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Psychiatrie bleibt ihm erspart

rast Lüneburg. ,,Ich war schon ganz oben. Ich habe viel verloren, nicht nur finanziell, auch Freunde. Aber die kommen langsam zurück. Und nach den Sommerferien fange ich auch wieder mit dem Arbeiten an.“ Das sagte der 49 Jahre alte Diplom-Musiklehrer aus Winsen, dem die Staatsanwaltschaft üble Nachrede, vorsätzliche Körperverletzung, versuchte Nötigung und Fahren ohne Führerschein vorgeworfen hatte. Da der Mann aber unter einer krankhaften seelischen Störung leidet, wurde er gestern wegen Schuldunfähigkeit von der 3. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg freigesprochen. Er wird auch nicht in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, da von ihm durch seine aktuelle fachärztliche Behandlung laut der Vorsitzenden Richterin Sabine Philipp keine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

Laut dem psychiatrischen Gutachter Dr. Reiner Friedrich sah sich der Angeklagte, der wiederholt Preisträger bei ,,Jugend musiziert“ war, Musik studierte und sie bei der Bundeswehr und danach vier Jahre in einem Polizeiorchester machte, einer Verschwörung ausgesetzt, er habe sich ,,von Pädophilen, Russen und Behörden verfolgt gefühlt“. Seine Taten seien durch seinen Gedanken motiviert gewesen, sein kleiner Sohn würde durch Pädophile verfolgt. Der Junge lebt bei seiner ehemaligen Freundin, die Kindergärtnerin ließ den Mann nicht zu ihm. So ging der 49-Jährige im vergangenen Jahr zwei Mal zu deren Chefin und erzählte ihr, seine Ex gehöre einem Ring von Pädophilen an und dass der Vater seiner Ex ihn ermorden wolle, er habe ihn mit einem Wagen von der Straße drängen wollen. Fortan beobachteten Kita-Mitarbeiter die Frau, auch hatten sie ein Auge auf das Verhalten des Sohnes. Doch die Einrichtung stand zu der langjährigen Mitarbeiterin, denn schnell war klar, dass an den Vorwürfen nichts dran war. Die Vorwürfe gegenüber seiner Ex machte er auch gegenüber Nachbarn der Frau in einem Brief, den er ihnen an die Wohnungstür klebte. Hier sah das Gericht zwei Straftaten wegen übler Nachrede.

Eine einfache Körperverletzung sah die Kammer in einem Angriff auf seine Ehefrau, die er nach der Beziehung mit seiner Ex heiratete: Als sie ausziehen wollte, hat er sie bespuckt und an den Haaren gerissen. Die Anklage war zunächst davon ausgegangen, dass er sie auch geschlagen habe, das aber sei nicht geschehen, sagte die Frau auf dem Zeugenstuhl aus. Hier ging Richterin Philipp mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst ins Gericht: ,,Er hatte ihr angeraten, die Sache bei der Polizei drastischer zu schildern als sie wirklich wahr.“

Offen blieb laut Urteil allerdings, ob eine von dem Angeklagten geführte ,,Mörderliste“ die Namen von Organisationen und Einzelpersonen enthielt, die er umbringen wollte oder von denen er meinte, sie wollten ihm etwas antun. Auf Platz 1 stand der russische Geheimdienst, auf dem 29. Platz eine seiner Musikschülerinnen.

Der Psychiater attestierte dem 49-Jährigen für die Tatzeiten eine paranoide Schizophrenie mit Denkstörungen, die logischen Gesetze des Denkens seien für ihn nicht mehr funktionsfähig gewesen: ,,Das Krankheitsbild ist mit einem höheren Risiko der Gewalt verbunden.“ Inzwischen wird der Pädagoge jedoch intensiv behandelt und hat laut dem Gutachter auch endlich die Einsicht, dass er krank ist: ,,Die Gefahr, dass von ihm Gewalt ausgeht, ist sehr gering. Es ist nicht erforderlich, ihn wegzuschließen.“