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Tempo 100 gilt auf der Ostumgehung im Bereich Lüne-Moorfeld. Anwohner und Stadt wünschen sich Tempo 80, doch das Ministerium spielt da wohl nicht mit. Foto: t&w
Tempo 100 gilt auf der Ostumgehung im Bereich Lüne-Moorfeld. Anwohner und Stadt wünschen sich Tempo 80, doch das Ministerium spielt da wohl nicht mit. Foto: t&w

Krach beim Lärmschutz

ca Lüneburg. Der Optimismus war groß: Ein Tempolimit auf der Ostumgehung im Moorfeld soll lärmgeplagten Anwohnern Entlastung bringen. Doch ob eine Geschwindigkeitsreduzierung je kommt, scheint fraglich. Denn im zuständigen Wirtschafts- und Verkehrsministerium ist man offenbar der Meinung, dass Verkehrsmenge und Lärmpegel nicht ausreichen, um Autos, Motorräder und Laster auszubremsen. Wenn man es sarkastisch nimmt, könnte man fast glauben, die Nachbarschaft an der Schnellstraße lebt in einem Idyll. Denn laut Ministeriumssprecher Stefan Wittke liegt der Lärmpegel um 11 dBA unterhalb des Wertes, der ein reduziertes Tempolimit rechtfertigt. Zur Einordnung fügt er an: 70 dBA sind am Tag und 60 in der Nacht zumutbar. Und eine Verdopplung der Verkehrsmenge würde einem Lärmzuwachs von 3 dBA entsprechen.

Krach gibt es bei diesem Thema auch in Hannover. Denn die Politik sieht die Sache anders als die Mitarbeiter von Verkehrsminister Olaf Lies. Der Landtag hat das Ministerium aufgefordert, die Sache erneut zu prüfen. Ein Ergebnis und damit eine Stellungnahme lägen noch nicht vor, hieß es gestern.

Die Stadt Lüneburg hatte Anfang 2012 ein Tempolimit anordnen wollen. Statt wie bislang 100 km/h sollte für Autos die Vorgabe 80 und für Lastwagen 60 gelten. Die Landesbehörde für Straßenbau folgte dem nicht und wandte sich an das Ministerium. Damals regierten noch CDU und FDP im Leine-Schloss, es kam eine Absage: Die Verkehrsmenge reiche nicht. Das ließ Anwohner Borwin Pahl nicht ruhen. Er wohnt einen Steinwurf von der Umgehungsstraße entfernt. Pahl setzte ein Schreiben auf, das von allen Ratsparteien unterstützt wurde, und schrieb nach Hannover. Mitglieder des Petitionsausschusses des Landtages kamen dann im August 2013 in Pahls Garten an der Scheffelstraße zur Hörprobe. Die verkehrspolitischen Sprecher von SPD, Grünen und CDU waren übereinstimmend der Meinung: „Es ist zu laut.“ Ihre Empfehlung, die der Landtag später mittrug: Die Verwaltung möge den Vorgang prüfen mit dem Ziel, es möge eine Verbesserung für die Bürger geben.

Doch auch wenn nun SPD und Grüne die Regierung stellen, so blieben die Fachbeamten bei ihrer Auffassung, der Lärm reiche nicht, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Kein Ergebnis, das den Parlamentariern schmeckte. Sie verlangen, dass die Fachbeamten das Ganze noch einmal überdenken.

Ministeriumssprecher Wittke macht den Menschen im Moorfeld wenig Hoffnung. Es sei unwahrscheinlich, dass seine Kollegen zu einem anderen Ergebnis kommen als beim ersten Mal. Denn das Tempo auf 80 beziehungsweise 60 km/h herabzusetzen, sei aufgrund der Gegebenheiten „rechtswidrig“. Selbst wenn sein Haus dies täte, könnte es sein, dass die Entscheidung vor Gericht gekippt werde. Denkbar sei, dass etwa eine Spedition gegen die neuen Regeln klagt: „Mit guter Aussicht auf Erfolg.“

Dass heute mehr als 40000 Autos über die Trasse von B4 und B209 rauschen und damit mehr als beim Bau der Straße prognostiziert, sei nicht ausschlaggebend. Ein Teil der Fahrbahn besitze lärmmindernden Asphalt, berichtet Wittke. Zudem hätten manche Anwohner Anrecht auf passiven Lärmschutz. Das sei ausreichend. Pahl stehe der übrigens nicht zu. Auch bringe eine Geschwindigkeitsreduzierung eine kaum wahrnehmbare Verbesserung.

Im Rathaus herrscht wenig Verständnis für die Linie Hannovers. Man bleibe bei der Forderung der Geschwindigkeitsreduzierung, sagt Sprecherin Suzanne Moenck: „Wir wissen nur, die Sache liegt erneut beim Ministerium.“ Die SPD-Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers erklärt: „Es gibt in der Tat unterschiedliche Rechtsauffassungen. Aber ich werde mich beim Minister und im Ministerium für die Anwohner einsetzen.“ Denn deren Belastung sei groß. Auch habe sich die Region in dieser Frage eindeutig positioniert.

Bleibt die Hoffnung, dass die ungeliebte A39 mit ihrem Deckel die Anlieger vom Krach entlastet. Doch auch da ist Ministeriumssprecher Wittke skeptisch. Denn der erste Spatenstich werde noch „mindestens zehn Jahre“ auf sich warten lassen. Wenn die A39 denn überhaupt gebaut werde. Die Landesregierung stehe zwar zu dem Projekt, doch der Bundesverkehrswegeplan „ist zehnfach überzeichnet“. Ergo: kein Geld für die Trasse nach Wolfsburg.

3 Kommentare

  1. Ich habe eine Dachgeschosswohnung. Schön warm diese Tage. dennoch kann ich nachts in meinem Schlafzimmer nicht das Fenster auflassen, weil mich dann die ratternden Güterzüge der nahe liegenden Bahnstrecke nicht schlafen lassen würden. Nachbarn geht es natürlich nicht anders. Soll ich jetzt von der Bahn fordern, dass sie Schalldämmende Gleise verlegt, den Güterzügen eine bessere Federung verpasst und die Geschwindigkeit drosselt?

    Es dürften etlichen Millionen Tonnen an Gütern sein, die dort befördert werden, und auch dazu beigetragen haben, dass Deutschland in 2013 eine Bruttoinlandsprodukt von 2.735,8 Milliarden (Quelle: Statistisches Bundesamt) erwirtschaftet hat. Ich glaube, dass ich dadurch einen festen Arbeitsplatz habe, eine Wohnung, mir ein Auto und Urlaub leisten kann.

    Nun will ich mich nicht nur auf den in dem Artikel wiederholt genannten Anwohner beziehen. Es gehören ja noch ein paar andere dazu. Aber denen stehen immerhin täglich 40.000 Nutzer der Ostumgehung gegenüber. Die dürften zum überwiegenden Teil auch dazu beitragen, dass die „genervten“ Anwohner einen Arbeitsplatz etc. haben, bzw. die Rentner jeden Monat pünktlich ihre Rente erhalten.

    Ich frage mich, ob bei diesem Interessenstreit (um es vorsichtig zu formulieren) überhaupt eine Verhältnismäßigkeit besteht. Leider werden persönliche Interessen seit langer Zeit deutlich über das Allgemeininteresse gestellt. Doch diese Gesellschaft kann nur mit einem Solidarverständnis leben und überleben.

    • Der vorige Kommentar liest sich ja, als ob eine Temporeduzierung den Zusammenbruch der Wirtschaft zur Folge hätte. Welch ein Blödsinn! Eine leichte Rechnung ( (3km/(80km/h) – 3km/(100km/h))*3600s/h = 27 Sekunden) beweist, dass eine Temporeduzierung von 100km/h auf 80km/h auf einer Strecke von 3 Kilometern nicht einmal eine halbe Minute bedeutet. Wer z.B. nach Hamburg will, hat ganz andere zeitliche Probleme vor sich.

      Ich halte es für unerträglich, dass die möglichst zügige und damit LAUTE Fahrt Vorrang vor der Gesundheit der Anwohner geniesst!

      • 27 Sekunden klingen nach nicht sehr viel Zeit. Aber bei täglich 40.000 Fahrzeugen sind das 300 Stunden am Tag! Wenn man einen 8 Stunden Tag zu Grunde legt, dann sind das 37,5 Jobs die dauerhaft vernichtet werden. Das sind 37,5 Vollzeitsjobs mit Familienangehörigen und mehr als die Menschen, die von der Maßnahme tatsächlich profitieren würden. Im übrigen sind die Leute die heute nach dem Tempolimit schreien, erst nach dem Bau der Umgehungsstraße dort hingezogen.