Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Biobauern Jürgen Schoop (l.) und Jürgen Lütjens kontrollieren ihren Präzisionshackstriegel. Da sie im Ökolandbau auf chemische Unkrautvernichtung verzichten, entfernen sie es mit dem Hackstriegel. Foto: t&w
Biobauern Jürgen Schoop (l.) und Jürgen Lütjens kontrollieren ihren Präzisionshackstriegel. Da sie im Ökolandbau auf chemische Unkrautvernichtung verzichten, entfernen sie es mit dem Hackstriegel. Foto: t&w

Das Land soll grüner werden nur wie?

off Köhlingen. Jürgen Lütjens ist ein Bauer, wie Niedersachsens Agrarminister ihn sich wünscht. Er spritzt keine Chemie, bekämpft Unkraut mit dem Hackstriegel und baut Ackerbohnen und Erbsen an, statt Kunstdünger zu kaufen. Ökologisch vorbildlich, findet der Grüne Christian Meyer. Und will deshalb noch viel mehr Landwirte in Niedersachsen dazu bringen, so zu wirtschaften wie Lütjens. Der Minister lockt mit Geld, hat die Flächenprämien für Ökolandbau deutlich erhöht. „Ein schönes Zeichen“, findet Bio-Bauer Lütjens. An die erhoffte Trendwende glaubt er dennoch nicht.

Vor 14 Jahren, kurz nach der Jahrhundertwende, haben die Tostergloper Lütjens und sein Geschäftspartner Jürgen Schoop die ersten Ackerflächen umgestellt. Seit 2007 sind sie zu 100 Prozent Ökos, genauer Bioland-Ökos. „Wir haben aus Überzeugung umgestellt, hatten das Spritzen einfach satt“, sagt Jürgen Schoop. Die Höhe der Ökoprämie spielte bei der Entscheidung keine Rolle. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand wegen 100 Euro mehr Förderung pro Hektar zum Ökobauern wird.“

Minister Meyer hingegen glaubt an die Macht des Geldes. Und hat dabei ein klares Ziel vor Augen. Er will Niedersachsen, bisher bei der Ökofläche (knapp 75000 Hektar) nur auf Platz sechs in Deutschland, grüner machen bestenfalls sogar Spitzenreiter Bayern (rund 208000 Hektar) vom Thron stürzen. Sein Lockmittel: Wer umstellt, bekommt pro Hektar Acker- oder Grünland künftig 364 statt 262 Euro (vor Meyers Amtszeit), nach zwei Jahren 234 Euro Beibehaltungsprämie statt 137 Euro. Für einen Bauern mit 100 Hektar heißt das in der Umstellungsphase ein Plus von 10200 Euro im Jahr. „Eine nette Summe“, sagt Lütjens, „aber für einen Betrieb in der Größenordnung allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft ist hart. Wer sich wie Lütjens und Schoop dafür entscheidet, muss mit Tiefschlägen rechnen. Schlimmstenfalls mit Totalausfällen. Mit Äckern, auf denen das Unkraut die Oberhand gewinnt. „Hinzu kommt, dass es für Umstellungsware kaum Märkte gibt“, sagt Schoop, „das heißt, in den ersten zwei Jahren produziert man Ökoprodukte, kann sie aber nur als konventionelle Ware verkaufen.“ Um das zu überstehen, braucht es mehr als rund 100 Euro zusätzliche Prämie. Darin sind sich Biobauern wie Schoop und Lütjens mit Experten wie Carolin Grieshop einig.

Grieshop leitet das von Branchenverbänden betriebene Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen, hält die Anhebhung der Ökoprämie für richtig. „Auch weil wir ein anderes, ein ökologischeres Leitbild der Landwirtschaft brauchen, um insgesamt umweltgerechter und sozialer zu wirtschaften.“ Skeptisch ist allerdings auch sie, „dass eine Geldspritze allein für eine Trendwende reicht“. Gerade mal 2,9 Prozent der Agrarfläche in Niedersachsen wird aktuell ökologisch bewirtschaftet (Bayern 6 Prozent). „Und das liegt nicht nur daran, dass die Förderung von Ökobetrieben bisher verhältnismäßig niedrig war“, sagt Grieshop. Die Situation ist komplizierter.

Aus Sicht der Expertin gibt es im Wesentlichen fünf Gründe für die schlechte Öko-Bilanz Niedersachsens von der Agrarstruktur bis zur Ausbildungssituation. „In Westniedersachsen ist eine Umstellung der hochintensiven landwirtschaftlichen Betriebe auf Bio wirtschaftlich kaum möglich“, sagt sie. „Außerdem fehlen dort die notwendigen Flächen für eine im Ökolandbau vorgeschriebene Kreislaufwirtschaft“. Ein weiteres Hemmnis in ganz Niedersachsen sei das hohe Pachtpreisniveau. „Vor allem in Regionen mit einer hohen Dichte an Biogasanlagen ist die Flächenkonkurrenz hoch“, so Grieshop, „da können Ökolandwirte schwer mithalten.“

Für Verunsicherung in der Branche sorgen derzeit zudem die geplanten Änderungen in der EU-Ökoverordnung. „Wer nicht genau weiß, was er als Ökobauer künftig alles erfüllen muss, tut sich schwer mit einer Betriebsumstellung“, glaubt Grieshop. Zwei weitere Probleme, die sie vor allem in Niedersachsen sieht: „Ökolandbau findet in der Ausbildung viel zu wenig Berücksichtigung, außerdem gibt es viel zu wenig finanzielle Mittel für Forschung und Entwicklung.“

Einige der Punkte wie die Neuorganisation der Ausbildung hat Landwirtschaftsminister Meyer bereits angepackt. Auf andere hat er nur bedingt Einfluss. Ob ihm die Trendwende am Ende gelingen wird, seine Politik noch mehr Bauern vom Ökolandbau überzeugen kann, „wird man verlässlich erst in ein paar Jahren sagen können“, sagt Grieshop.

In Tosterglope bleiben Lütjens und Schoop skeptisch. „Ökolandbau braucht die richtigen betrieblichen Voraussetzungen und Überzeugung“, sagt Lütjens. „Politische Anreize allein reichen meiner Meinung nach nicht, auch wenn wir sie begrüßen.“ Der Landkreis Lüneburg zumindest hat sich auch ohne finanzielle Anreize ökologisch vorbildlich entwickelt: Hier bewirtschaften 55 Betriebe rund 10 Prozent der Ackerfläche ökologisch. Eine Zahl, wie Niedersachsens Agrarminister sie sich für das ganze Land wünschen würde.