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Dr. Alfred Bauer (M. und rechts) beim Versorgen eines Verwundeten auf dem Lazarettplatz Deutscheck nahe Verdun. Oft genug leerte der Knochenmann die Zelte, wie der Arzt im Tagebuch beklagte. Foto: nh/Lex
Dr. Alfred Bauer (M. und rechts) beim Versorgen eines Verwundeten auf dem Lazarettplatz Deutscheck nahe Verdun. Oft genug leerte der Knochenmann die Zelte, wie der Arzt im Tagebuch beklagte. Foto: nh/Lex

Von Lüneburg in die Hölle von Verdun

Von Joachim Zießler
Die Fahrt in den Krieg begann für Dr. Alfred Bauer vor hundert Jahren in einem Eisenbahnwagen der 2. Klasse. Vom vollen Bahnsteig des Bahnhofes winkten Hunderte Lüneburger den 1050 Mann zu, die an die Front fuhren. Eine Kapelle spielte die Wacht am Rhein. Junge Mädchen hatten Blumen in Gewehrläufe gesteckt. Dr. Bauer, 36 Jahre alt, war nur deswegen leer ausgegangen, weil er als Stabsarzt lediglich eine Pistole trug. Er erlebte den Einmarsch in Belgien mit, baute nahe Verdun einen Lazarettplatz auf. Und er führte Tagebuch. Zehn Monate nach dem 11. August 1914, dem Tag seiner Abreise aus Lüneburg, notierte er in seiner Kladde: „Von 25 Offizieren sind nur noch 2 beim Bataillon und von den 1025 Mannschaften höchstens 200.“

Jahrzehnte nach dem Ende des „Großen Krieges“ ließ Peter Lex, Lüneburgs Forstdirektor a.D., die Tagebuch-Kladden abtippen, reiste mehrmals nach Verdun, fand den Lazarettplatz. „Dr. Bauer war mein Großvater mütterlicherseits“, erklärt der Adendorfer. Die Schicksalslinien seiner Familie sind eng mit der Westfront verwoben: „Mein Vater, Franz Lex, hatte sich als 17-Jähriger freiwillig gemeldet. Er kämpfte auch bei Verdun, als vorgeschobener Artilleriebeobachter. Beide überstanden den Krieg. Wahrscheinlich rettete das Rheuma, das sich mein Vater in den kalten und nassen Schützengräben zugezogen hatte, sogar im Zweiten Weltkrieg das Leben. Er wurde von der Ostfront abgezogen, bevor der Kessel von Stalingrad geschlossen wurde.“ 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs schwingt Stolz in der Stimme von Peter Lex mit, wenn er betont, dass sein Großvater der erste Arzt in Deutschland war, der das Eiserne Kreuz 1. Klasse bekam.

Am 2. August 1914, die Mobilmachung lief, fuhr Dr. Bauer aus seiner Heimat bei Osnabrück nach Lüneburg. Hier war sein Bataillon des Reserve-Infanterieregiments 78 stationiert. Auf der ersten von mehr als 600 Tagebuchseiten notierte er zuversichtlich: „Das eine stand felsenfest bei mir fest, wir mußten siegen, wenn wir nicht ausgelöscht werden wollten aus der Reihe der selbständigen Völker und darum würden wir auch siegen.“

Mehrere Tage lang untersuchte er im Schützenhaus Reservisten auf ihre Diensttauglichkeit. „Drückeberger“ waren ihm ein Gräuel: „Gleich am ersten Abend flüsterte mir ein stämmiger Mensch, der sich auch krank gemeldet hatte, leise in die Ohren: Herr Stabsarzt, ich habe drei Kinder, worauf ich ihm nur antworten konnte: Ich habe sogar vier und muß auch mit, felddienstfähig.“ In freien Stunden erkundete er die Stadt, erblickte auf dem Kalkberg eine Fliegerabwehrstellung, schätzte beim Umtrunk im „Deutschen Haus“ am Sande mit anderen Ärzten die zu erwartenden Verluste: „Ich schätzte eine viertel Million Tote, 150000 Schwerverwundete und 600000 Leichtverwundete, also insgesamt auf eine Million.“ Die anderen Ärzte waren optimistischer, glaubten, der Krieg könne unmöglich länger als ein Vierteljahr dauern. Er dauerte vier Jahre, 8,5 Millionen Gefallene, 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste wurden gezählt.

Die Kriegserklärungen sorgten bei vielen Bildungsbürgern für Euphorie, auch bei Dr. med Bauer: „Es wäre ja auch einzig in der Weltgeschichte, daß ein solches vollsaftiges, aufblühendes Volk in seiner aufsteigenden Entwicklung hätte gehemmt werden können.“ Enttäuscht verließ er am Buß- und Bettag eine Lüneburger Kirche: „Der Pastor verstand seine Zeit in keiner Weise; er hielt es für nötig, uns darüber zu belehren, daß dieser Krieg eine Strafe des Himmels für unsere Sünden sei.“ Skepsis war nicht selten. Als am Sande ein Extrablatt zur Kriegserklärung Englands verlesen wurde, „sah ich um mich herum doch manche sorgenvollen Gesichter und ich hörte, auch mehrmals, den Ausruf: Da können wir nicht gegen an!“
Doch Propaganda ist ein mächtiges Schwert. Die Empörung im Ausland über den Bruch der belgischen Neutralität, der vom Schlieffen-Plan vorgesehen war, um Frankreich schnell niederwerfen zu können, tat Dr. Bauer spöttisch als Geschrei um ein paar zerbrochene neutrale Fensterscheiben ab.

Irritiert erleben die „Feldgrauen“, dass Belgien ihnen den Durchmarsch nicht einfach gestattet. Die Taktik der kleinen belgischen Armee, in kleinen Einheiten zu operieren, Deckung auch in Häusern zu nehmen, facht die Angst vor Heckenschützen an, eine wahre „Franktireurs-Psychose“ ergreift das Heer.

Am 22. August erreicht Dr. Bauers Einheit das Kohlebecken von Charleroi, marschiert durch ausgestorbene Straßen. Plötzlich fallen vorne Schüsse, die Truppe schwärmt aus, findet keine Gegner. Dr. Bauer beschreibt einen Feuerüberfall aus allen Kellerlöchern, Fenstern und von Dächern. Die Heckenschützen wurden meist nicht erwischt. Bedauerlich, „daß dann oft Unschuldige dafür büßen müssen“, wenn „Leidenschaften und Urinstinkte geweckt sind“. Heute nehmen Forscher an, dass es oft Schüsse übernervöser deutscher Soldaten waren, die Gegenfeuer benachbart marschierender eigener Einheiten auslösten.

Dr. Bauer notierte: Auf Straßenkreuzungen „knallten fast immer ein paar Schüsse entlang; man konnte aber nie unterscheiden, von wo sie kamen und mußte damit rechnen, daß sie von deutscher Seite kamen. Es war jetzt schwer, unsere Leute im Zaum zu halten; einige hatten Spirituosen gefunden und getrunken, andere waren durch die ganzen Vorgänge erregt und sahen überall Gespenster, wo sich ein Zivilist von weitem sehen ließ, da wollten sie gleich darauf schießen; auch Vandalismus und Zerstörungswut traten zu Tage.“

Erbittert schildert Dr. Bauer, wie ein Zivilist aus einem Haus heraus auf ihn schießt, während er einen sterbenden Dragoner auf der Straße versorgte. An Hausdurchsuchungen und Brandstiftungen nahm er nicht teil, sah aber, wie Belgier aus dem Haus getrieben und an einem Strick durch die Stadt gezerrt werden. Doch Schuld sieht er nur bei den Belgiern: „Das unschuldig vergossene Blut und die vernichteten Werte mögen auf das Haupt derjenigen kommen, welche das verblendete Volk irreführten und zu diesem wahnwitzigen Überfall anstachelten.“

Nach amtlichen belgischen Angaben wurden im Jahr 1914 etwa 5500 Zivilisten durch deutsche Soldaten vorsätzlich getötet.
1915 wurde Dr. Bauer als Chirurg zum Feldlazarett 6 versetzt, das im März 1916 im Raum Verdun eingesetzt wurde, dort, wo Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ zu Falkenhayns „Blutpumpe“ mutierte. Als Dr. Bauer am Feldlazarett „Deutscheck“, direkt an einem Eisenbahnknotenpunkt, ankam, fand er nur einen versumpften Zeltplatz vor. In Eigenregie, auch unter Umgehung des Dienstweges, baute er den Platz aus, ließ ihn entwässern, legte Schotterwege an, ließ erst Hütten und schließlich Baracken bauen. Wurden anfangs nicht mehr als 30 Verwundete pro Tag versorgt, schnellte die Zahl zum Höhepunkt der Hölle von Verdun auf 1600 Verwundete hoch.

Erst als er von einem Eisenbahnwaggon einen Ofen und einen Ballen Papierschnitzel gestohlen hatte, fühlte er sich gegen die Kälte in seiner Unterkunft gewappnet. Die Papierschnitzel stopfte er in Strohsäcke. „Danach schlief ich wie auf Daunen.“

Unverblümt kritisierte Dr. Bauer die „unwahren Berichte der Kriegsberichterstatter von der Heeresleitung“ und den mangelnden Kontakt der meist adligen Offiziere zur Front: In den Stäben weiß man „von den wirklichen Strapazen der Feldsoldaten nicht mehr viel“.

Der Stimmungsabfall in der Truppe ist für den Arzt kein Wunder: „Wenn man weiß, wie schlimm die Verhältnisse vor Verdun sind, wie die Leute acht Tage hintereinander in 1 Meter Tiefe in der vordersten Stellung liegen, oft in Nässe und Schlamm, ohne warme Nahrung, oft sogar ohne Wasser, ständig im feindlichen Feuer, dauernd einem Angriff ausgesetzt, dann begreift man wohl, daß die Kriegsmüdigkeit hier unter den Truppen enorm um sich gegriffen hat.“ Politiker die behaupteten, Soldaten wollen nicht den Frieden, sondern nur den Sieg, haben „keine Ahnung von der Stimmung der Soldaten“.

Entsetzt, dass Leichtverletzte gleich in die Heimat geschickt werden, baut Dr. Bauer „Deutsch­eck“ zu einem Filter für Leichtverwundete und nicht transportfähige Schwerverwundete aus. Den Schwerverwundeten soll die Strapaze der Eisenbahnfahrt erspart bleiben, die nur Leichtverwundeten sollen wieder kampffähig gemacht werden. Zwar geht Dr. Bauer im Interesse der tapferen Soldaten weiter gegen Drückeberger vor, aber sein Verständnis wächst: „Denkt man rein menschlich, so ist ein solches Verhalten ja durchaus verständlich, denn diese andauernde krasse Verleugnung des dem Menschen und jedem Wesen seit Urbeginn als einer der stärksten Triebe eingepflanzten Selbsterhaltungstriebes ist doch etwas Unnatürliches.“ In Verdun habe sich der Vernichtungskrieg in seiner schärfsten Form dargestellt, „wo es nicht mehr ein Kampf gleichwertiger Menschen, sondern meist ein ohnmächtiges Stillehalten des wehrlosen Menschen gegenüber den übermächtigen Mordmaschinen ist.“

Desillusioniert klagt Dr. Bauer über häufigen Beschuss der Soldaten durch eigene Artillerie, weil deren ausgeleierte Geschütze nicht mehr präzise schießen. Er lobt den Stahlhelm der französischen Gegner, der zumindest gegen Schrappnelle Schutz bot, während der deutsche Lederhelm völlig nutzlos war und ihm immer wieder schwerste Kopfverletzungen auf den OP-Tisch brachte. Das qualvolle Sterben der Schwerverwundeten zwischen den nur wenige Meter voneinander entfernten Schützengräben zermürbte auch ihn: „Daß es in diesem Kriege nicht zu erreichen gewesen ist, derartige barbarische Grausamkeiten gegenseitig zu verhüten, ist das traurigste Fiasko, das unsere vielgerühmte Zivilisation erlitten hat.“

Weil der Arzt seine Eindrücke immer sehr schnell ins Tagebuch schrieb, bleiben viele Schicksale nicht namenlos: Da war der „Zwölfer-Grenadier Priefer, mit zahlreichen schweren Granatverletzungen, starb am nächsten Tage. Seine Frau schrieb mir später noch einen sehr netten Brief, er war Straßenbahnschaffner in Berlin, sie schrieb: Alles das kann mir ja mein Liebstes auf der Welt nicht wiedergeben, aber ich möchte doch gern wissen, woran und wie er gestorben ist.“

Oder Mittendorf, ein 40-jähriger Maurer aus Wolfenbüttel. Der wollte sich den rechten, zerschossenen Arm erst nicht amputieren lassen: ‚Womit soll ich denn mein Geld verdienen? Doch dann entwickelte er unbedingtes Vertrauen zum Arzt „und ich konnte es nicht belohnen“. Er starb an einer Wundinfektionskrankheit.

Oder Socha, ein Riese von Gestalt, der nicht in der Krankenstation bleiben wollte, weil er nur ein paar Schrammen habe. Tatsächlich hatte er eine Granatsplitterverletzung, „die sich vom Rippenbogen bis zum Beckenrand einen Tunnel gewühlt hatte, durch die man eine Hand stecken konnte. Dann kam die Schramme am Bein, ein zweifaustgroßes Loch in der Oberschenkelmuskulatur. Als ich den Verband entfernte, schlug mir ein Gestank entgegen, daß man schwindelig werden konnte, aus der tiefen Wunde quoll eine schokoladenartige blasige Brühe, in mühsamer Arbeit wurde die Wunde gereinigt, die faulen Gewebsteile nach Möglichkeit entfernt.“ Beschwerte sich immer noch, warum man ihn nicht nach Deutschland geschickt habe. Am Morgen „richtete er sich auf, um zu trinken, und fällt tot um, das Herz tat nicht mehr mit.“

Bei einem Transport war ein Sterbender, der in den Händen eine Postkarte mit einem Mädchenbild hielt. „Darüber stand gedruckt: Ein getreues Herz zu wissen, ist des höchsten Schatzes Preis und darunter mit Bleistift: Auf baldige, glückliche Heimkehr Deine D.“

Am 5. Juli kam die Ablösung, „der gigantische Kampf um Verdun war für uns beendet. Leider hat er nicht den erhofften Erfolg gehabt; die Kerntruppen des deutschen Heeres aber auch der Franzosen sind in den Gefilden Verduns verblutet.“

Dr. Alfred Bauer überlebte alle folgenden Einsätze, starb am 16. Januar 1955.