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Miese Noten können frustrierend wirken  auf Schüler und Eltern. Hilfe und Unterstützung geben  Schulpsychologen an der Zeugnishotline. Foto: A./be
Miese Noten können frustrierend wirken  auf Schüler und Eltern. Hilfe und Unterstützung geben Schulpsychologen an der Zeugnishotline. Foto: A./be

„Auch kleine Erfolge anerkennen“

mm Lüneburg. Ab heute, 30. Juli, beginnen die Sommerferien. Zeit zum Verschnaufen für Lüneburgs Schüler. Doch nicht jeder kann befreit durchatmen, bei manchen fällt das Zeugnis nicht gut aus, sie müssen im nächsten Schuljahr vielleicht eine Ehrenrunde drehen oder gar die Schule wechseln. Und einigen fällt es gar nicht so leicht, den Eltern die miesen Noten zu präsentieren. Für sämtliche Fragen, Nöte, Ängste rund ums Zeugnis stellt die Landesschulbehörde in der Zeit von 9 bis 17 Uhr wieder Ansprechpartner aus der Schulpsychologie zur Verfügung. Unter Tel.:(0511)1062461 oder per E-Mail an zeugnishotline@nlschb.niedersachsen.de können Schüler, aber auch Eltern und andere Ratsuchende ihre Fragen oder ihren Kummer loswerden.

Für die LZ beantwortet Schulpsychologe Stefan Siedersleben schon mal die wichtigsten Fragen: Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn das Kind nicht die Wunschnoten vorweisen kann, und sind Belohnungen für gute Noten aus psychologischer Sicht eigentlich sinnvoll?

Schüler, Eltern, Lehrer wer wendet sich am häufigsten an die psychologische Beratung und was sind die dringenden Fragen oder Sorgen der Betroffenen?

Stefan Siedersleben: Die Beratungsfälle in der Schulpsychologie verteilen sich ziemlich genau mit jeweils 50 Prozent auf Anfragen von Eltern, die andere Hälfte sind Anfragen von Lehrern. Schüler melden sich ausgesprochen selten und dann am ehesten erwachsene Schüler der Oberstufe. Die Palette der Fragestellungen ist ausgesprochen breit. Häufig wurde in den vergangenen Jahren das Thema Hochbegabung mit all seinen Facetten wie Überspringen einer Klasse, vorzeitiges Einschulen, Außenseiterproblematik und Konflikte in der Klasse angesprochen. Ein weiteres Thema, das häufigerr an die Schulpsychologie herangetragen wird, ist Mobbing in der Klasse. Leider sind auch Fragen aus dem Bereich der Notfallpsychologie, zum Beispiel suizidale Äußerungen von Schülern oder selbstverletzendes Verhalten, immer wieder für Eltern und Lehrer ein Anlass, sich an die Schulpsychologie zu wenden.

Das Schulkind bringt ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause, wie sollte von Elternseite damit umgegangen werden?

Siedersleben: Eltern sollten sich selbstkritisch fragen, wie eng ihr Kontakt mit der Schule im vergangenen Schuljahr war. Wurden Elternsprechtage genutzt? Hat man die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs mit den Lehrern wahrgenommen? Liegt das Zeugnis dann auf dem Tisch, gilt es, grundsätzlich Ruhe und Gelassenheit zu bewahren und sich für das Gespräch mit dem Kind Zeit zu nehmen. Es sollten gemeinsam die Gründe für schlechte, aber auch gute Zensuren analysiert werden. Dabei brauchen Kinder die Unterstützung der Eltern. Wutausbrüche, Drohungen und Strafen helfen keinem weiter. Kinder brauchen aber auch dann Anerkennung für ihre Leistungen, wenn nicht alle Erwartungen erfüllt wurden. Weiter sollte über Möglichkeiten der Verbesserung nachgedacht werden. Wenn man ein Aufarbeiten von Lernstoff in den Ferien plant, dann sollte dies nicht direkt am Anfang geschehen, auch Kinder brauchen Zeit und Erholung. Am besten vereinbart man Zeitpunkt und Ziel aber gleich zu Beginn der Ferien. Eltern sollten ein enttäuschendes Zeugnis aber auch zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob ihre Erwartungen an das Leistungsvermögen ihres Kindes beziehungsweise an die Noten eigentlich realistisch waren.

Was kann unternommen werden, damit Kinder mehr lernen und motivierter zur Schule gehen? 

Siedersleben: Das Erste ist natürlich das Gespräch mit dem eigenen Kind. Woran könnte es liegen, dass das Kind im Unterricht nicht so viel lernt, wie es könnte, oder auch, dass es ohne Lust zur Schule geht? Welche Erfahrungen bringt das Kind aus der Schule mit? Was ist ihm wichtig? Fühlt es sich wohl, ist es gestresst, hat es Angst, wird es ausgegrenzt? Hat man den Eindruck, dass sich das eigene Kind vom Lerngeschehen abkoppelt oder nur noch mit Widerwillen in die Schule geht, dann bietet sich als zweiter Schritt auch das Gespräch mit den Lehrkräften der Klasse an. Schule und Elternhaus können sich gemeinsam über den Eindruck und die Erfahrungen, die sie momentan mit dem Kind machen, austauschen und absprechen, wie man am sinnvollsten damit umgeht. Für den Fall, dass beide Seiten nicht weiterwissen, kann der Beratungslehrer der Schule oder der Schulpsychologe einbezogen werden.

Ist es ratsam, Schulkinder für gute Noten zu belohnen?

Siedersleben: Gegen Belohnungen spricht überhaupt nichts, sofern sie in angemessenem Umfang erfolgen. Es sollte etwas sein, was für das Kind wertvoll ist, das ist nicht unbedingt Geld. Gemeinsame interessante Unternehmungen mit den Eltern und/oder Freunden, der Besuch in einem besonders ersehnten Freizeitpark etc. haben oft noch höheren Belohnungscharakter. Was man in jedem Fall vermeiden sollte, ist die Belohnung durch Anerkennung oder Liebe nur für gute Leistungen.

Viel problematischer als jede schlechte Zensur ist es, wenn Kinder das Gefühl haben, die Liebe der Eltern ist abhängig vom Erfolg in der Schule und von guten Noten. Eine gute Zensur kann übrigens auch ein Befriedigend oder ein Ausreichend sein, das mit großer Anstrengung des Kindes erreicht wurde. Auch diese kleinen Erfolge, hinter denen viel Arbeit steckt, sollten Eltern anerkennen.