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Was bei der Schermaschine wichtig ist, erklärt Seminarleiter Michael Gertenbach Teilnehmerin Katharina Schieferstein. Foto: t&w
Was bei der Schermaschine wichtig ist, erklärt Seminarleiter Michael Gertenbach Teilnehmerin Katharina Schieferstein. Foto: t&w

Schafschur für „Dummies“

off Echem. Maren Kehmann läuft Schweiß die Schläfe entlang, ihre Beine zittern. Ein Schaf klemmt zwischen den Knien der 35-Jährigen, in ihrer Hand surrt die Schermaschine. Die schmale Blonde ächzt, als sie die Maschine am Bauch des Schafes ansetzt. Der Job, den Profis in weniger als drei Minuten erledigen, bringt die Inhaberin einer Fahrschule an den Rand ihrer Kräfte. Fast 20 Minuten dreht, wendet und schert sie das Schaf, dann löst Seminarleiter Michael Gertenbach sie ab  und befreit das Tier innerhalb einer Minute vom verbliebenen Flies. Maren Kehmann wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich habe geahnt, dass es hart wird“, sagt sie, „jetzt weiß ich, Schafe scheren ist verdammt hart.“

Wie der jungen Frau aus Hambergen geht es allen Teilnehmern im Seminar von Schäfermeister Michael Gertenbach. Nach der theoretischen Einführung zum Schafe scheren blicken sie im Stall des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) Echem der Realität ins Auge. So leicht und elegant die Arbeit bei den Könnern auch aussieht, so schwer ist der Job als Anfänger. „Wie beim Tanzen gibt es auch für die Schafschur eine genaue Choreografie mit mehr als 100 Schritten“, sagt Gertenbach. Die Grundlagen vermittelt er seit fast 20 Jahren in Lehrgängen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Ein Angebot, das boomt.

Rund 207000 Schafe und 10500 Schäfer gibt es in Niedersachsen. „Wobei 80 Prozent der Schafhalter weniger als 20 Tiere haben“, sagt Klaus Gerdes, Schafzuchtreferent bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Mehr als 8000 Menschen also, die Schafe aus Liebhaberei halten  und immer häufiger Seminare wie das in Echem besuchen. Als Grund vermutet Gerdes das neue Tierschutzbewusstsein. „Viele Leute lernen heute zuerst etwas über Schafe, bevor sie sich welche anschaffen.“ Leute wie Maren Kehmann und Seminarpartner Marc Bell aus Dortmund.

Weder die Fahrschullehrerin noch der Berufssoldat halten bisher Schafe. Und bevor sie die ersten Tiere kaufen, wollen sie sich vorbereiten. Den Grundlehrgang Schaf- und Ziegenhaltung haben sie im März absolviert, jetzt ist das Einmaleins des Schafescherens dran. Ihr Ziel: Im Notfall auch selbst ein Schaf scheren zu können. „Die reguläre Schur würde ich weiter einem Profi überlassen“, sagt Bell. Nicht nur sich selbst, auch den Schafen zuliebe.

Im Schafstall surren die Schermaschinen, vier Schüler arbeiten gleichzeitig mit je einem Tier  unter Gertenbachs Kommando. „Kopf hoch!“, „So weit runter wie möglich scheren!“, „Füße fest unters Schaf!“ Katharina Schieferstein hebt den Kopf ihres Schafes und versucht die Schermaschine richtig zu führen, als sie ihre Füße ordnen will, hat sie den Kopf des Schafes wieder vergessen. Das Tier beginnt zu zappeln, die Studentin verliert den Halt und fällt, das Schaf rennt halbnackt durch den Stall. Ihre Mitstreiter fangen es ein, sie setzt erneut an  auch ihr rinnt der Schweiß von der Stirn.

Die angehende Ökolandwirtin will sich mit ihren WG-Mitbewohnern in Witzenhausen Schafe anschaffen. Und auch sie will vorher das nötige Handwerkszeug lernen. „Ob ich die Schafe dann allein schere, überlege ich mir nochmal“, sagt sie. Trotz Skizzen aller Arbeitsschritte an der Stallwand, weiß sie nie so recht, wo jetzt welcher ihrer Füße zwischen welchen Beinen des Schafes stehen muss. „Dabei auch noch die Schermaschine zu bedienen, das Schaf zu halten und es nicht zu verletzen...“ Sie seufzt. „Megakompliziert.“

Die perfekte Schur dauert zwei, maximal drei Minuten. Das Schaf hat keine einzige Blessur. Die Wolle ist sauber auf der Haut abgeschnitten. Und das Flies liegt am Ende in einem Stück neben dem Schaf. „Weltweit scheren Profis nach einem System“, sagt Gertenbach. „Zuerst kommt der Bauch, dann die Wolle zwischen den Beinen, die Keule, der Schwanz, der Kopf und am Ende der Rest in einem Stück.“ Dabei bewegt der Scherer das Schaf mit Beinen und Füßen hin und her. „Keine Zauberei“, sagt Gertenbach. „Aber ein Handwerk, das man mühsam lernen muss.“

Zwei Tage dauert das Seminar. Und es gibt niemanden, der am Morgen des zweiten Tages keinen Muskelkater hat. Doch wer besser werden will, muss Durchhaltevermögen beweisen. Auch das eine Lektion im Schafschur-Einmaleins.