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Hans-Joachim Zillmann hat den alten McCormick schon gefahren, als sein roter Lack noch strahlte. Seit 60 Jahren arbeitet der Ehlbecker auf dem Hof Böttcher (früher Becker)  und er denkt kurz vor seinem 75. Geburtstag nicht ans Aufhören. Foto: t&w
Hans-Joachim Zillmann hat den alten McCormick schon gefahren, als sein roter Lack noch strahlte. Seit 60 Jahren arbeitet der Ehlbecker auf dem Hof Böttcher (früher Becker)  und er denkt kurz vor seinem 75. Geburtstag nicht ans Aufhören. Foto: t&w

Ein Hof, ein Mann, ein Leben

off Ehlbeck. Die Karosserie des Traktors rostet. Öl tropft aus dem Motorraum auf das Kopfsteinpflaster der Hofeinfahrt. Am abgewetzten Steuer des McCormick sitzt Hans-Joachim Zillmann. Der Mann, der dort schon saß, als der Traktor noch in rotem Lack glänzte und der Vierzylinder zum Modernsten gehörte, was der Markt zu bieten hatte. 1954 als der Schlepper in England gerade gebaut wurde hatte Zillmann auf dem Hof Becker in Ehlbeck seinen ersten Tag. Heute, mit fast 75 Jahren, arbeitet er noch immer auf dem Betrieb, am liebsten hinterm Steuer seines dunkelroten DAF-Lkw, wie eh und je mit Blaumann und Halstuch. Den McCormick fährt er nur noch aus Spaß, in Erinnerung an Zeiten, „in denen ich mir niemals vorstellen konnte, 60 Jahre auf einem Hof zu arbeiten“.

Hans-Joachim Zillmann steigt vom Traktor, grinst und streckt zur Begrüßung die rechte Hand aus. „Addi“, sagt er, „Addi Zillmann“. Den Spitznamen hat ihm sein Großvater gegeben, „da war ich noch ganz klein“, erzählt er. Hans-Joachim nennt ihn niemand in Ehlbeck, „Addi war schon immer Addi“, sagt Hofherr Helmut Böttcher. 1949, als Sechsjähriger, kam Zillmann als Flüchtlingskind auf den Hof nach Ehlbeck, sein Großvater fand Arbeit bei Böttchers Schwiegervater Hermann Becker. Addi Zillmann besuchte die Volksschule im Ort und begann mit fünfzehn seine Lehre bei Beckers. „Das war keine große Sache damals. Mit Bewerbungsgespräch und so“, sagt Zillmann, „wir haben über die Arbeit gesprochen und dann hab ich eben einfach angefangen.“

Auf dem Hof gibt es 1954 noch Schweine, Kühe und Schafe, Landwirtschaft ist ein Knochenjob und Zillmann nur einer von vielen Gehilfen auf dem Hof. „Damals war hier richtig was los“, erzählt er, „der Esstisch in der Diele war immer voll.“ Bei den Erntefesten „haben wir Theaterstücke im Getreidespeicher aufgeführt“, es wurde getanzt, gesungen, bis tief in die Nacht gefeiert. Zwei der damaligen Kollegen bleiben mit ihm bis zur Rente auf dem Hof in Ehlbeck. Seit sie fort sind, ist Addi Zillmann der letzte Mitarbeiter, der den alten McCormick zu Glanzzeiten gefahren ist und der die Chefin Ilsa-Maria Böttcher im Kinderwagen über den Hof geschoben hat.

Warum er nicht wie die anderen mit fünfundsechzig einfach aufgehört hat zu arbeiten? Addi Zillmann zögert, runzelt die Stirn, dann zuckt er mit den Schultern, „das konnte ich mir eben nicht vorstellen“. Trotz Rentenalter arbeitet er einfach weiter, ohne große Worte, nicht mehr Vollzeit, aber fast jeden Tag. „Am liebsten fährt Addi Lkw“, sagt Helmut Böttcher, „Zuckerrüben nach Uelzen, Hühnertrockenkot aus Westniedersachsen.“ Fast alle Trucker aus der Region kennen den Ehlbecker, mit seinem roten DAF-Lkw und dem Addi-Schild hinter der Windschutzscheibe. Gibt es mal nichts zu fahren, kümmert sich der 74-Jährige um Reparaturen und Wartungsarbeiten. „Nur zu Hause sitzen, das ist nichts für mich“, sagt er. Schon gar nicht, seitdem vor einigen Jahren seine Frau gestorben ist.

Anfang der 1960er-Jahre, kurz nach der Hochzeit, sind Addi Zillmann und seine Frau in das ehemalige Ehlbecker Schusterhaus gezogen. Eines der Gebäude, die zum Hof gehören, nur ein paar hundert Meter entfernt direkt am Waldrand. Dort haben sie zwei Töchter groß gezogen, dort sitzt Addi heute mit Nachbarn am Grillplatz vor dem Haus oder spielt Akkordeon im Garten. Die Melodien hört Ilsa-Maria Böttcher noch auf dem Hof, für die 60-Jährige ein vertrauter Klang. „Seine Quetsche hat Addi schon immer gespielt“, sagt sie. In all den 60 Jahren, die er auf dem Hof schon arbeitet. Weg wollte Addi Zillmann nur einmal, „zur Bundeswehr“, sagt er. Doch die haben ihn nicht genommen, also blieb er, wo er war in Ehlbeck auf dem Hof Becker, der heute Böttcher heißt und wo statt Kühen, Schweinen und Schafen mittlerweile Pferde leben.

Wie lange er noch fit genug zum Arbeiten ist, darüber will Addi Zillmann nicht sprechen. „Noch läuft alles einigermaßen“, sagt er. Nur der rechte Fuß, der macht Probleme beim Abrollen. Am Mittwoch feiert der Ehlbecker seinen 75. Geburtstag, „und solange Addi noch kann, behalten wir auch seinen Lkw“, sagt Helmut Böttcher. Dürfte Addi Zillmann selbst entscheiden, würde er auch mit hundert Jahren noch Lkw fahren und 2039 sein 85. Betriebsjubiläum bei Böttchers feiern.