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Dörte Theuerkauf lebt mit einem künstlichen Darmausgang und will mit anderen Betroffenen das Tabu brechen. Foto: t&w
Dörte Theuerkauf lebt mit einem künstlichen Darmausgang und will mit anderen Betroffenen das Tabu brechen. Foto: t&w

Beutel am Bauch Na und?

off Hohnstorf/Elbe. Künstlicher Darmausgang. Bei der Vorstellung steigt Panik in Dörte Theuerkauf auf. Nur noch Minuten bleiben ihr nach dem Arztgespräch bis zur Notoperation, ihre Gedanken überschlagen sich, „doch bevor ich wirklich Angst bekommen konnte, war es auch schon passiert“. Als sie nach anderthalb Wochen im künstlichen Koma aufwacht, hat sie keinen Dickdarm mehr, dafür klebt ein Beutel an ihrem Bauch. Zehn Jahre ist das mittlerweile her. Und Dörte Theuerkauf lebt nicht nur „überraschend gut“ mit einem „Poloch vorne statt hinten“. Die 67 Jahre alte Hohnstorferin spricht auch öffentlich darüber. „Weil ich den Menschen die Angst davor nehmen möchte“, sagt sie. „Und weil dieses Tabu endlich gebrochen werden muss.“

Dörte Theuerkauf fällt das Reden über ihr Schicksal erfrischend leicht. Auf den Tisch vor sich hat sie einen leeren Beutel gelegt und erklärt die Anwendung so unbefangen, als ginge es um eine neue Tupper-Erfindung. Das weiße Haar trägt sie raspelkurz, von ihrem Beutel ist selbst unter dem dünnen Blumen-T-Shirt nichts zu sehen. „Man kann ihn wunderbar verstecken“, sagt sie. „Doch leider haben viele Betroffene das Gefühl, sie müssen ihn verstecken.“ Aus Angst vor den Blicken der anderen. Aus Angst, dass andere sich ekeln.

Eine bundesweite Fotoaktion bricht nun mit dem Versteckspiel. Auf der Internetseite www.100-tage-100-momente.de zeigen sich Menschen mit einem künstlichen Darmausgang so, wie sie sonst nicht zu sehen sind: mit dem sichtbaren Beutel. „Wahnsinnig mutig“, findet die Hohnstorferin. „Für mich aber ein bisschen zu mutig.“ Dörte Theuerkauf wird keine Aufnahme zu der Aktion beisteuern, dafür spricht sie über ihr Leben mit einem künstlichen Darmausgang, dem Leben als Stomaträgerin.

Stoma, so nennen die Experten die kleine Öffnung am Bauch, die mit Darm oder Harnleiter verbunden ist. Und die Dörte Theuerkauf vor zehn Jahren das Leben gerettet hat. Monatelang hatte sie sich mit Durchfall und Schmerzen gequält, bevor sie zur Behandlung ins Krankenhaus ging. Gerade noch rechtzeitig. Die Autoimmunkrankheit Colitis ulcerosa hatte ihren Dickdarm bereits so angegriffen, dass er im Krankenhaus platzte. In einer Notoperation entfernten ihn die Ärzte und formten chirurgisch am Bauch eine neue Darmöffnung. „Wie ich damit umgehen muss, zeigte mir nach der Operation eine extra dafür ausgebildete Krankenschwester.“ Als Dörte Theuerkauf das Krankenhaus verließ, hatte das Stoma seinen größten Schrecken verloren.

Schätzungen zufolge leben bundesweit rund 160000 Menschen mit einem Stoma, manche vorübergehend, andere für immer. Dörte Theuerkauf wird auf den Beutel am Bauch bis zu ihrem Lebensende angewiesen sein. „Und ich hadere nicht damit“, sagt sie, „denn ich lebe.“ Ohne Schmerzen. Ohne Durchfall. „Mit der Entfernung des Dickdarms bin ich auch die Krankheit losgeworden.“ Und auch verzichten muss sie wegen des Stomas auf nichts. „Ich kann reisen, alles essen, ins Schwimmbad gehen, Sport machen, Sex haben, mein Leben leben wie ich es vor der Krankheit geliebt habe.“

Und trotzdem: Die Vorurteile über künstliche Darmausgänge halten sich hartnäckig. Das weiß auch Dörte Theuerkauf. Viele hatte sie selbst. Übler Geruch, eingeschränkte Hygiene, eingebüßte Lebensfreude. „Was früher vielleicht einmal gestimmt hat, ist heute Vergangenheit“, sagt sie. Ein Stoma bleibt zwar immer ein Handicap, „aber es lässt sich heute gut damit leben“. Besser, als es sich viele Menschen vorstellen.

Hinzu kommt: Niemand erhält ein Stoma ohne Grund. Es wird unter anderem nach einer Krebserkrankung angelegt, als Therapie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, bei angeborenen Organfehlbildungen oder infolge schwerer Bauchverletzungen. „Und immer geht es dabei darum, schwerwiegende Folgen von Krankheiten zu verhindern“, sagt Dörte Theuerkauf. „Oder wie in meinem Fall, um Leben zu retten.“

Dass auch sie zu den Stomaträgern gehört, daraus hat die 67-Jährige im Freundes- und Bekanntenkreis nie ein Geheimnis gemacht. „Wobei ich es auch leicht hatte“, sagt sie. Mit Ende fünfzig, einer festen Beziehung und dem Selbstvertrauen einer gestandenen Frau „hatte ich Umfeld und Kraft dafür“. Schwerer, glaubt sie, haben es junge Menschen. Frisch Verliebte, die dem neuen Partner erzählen müssen, dass sie einen Beutel am Bauch haben. Vor allem für sie, für die Kinder, die ein ganzes Leben mit Stoma vor sich haben, möchte Dörte Theuerkauf das Tabu brechen, Vorurteile abbauen. Und ein wenig dazu beitragen, dass niemand mehr in Panik gerät, wenn er die Worte „künstlicher Darmausgang“ hört.

Dörte Theuerkauf steht bei Fragen rund um Stoma allen Interessierten unter Tel.:(04139)6969266 zur Verfügung.

One comment

  1. Nicht nur den Mut von Dörte Theuerkauf bewundere ich, sondern auch die feinfühlige Berichterstattung der LZ. Ich bedanke mich für diesen tollen Artikel.