Donnerstag , 29. September 2016
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Hans-Hermann Jantzen (r.), Vorstandsvorsitzender der Stiftung Diakonie - ich mache mit , und sein Stellvertreter Karsten Lorenz (l.) mit Alexander von Bülow, der das Anti-Gewalt-Training für Männer leitet. Das Projekt wurde von der Stiftung im vorigen Jahr mit 3000 Euro gefördert. Foto: t&w
Hans-Hermann Jantzen (r.), Vorstandsvorsitzender der Stiftung Diakonie - ich mache mit , und sein Stellvertreter Karsten Lorenz (l.) mit Alexander von Bülow, der das Anti-Gewalt-Training für Männer leitet. Das Projekt wurde von der Stiftung im vorigen Jahr mit 3000 Euro gefördert. Foto: t&w

Wege aus der Gewaltspirale

as Lüneburg. Als Kind hatte Hartmut P.* selber Schläge vom Vater erdulden müssen. Deshalb lehnte er Übergriffe, zum Beispiel bei Bekannten oder in der Nachbarschaft, auch ab. Dass er in Streitsituationen mit seiner Frau aber immer häufiger laut wurde, ihr Schläge androhte und somit Gewalt ausübte, sei ihm lange nicht bewusst gewesen, erzählt der 45-Jährige. Irgendwann gehörte das zum Leben der beiden dazu: „Ich explodierte und sie hat gekuscht.“ Doch dann eskalierte das Ganze. „Ich habe sie an die Wand gedrückt, zwar nicht geschlagen, aber ich habe gewusst: Das darf nicht wieder passieren.“ Hartmut P. recherchierte im Internet zum Thema Gewalt und stieß schließlich auf das Anti-Gewalt-Training für Männer, das die Ehe- und Lebensberatung in Kooperation mit der drobs anbietet. Ein hilfreiches Projekt, um aus der Gewalt­spirale herauszukommen, findet nicht nur Hartmut P., sondern auch der Vorstand der Stiftung „Diakonie ich mache mit“, die das Projekt im vergangenen Jahr mit 3000 Euro unterstützte.

Alexander von Bülow, evangelischer Leiter der Ehe- und Lebensberatung, hat das Anti-Gewalttraining für Männer mit Kollegen der drobs 2008 aus der Taufe gehoben. Seit 2010 wird es im Rahmen eines Modellprojekts zur Intervention bei häuslicher Gewalt vom Land finanziell gefördert. Lüneburg ist eine von acht Täterberatungsstellen in Niedersachsen. „Die Förderung beinhaltet ein sechsmonatiges Training mit 26 Einheiten. Außerdem erhalten wir seit 2012 alle Anzeigen zur häuslichen Gewalt in den Landkreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg“, erläutert von Bülow. Im vergangenen Jahr waren das 150 Anzeigen, die Tatverdächtigen wurden schriftlich eingeladen, sich über das Anti-Gewalt-Training zu informieren. „Gut 13 Prozent der Männer sind gekommen. Die Rate derer, die leugnen, Gewalt auszuüben und jede Unterstützung ablehnen, ist groß.“ Teilweise hätten Männer aber auch eine Gerichtsauflage. Wenn sie an dem Training teilnehmen, kann das Verfahren zum Beispiel wegen Körperverletzung gegen sie eingestellt werden.

„Ziel des Programms ist es, dass es zu einer Verhaltensänderung kommt.“ Die Täter, häufig selber Opfer von Gewalt, haben es nicht gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen und im Streitfall miteinander zu reden. Um das zu verändern, geht es erst einmal darum, dass sich die Teilnehmer vergegenwärtigen, wie sie selber Gewalt ausgesetzt waren oder selbst Gewalt ausgeübt haben. „Das wird in Bildern umgesetzt, die dann in der Gruppe analysiert werden“, erläutert von Bülow. Oft sei es das erste Mal, dass sich die Männer dem Thema stellen mit einem entlastenden Effekt, denn mancher begreift, dass Gewalt eine Geschichte hat. In einem weiteren Schritt schreiben die Teilnehmer eine Tatsituation auf und erarbeiten alternative Handlungsmöglichkeiten.

Für Hartmut P. war das der Weg, um aus der Gewaltspirale zu kommen. Letzter Anstoß für eine Teilnahme am Trainingsprogramm war, dass seine Frau sich trennen wollte. Den „liebsten Menschen“ wollte er nicht verlieren. Dennoch sei er immer wieder laut und drohend geworden, wenn er sich von seiner Frau missverstanden fühlte. Dass andere Männer in der Gruppe ihr gewalttätiges Verhalten geschildert hätten, habe bei ihm eine Selbstreflexion in Gang gesetzt. Und aus jeder Sitzung ziehe er Erfahrungen. Gelernt habe er, dass Streit- und Konfliktsituationen zum Leben dazu gehören. Um sie zu bewältigen, müsse man es aber schaffen, auf Augenhöhe miteinander zu reden. Hartmut P. ist klar geworden, dass es nicht darum geht, sich durchzusetzen. „Meine Frau und ich versuchen nun, uns in Stresssituationen erst einmal mit unserem Verhalten auseinanderzusetzen, um dann über den Konflikt zu reden.“

Am Ende des sechsmonatigen Trainingsprogramms wird geschaut, was jeder noch für sich tun kann. Alexander von Bülow berät über die Möglichkeiten von Therapien, gegebenenfalls auch Paartherapie sowie Selbsterfahrungsgruppen für Männer. Denn auch, wenn die 26 Trainingseinheiten eine Basis sind, um aus der Gewalt-spirale zu kommen, bedarf es oft weiterer Unterstützung bei der Aufarbeitung der Ursachen.

Weitere Informationen zu diesem Projekt gibt bei der Ehe- und Lebensberatung unter der Tel. LG/ 48898 oder bei der drobs unter LG/ 684460.

*) Name von der Redaktion geändert.

„Stiftung Diakonie – ich mache mit“

Knapp elf Jahre ist es her, dass 50 Lüneburger die Bürgerstiftung „Stiftung Diakonie – ich mache mit“ gegründet haben. Das anfängliche Stiftungsvermögen von 50 000 Euro ist inzwischen auf 578 000 Euro angewachsen. Die Erträge ermöglichen, dass jedes Jahr Projekte der diakonischen Einrichtungen im Kirchenkreis Lüneburg und Bleckede gefördert werden können. Im vergangenen Jahr zählte dazu unter anderem das Anti-Gewalt-Training für Männer (siehe Artikel oben) mit 3000 Euro. „Nun möchten wir uns mit unserem ersten Stifter Brunch bei all denjenigen bedanken, die uns mit Zustiftungen unterstützt haben“, sagt der Vorsitzende des Stiftungsvorstandes, Hans-Hermann Jantzen. Bei der Veranstaltung am Sonnabend, 9. August, im Kloster Lüne ist nicht nur für das leibliche Wohl und musikalische Unterhaltung gesorgt, im Anschluss finden auch Führungen für die rund 70 Gäste statt. Jantzen und der stellvertretende Vorsitzende Karsten Lorenz wünschen sich, dass die geladenen Zustifter Freunde und Bekannte mitbringen, die sich für die Stiftung und die diakonischen Einrichtungen interessieren. „Denn für neue Zustiftungen können wir über die Bonifizierungsaktion der Landeskirche, die noch bis Mitte 2015 läuft, für jeweils drei eingeworbene Euro einen Euro dazu bekommen.“ Bei dem letzten Programm konnten so insgesamt 30 000 Euro eingeworben werden. Seit Gründung der Stiftung sind insgesamt 96 200 Euro an die diakonischen Einrichtungen in den Kirchenkreisen Lüneburg und Bleckede ausgeschüttet worden. Davon profitieren die Ehe- und Lebensberatung, die Schuldnerberatung, die Drogendberatungsstelle drobs, das Stövchen, MaDonna und der Migrationsdienst. Jantzen: „Wir unterstützen zielgerichtet Projekte, die es besonders nötig haben“. Im vergangenen Jahr konnten insgesamt 11 900 Euro fließen. Dass trotz des schlechten Zinsniveaus in diesem Maß gefördert werden konnte, liege an Karsten Lorenz, so der Vorstandsvorsitzende. Lorenz ist Banker und bei der Stiftung fürs Finanzmanagement zuständig. Der verweist darauf hin, dass die Stiftung auch unselbstständige Stiftungen unter ihrem Dach verwalten könne. Wie zum Beispiel die Helga Bode Stiftung, die wesentlich größer ist. Lorenz: „Die Bode Stiftung, die eine ähnliche Zielrichtung wie die Stiftung ‚Diakonie – ich macht mit‘ hat, unterstützte im vergangenen Jahr das Stövchen mit 21 000 Euro.“ Die diakonische Einrichtung ist Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen und macht Betroffenen viele Angebote. Dank der Bode Stiftung konnten Freizeitaktivitäten ermöglicht und zwei Fahrräder angeschafft werden. Weitere Informationen unter www.diakonie-ichmachemit.de im Internet. as