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Der Gastaufenthalt in den USA nahm doch noch ein gutes Ende, das beweist der Gegenbesuch der Amerikaner in Lüneburg:(v.l.) Elaine und Victoria Voss mit Jan Bergmann und dessen Mutter Gaby. Foto: sin
Der Gastaufenthalt in den USA nahm doch noch ein gutes Ende, das beweist der Gegenbesuch der Amerikaner in Lüneburg:(v.l.) Elaine und Victoria Voss mit Jan Bergmann und dessen Mutter Gaby. Foto: sin

Gastfamilienroulette mit Happy End

sin Lüneburg. „Mein Gastbruder hatte Marihuana geraucht und eine Waffe aus dem Auto geholt.“ Der Start von Jan Bergmann bei seiner Gastfamilie in Jackson im US-Bundesstaat Mississippi verlief alles andere als glatt. Gleich am zweiten Tag seines zehnmonatigen Aufenthalts wurde der Adendorfer von seinem Gastbruder zum Drogenkonsum und Schusswaffengebrauch angestiftet. Jan blieb standhaft, nicht nur, weil ihm als Minderjähriger eine Strafe geblüht hätte. Er wandte sich an seine Austauschorganisation „Asse International Student Exchange Programs“, wollte die Familie wechseln. Es sollte nicht beim holprigen Start in der Fremde bleiben.

Der 17-Jährige war am Anfang des elften Schuljahres in die Vereinigten Staaten geflogen, um dort in einer Gastfamilie zu leben, die Schule zu besuchen, sein Englisch zu verbessern und eine andere Kultur kennenzulernen. Dass es mitunter größere kulturelle Unterschiede geben sollte als erwartet, merkte Jan Bergmann spätestens nach seinem Wechsel in eine neue Gastfamilie in Picayune, Mississippi. Bei den konservativ geprägten Gasteltern sei er schon mit den einfachsten Anliegen angeeckt, etwa mal was mit Gleichaltrigen zu unternehmen. So sei ihm verboten worden, seine Freundin Victoria, einzige Bezugsperson, die er vor Ort kennen und schätzen gelernt hatte, zu treffen. Gleichzeitig sei er auch von familiären Unternehmungen wie einem Bootsausflug ausgeschlossen worden. „Es sei kein Platz mehr frei, haben sie mir gesagt, sie sind einfach ohne mich weggefahren“, erzählt der Jugendliche.

Er war unglücklich. In Deutschland bekam das schnell auch Mutter Gaby Bergmann mit. Sie kommunizierten über Skype und Facebook: „Ich sah und spürte, wie Jan leidet, konnte von Lüneburg aus aber nicht viel machen. Es war die Hölle für mich“, erinnert sie sich. Vermittlungsversuche von Elaine Voss, der Mutter seiner Freundin, scheiterten. Jan wollte erneut die Familie wechseln. Elaine Voss warb bei einem Arbeitskollegen, den Schüler aufzunehmen. Doch einigen Widrigkeiten musste Jan sich noch stellen. Er fühlte sich von seiner Gastmutter unter Druck gesetzt, zu bleiben, „sie fürchtete wohl um ihren Ruf“. Gemeinsam mit Victoria und Elaine konnte Jan sich letztlich aber durchsetzen.

Bei Mike und Tish Hindman sowie deren Söhnen Ethan und Justin fand der Adendorfer im Exil im dritten Versuch schließlich doch noch eine liebevolle Gastfamilie, immerhin gerieten so zumindest noch die letzten drei Monate seines Aufenthalts zu einem positiven Erlebnis. „Ich konnte mit meinen Gastbrüdern Fußball spielen, auch in der High School Manschaft, den Blue Devils. Mit den Hindmanns ging es echt bergauf“, erzählt er.

Auch für Victoria, sie freute sich, ihren deutschen Freund wieder uneingeschränkt sehen zu dürfen. „Ich wollte unbedingt mit ihm nach Deutschland fliegen, um zu sehen, wie und wo Jan normalerweise lebt“, sagt die 18-Jährige. Gesagt, getan. Sie und ihre Mutter schnupperten nun für zwölf Tage Lüneburger Luft. „Es ist zauberhaft hier, so klein und süß. Nur dem Essen fehlt ein wenig Würze“, sagt Elaine Voss. Sie wolle unbedingt Deutsch lernen, sagt ihre Tochter. Alle haben sich nun vorgenommen, sich von nun an jedes Jahr abwechselnd gegenseitig zu besuchen. So hatte das Abenteuer Amerika am Ende doch noch ein Happy End, hat Jan Bergmann womöglich trotz aller Widrigkeiten Freunde fürs Leben gefunden.

Im nächsten Schuljahr wird Jan in der 11. Klasse am Johanneum und damit wieder in gewohntem Umfeld lernen. Doch er weiß schon jetzt: „Nach Amerika fahre ich in Zukunft nur zu Besuch. Studieren möchte ich lieber in Deutschland.“