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Ein Blick in die Produktion der  Firma Impreglon SE im Lüneburger Hafen. Dort wurde kürzlich ein neues Werk für Beschichtungen eröffnet. Foto: A/t&w
Ein Blick in die Produktion der Firma Impreglon SE im Lüneburger Hafen. Dort wurde kürzlich ein neues Werk für Beschichtungen eröffnet. Foto: A/t&w

Der Millionen-Deal

ca Lüneburg. Seit Jahren wächst der Lüneburger Spezialist für Oberflächenbeschichtungen, alle paar Monate übernimmt Impreglon weltweit neue Werke. Nun wird die börsennotierte Gruppe des Unternehmers Henning-J. Claassen selber übernommen. Der niederländische Konzern Aalberts Industries hat ein Übernahmeangebot gemacht, will mindestens 75 Prozent der Aktien erwerben. Das gaben die Firmen am 8. Juli bekannt.

Bis in die Nacht haben Claassen und Aalberts-Vorstandsvorsitzender Wim Pelsma gemeinsam mit ihrem Management über Einzelheiten verhandelt. Claassen sieht in der Übernahme eine Menge Chancen: Die Holländer seien auch im Bereich der Beschichtungen tätig, die Angebotspalette ergänze sich. Er geht davon aus, dass die Chefetage aus Amsterdam an einem langfristigen Engagement interessiert ist: „Wir hatten mehrere Angebote von Finanzinvestoren, die wollen ein Unternehmen meist drei bis sieben Jahre halten, dann weiterzuverkaufen.“ Das sei nicht in seinem Sinne, Impreglon solle eine Zukunft haben.

Claassen sagt: „Um auch zukünftig in dem bisherigen Tempo mit jährlichen Raten von 20bis 30 Prozent wachsen zu können, benötigt Impreglon einen Mehrheitsgesellschafter, der bereit und in der Lage ist, das nötige Kapital zur Verfügung zu stellen. Mit Aalberts haben wir den richtigen Partner gefunden, der darüber hinaus den Aktionären ein überaus attraktives Angebot macht.“

Denn für die Anteilseigner lohnt sich der Deal. Laut Claassen stand die Aktie am Montag, 7. Juli, bei 11,55 Euro, Aalberts garantiert 14 Euro pro Stück. Doch für viele dürfte das Geschäft viel lukrativer ausfallen, sie sind vor Jahren mit 7 oder 8 Euro pro Aktie bei Impreglon eingestiegen. Claassen und die J.F. Müller & Sohn AG besitzen alleine nach eigenen Angaben 55 Prozent des Aktienpakets und veräußern sie komplett.

Claassen berichtet, dass man Im­preglon mit einem Wert von 120 Millionen Euro bemesse: „Das ist so viel wie unser Umsatz 2013.“ Claassen wird aber weiterhin die führende Rolle im Unternehmen spielen: „Ich bleibe CEO.“ Also Vorstandschef.

Mitarbeiter in Lüneburg müssten sich keine Sorgen um ihre Jobs machen. Claassen geht eher davon aus, dass es Neueinstellungen gibt. An der Ilmenau sitzen Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Diese Sparte besitze Aalberts nicht. Also werde die in der Salzstadt weitergeführt. Auch die Mitarbeiter in der Produktion könnten eher mehr Arbeit bekommen. Sie beherrschen neue Verfahren spezieller und sehr dünner Beschichtungen.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge bedauert den Verkauf an einen ausländischen Investor, doch „ich möchte erst einmal zuversichtlich sein, dass Herr Claassen bei seinen Entscheidungen die Sicherung der 170 Arbeitsplätze in Lüneburg im Blick hat sowie auch die Sicherung des Know-how-Vorsprungs in Punkto Technik und Entwicklung“.

Claassen ist überzeugt von seiner Strategie, die ein bisschen wie eine Wiederholung anmutet. Vor einem Vierteljahrhundert hatte er die Meltex Klebstoffauftragstechnik GmbH, ein Lüneburger Maschinenbauunternehmen, an die amerikanische Firma Nordson verkauft. Die produziert noch heute im Hafen. „Damals wollte ich noch einmal neu beginnen“, sagt Claassen. Nordson als „strategischer Investor“ sei die richtige Wahl gewesen. Anfang des Jahres hatte er seinen 70. Geburtstag gefeiert, nun sei es Zeit, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Sorgen, dass Impreglon mit in diesem Jahr angepeilten 150Millionen Euro Jahresumsatz gegen Aalberts mit 2,1 Milliarden nicht genug Aufmerksamkeit erhalten könnte, hat Claassen nicht: „Aalberts will stärker im Oberflächensektor wachsen. In diesem Geschäftsfeld liegt man im Umsatz und bei der Anzahl der Werke auf Augenhöhe mit Impreglon. Man ist auf das schnelle Wachstum von Im­preglon aufmerksam geworden und will diese Strategie fortsetzen.“ Erste Kontakte habe es bereits vor drei Jahren gegeben, die Kultur in beiden Unternehmen harmoniere. So geht der Lüneburger davon aus, dass an der Impreglonspitze nach seinem Rückzug in einigen Jahren auch in Zukunft ein Manager von der Ilmenau stehen könnte.

Zur Ruhe setzen will Claassen sich nicht, Impreglon werde ihn weiter fordern, aber auch das Hotel Bergström, das in den vergangenen Jahren ebenfalls gewachsen ist: „Um das werde ich mich stärker kümmern.“

 

  • Erfolgsgeschichte
Die Unternehmensgeschichte von Impreglon beginnt im Jahr 1982. Zur Aktiengesellschaft wandelt sie Henning-J. Claassen 2006 um. Heute zählt die Gruppe mit ihren 1300 Mitarbeitern zu den weltweit führenden Unternehmen der Oberflächenbeschichtungen mit aktuell 35 Standorten in 15 Ländern auf vier Kontinenten. Das Unternehmen beschreibt sich selber so: „Impreglon veredelt Oberflächen von Injektionsnadeln über Reifenformen bis zu Turbinenschaufeln für 5000 Kunden in 40 verschiedenen Branchen.“ Aalberts wurde 1975 in den Niederlanden gegründet, der Gang an die Börse erfolgte 1987. Nach eigenen Angaben erwirtschaftet der Konzern mit rund 12 000 Beschäftigten in mehr als 30 Staaten einen Jahresumsatz von 2,1 Milliarden Euro.