Dienstag , 27. September 2016
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Ein lauschiges Plätzchen findet sich in einem Schrebergarten immer. Foto: kwl
Ein lauschiges Plätzchen findet sich in einem Schrebergarten immer. Foto: kwl

Kein bisschen altmodisch

Es duftet nach Rosen, Jasmin, Akelei und Kräutern. In Reih und Glied stehen die Radis­chen auf dem Beet. Und während der Kohlrabi auf die Ernte wartet, wird Rote Beete für den Winterbedarf ausgesät. Zwiebeln, Erdbeeren, Zucchini und Salatköpfe teilen sich ihren Platz mit Ringelblumen und Kamille. Bienen summen, und Schmetterlinge breiten ihre Flügel aus. Überall zwitschern die Vögel, und in der Sandkiste spielen Kinder mit Eimer und Schaufel. Gerade wird der Grill angezündet, auf dem in wenigen Minuten die ersten Würste liegen. Das ist Kleingartenidylle pur und alles andere als altmodisch. An diesem Wochenende (14./15. Juni) feiert der Kleingarten seinen 200. Geburtstag, der Schrebergarten wird 150 Jahre alt und zum 30. Mal wird der „Tag des Gartens“ ausgerufen.

Frage: Was haben Federbetten und Kartoffeln gemeinsam? Anwort: die Federn! Tatsächlich. Hans-Jürgen Ahlfeld weiß, dass Federn, die wie ein Osternest unter die Pflanzkartoffeln gelegt werden, die Ernte verbessern. „Das ist wie Hornspäne. Die Federn verrotten und werden Dünger, die Kartoffeln sind geschützt“, verrät der Vorsitzende des Kleingartenvereins Zeltberg e.V.

Den Trick kennt Johann Rotärmel natürlich auch. Der 83-Jährige hat seit sieben Jahren einen Kleingarten in der Kolonie. Seine Kartoffeln stehen wie eine Eins. Kräftige, dunkelgrüne Pflanzen, die ihm bis zur Hüfte reichen. Warum seine Pflanzen so gut aussehen? „Ich weiß auch nicht genau“, sagt der vor 22 Jahren aus Kirgisien nach Deutschland gekommene Rentner und lächelt verschmitzt. „Ich habe früher immer Gründünger genommen. In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal diese Kuhmist-Pellets zu den Kartoffeln gelegt, immer zwei Stück pro Kartoffel. Die stehen damit wirklich gut.“

Die Pflanzen auf Rotärmels Parzelle sehen alle kräftig und gesund aus. Gurken, Weintrauben, Tomaten, Erdbeeren, Sauerampfer, Knoblauch Rotärmel und seine Frau nutzen den Garten auch für die Eigenversorgung, verbringen jede freie Minute dort. „Ich habs nicht weit, komme immer mit dem Fahrrad hierher“, sagt er. Vor diesem Garten hatte er schon eine Parzelle in einer anderen Kleingartenkolonie in Lüneburg. „Da war aber kein Strom“, nennt Rotärmel den Grund für den Wechsel. Und die Nachbarn hier seien alle sehr nett.

2230 Gärten und 2245 Mitglieder zählt der Kleingärtner-Bezirksverband Lüneburg e.V., mehr als 15000 Vereine betreut der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. Und die Pächter der um die 400 Quadratmeter großen Parzellen werden immer jünger. „Der Durchschnitt ist auf jeden Fall weit unter dem Rentenalter“, weiß der Vorsitzende des Bezirksverbandes und Vizepräsident des Landesverbandes, Joachim Roe­mer. Immer mehr junge Familien mit Kindern suchen das Idyll in der Natur. „Frische Luft schnuppern, im Sand buddeln, zu sehen, wie alles wächst, dafür war der Kleingarten schon immer gut. Das macht so viel Spaß, da wird der PC auch mal vergessen“, weiß Roemer.

Ebenso wie das Handy. Zumindest ist das bei den Jugendlichen so, die Diana Kellinghusen-Rothermund seit mehr als 25 Jahren betreut. Es sind Pflege-Jugendliche oft „schwierig“ im Alter von 14 bis 19 Jahren, die die Lüneburgerin bei sich aufnimmt. Ihr Garten, der ein wenig verwunschen wirkt und voll ist von zauberhaften Figuren, Gesammeltem und Selbstgebasteltem, versprüht eine ganz besondere Atmosphäre.

Den Garten hat sie seit 20 Jahren. „Damals hatten wir ein behindertes Kind aufgenommen, einen neunjährigen Jungen mit Handycap“, sagt die 58-Jährige. „Wir brauchten Platz zum Spielen. Bei einem Spaziergang durch die Kleingartenkolonie sagten unsere Kinder, hier möchten wir bleiben. Da haben wir die Parzelle gepachtet.“ Inzwischen hat sie auch noch den Nachbargarten dazugenommen. Und wie es die Statuten in Kleingartenkolonien vorschreiben, ist ein Großteil der Anlage Nutzfläche. Gemüse wird angebaut und Blumen blühen. Dazu tummeln sich Fische in einem eingezäunten und von lustigen Metall- und Keramikfröschen bewachten Gartenteich.

Die Jugendlichen lieben das Paradies mitten in der Stadt. „Hier wird auch gerne mal eine Party gefeiert, mit Freunden gechillt oder nachts werden einfach nur die Sterne beobachtet. Auch das Taschengeld wird bei der Gartenarbeit gerne mal aufgebessert“, sagt Kellinghusen-Rothermund. Sie weiß von Pflegekindern, die heute, als Erwachsene, selbst einen Schrebergarten haben. Und für sie selbst gibt es keinen schöneren Ort, um Ruhe zu finden in ihrem „Therapiegarten“.

„Wer in so einer Kleingartenanlage eine Parzelle haben möchte, muss Vereinsmitglied werden“, so Bezirksverbands-Vorsitzender Roe­mer. Die Preise für die Anlagen sind überschaubar. „Die liegen bei 300 bis 400 Euro im Jahr inklusive Versicherung“, sagt Roemer. Und während das Gartenland gepachtet wird, sind die Gartenlaube, die Pflanzen und alle anderen Gartenutensilien Besitz des Pächters. Deshalb müsse bei Pächterwechsel ein Abstand dafür gezahlt werden.

Das haben auch Svetlana und Stefan so gemacht. Die Eltern von drei Kindern bewirtschaften ihren Garten seit drei Jahren am Zeltberg. Eine Menge Arbeit haben sie in ihr Frischluftparadies gesteckt. Und während der Vorbesitzer überwiegend Blumen gepflanzt hatte, steht in ihrem Garten nun die Eigenversorgung mit Obst und Gemüse und viel Spielfläche im Vordergrund.

David (6) sitzt in der Sandkiste auf seinem gelben Spielzeug-Bagger und gräbt fröhlich Löcher. Seine eineinhalbjährige Schwester Stefanie guckt ihm vor dem bunten Spielhaus begeistert zu. Ihr Bruder Maxim (3) besucht gerade den Opa in der Nähe von Hamburg. „Opa hat auch einen Garten“, erklärt David, der hinter der Laube gerne mal auf dem Trampolin herumspringt. Im Kleingarten können David, Maxim und Stefanie toben, ohne das ihre Eltern sich sorgen machen müssen.
„Von meinem Vater haben wir eine Menge gelernt“, sagt Svetlana, ,,und von Jürgen“, fügt die 32-Jährige hinzu. Jürgen, das ist Hans-Jürgen Ahlfeld, der Vorsitzende der Zeltberg-Kolonie und der gute Geist auf der Anlage. Er kennt alle Leute in den mehr als 100 Gärten und hat immer einen Rat oder Tipp parat. Zum Beispiel den, dass man Porré kurz über der Erde abschneidet. „Dann wächst der aus der Mitte neu aus und man kann ihn zwei- bis dreimal im Jahr ernten“, so Ahlfeld, der die Gladiolen in seinem Garten in alte Apfelkisten pflanzt. „Wenn die ausgeblüht sind, dann kippe ich die Kiste aus, sammle die Zwiebeln ein, und im kommenden Jahr kann ich die Erde, mit Hornspäne gedüngt, wieder verwenden.“

Den Großteil seiner Freizeit verbringt der Paket-Zusteller bei der Deutschen Post in der Kleingartenkolonie. Er ist da, wenn mal irgendetwas nicht funktioniert, wenn handwerkliches Geschick gefragt ist. In seiner Parzelle bereitet er altes Gartenwerkzeug auf, als Dekoration fürs Vereinshaus und für seinen eigenen Garten.

Darin kreucht und fleucht es an jeder Ecke über dem Gartenteich mit den Fischen, die sofort aus dem Wasser gucken, wenn jemand ans Teichufer kommt. Und im selbst gebauten Insektenhotel, der kleinen Ausführung von der Wohnanlage für lebende Schädlingsbekämpfer und Blütenbestäuber, die Ahlfeld mit anderen Kleingärtnern gebaut und vor das Vereinshaus „Zeltbergstübchen“ gesetzt hat, in einen echten Vorzeige-Garten.

Die Anlage wird von den Mitgliedern gepflegt, das ist Statut. Wege, Zäune, eben alles, was außerhalb der eigenen Parzelle liegt, muss von der Gemeinschaft instand gehalten werden. Das Vereinshaus betreibt Ingrid Steep, die Partnerin von Ahlfeld. Das Haus mit allem, was man zum Feiern braucht, kann gemietet werden. Auf den Tischen mit den grünen Deckchen hat „Ingrid noch mal schnell ein paar Gestecke gestellt“, so Ahlfeld begeistert. Beide leben ihre Kleingartenkolonie.

Zu den Mitgliedern in den Kleingartenkolonien gehören alle Berufsgruppen, Apotheker und Zahnärzte ebenso wie Handwerker, die viel Fachwissen mit in die Gemeinschaftsanlagen brächten, so Bezirksverbands-Vorsitzender Roemer. Ebenso hätten viele Migranten eine Parzelle. „Die sind unheimlich hilfsbereit und packen immer mit an, wenn man sie anspricht“, sagt Roemer.

34 Jahre ist Roemer Kleingärtner, kann sich ein Leben ohne dieses Hobby überhaupt nicht vorstellen. Und er weiß, ein Kleingarten muss genutzt werden. „Nur Wiese, das geht nicht.“ Allerdings habe sich die Nutzung über die Jahre geändert. „Früher gabs nur gerade Wege und gerade Beete. Nach dem Krieg ging es vor allem darum, sich mit frischem Gemüse zu versorgen. Heute fahren die Menschen in den Urlaub, sehen dort Dinge, die sie im eigenen Garten ausprobieren wollen. Sie sind neugierig, essen Blüten der Tagetes und Aster, selbst Geranien lassen sich essen“, so Roemer.

Und gerade das ist es, was die Kleingartenidylle ausmacht: Die Vielfalt an Pflanzen und die vielen unterschiedlichen Menschen, die dort leben. Ein Rückzugsort nach stressigen Arbeitstagen, ein Spielplatz für Kinder und ein Stück Natur direkt zum Anfassen. „Die Kinder lernen, wo das Gemüse herkommt. Es ist ohne Chemie und gesund“, sagt Svetlana und weiß, dass sie ihren Kindern mit dem Garten etwas Gutes gibt.
kai werner lievenbrück