das Gartenlandschaftsprojekt von Jörg Fröchling (l. vorn) ist ein Beschäftigungsangebot für seelisch Erkrankte der HiPsy gGmbH mit Geschäftsführer Holger Maack (r. vorn). Es gibt Florian (l. hinten) und Michael (r. hinten) nach eigener Aussage Stabilität und Anerkennung. Foto: t&w

Balsam für die Seele

emi Salzhausen. Im frisch eingeweihten Therapiegarten laden Florian und Michael Steine auf eine Schubkarre. Ein paar Hundert Meter weiter, in der Küche der Wohngemeinschaft I, bereiten Carsten und Martin zusammen mit der Einrichtungsleiterin Susanne Möller Salat für 20 Bewohner zu. Ein ganz normaler Tag in den Einrichtungen der Sozialpsychiatrischen Hilfen im Landkreis Harburg (gemeinnützige HiPsy GmbH) im Salzhäuser Ortsteil Putensen. Und doch ist dieses Jahr ein ganz besonderes: HiPsy feiert 40-jähriges Bestehen und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Im Jahr 1974 gründete der Psychiater Dr. Emil Thiemann einen Verein mit dem Namen „Hilfe für psychisch Behinderte“. Er mietete die alte Schule im Salzhäuser Ortsteil Putensen und schuf die Wohngemeinschaft I mit 20 Klienten und fünf Mitarbeitern. Sein Wunsch war es, die Wohn- und Lebenssituation seelisch erkrankter Menschen zu verbessern. Zwar ist dieses Ziel bis heute dasselbe geblieben, doch HiPsy ist inzwischen gewaltig angewachsen. In den Einrichtungen der Sozialpsychiatrischen Hilfen im Landkreis Harburg mit Geschäftsstelle in Winsen werden heute 450 Klienten von 140 Mitarbeitern betreut.

„In den vergangenen 40 Jahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden“, sagt HiPsy-Geschäftsführer Holger Maack. „Als Dr. Thiemann 1974 die therapeutische Wohngemeinschaft gründete, war das für die damalige Zeit eine Revolution“, erläuterte der 56-Jährige jüngst auch bei den 40-Jahr-Feierlichkeiten in Putensen. „Ein Arzt im Pullover, der sich von seinen Patienten duzen ließ und der mit ihnen unter einem Dach lebte.“

Primäre Aufgabe der Mitarbeiter sei es damals gewesen, „in eine Beziehung mit den Patienten zu gehen, die durch Freundschaft und Verständnis geprägt sein sollte“ Liebesbeziehungen während des Arbeitslebens nicht ausgeschlossen. So etwas ist heute natürlich undenkbar. „Jetzt arbeiten wir professionell mit psychisch Kranken.“

In der Wohngemeinschaft I kümmern sich sieben hauptamtliche Mitarbeiter und viele weitere Helfer Tag und Nacht um die Klienten. Einige Bewohner im Alter von 20 bis 60 Jahren sind manisch-depressiv, hören Stimmen oder leiden unter Persönlichkeitsstörungen. Leiterin Susanne Möller erklärt: „Ganz viele haben Probleme, ihren Alltag geregelt zu kriegen. Manche kommen aus der Klinik, manche brauchen jemanden, der nachts da ist.“ In der Wohngemeinschaft wird darauf hingearbeitet, dass die Menschen irgendwann wieder in eine eigene Wohnung ziehen können. Deshalb wird ihre Eigenständigkeit gefördert. „Und dazu gehört auch Kochen“, betont Susanne Möller.

Carsten steht in blau-weiß-karierter Schürze in der Küche und mischt grünen Salat in einer großen Schüssel. Er lebt seit einem Jahr in der Wohngemeinschaft. „Das ist gut für mich“, sagt der 22-Jährige. „Hier wird einem viel unter die Arme gegriffen.“

Ein paar Hundert Meter weiter, im Therapiegarten an der Amelinghäuser Straße, ruhen sich Florian und Michael vom Steineschleppen aus. „Ich habe auch mal in der Wohngemeinschaft gewohnt“, erzählt Michael. „Seit einiger Zeit lebe ich in meiner eigenen Wohnung.“ Das Gartenlandschaftsprojekt unter der Leitung von Jörg Fröchling ist ihm wichtig, „um etwas Sinnvolles zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben“. Auch da hat sich laut Maack die Grundauffassung bei HiPsy geändert: „Dr. Thiemann glaubte, Arbeit macht krank. Wir sagen jetzt: Sie gibt dem Leben einen Sinn.“ Florian und Michael können das bestätigen.