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Frank Kieseleit im Sammelcontainer mit den ausgedienten Bildschirmen und Fernsehgeräten. Rund 6,5 Tonnen Altgeräte fallen bei der GfA wöchentlich an. Foto. kre
Frank Kieseleit im Sammelcontainer mit den ausgedienten Bildschirmen und Fernsehgeräten. Rund 6,5 Tonnen Altgeräte fallen bei der GfA wöchentlich an. Foto. kre

Der Friedhof der Fernseher

Auch Frank Kieseleit hat die Reportage gesehen: NDR-Reporter recherchierten den Weg ausgedienter Fernseher. Statt den Schrott fachgerecht in Deutschland zu entsorgen, werden die kaputten Bildschirme containerweise nach Afrika verschifft. Nach Agbogbloshie, der größten Elektroschrott-Müllkippe in Afrika. Ein Umwelt-Skandal. Findet auch Frank Kieseleit, Mitarbeiter der GfA in Lüneburg. Dabei geht es auch anders umweltgerecht. Wie, das hat sich die LZ auf dem GfA-Betriebshof in Bardowick angeschaut, mit Kieseleit und seinem Kollegen Reiner Jilg gesprochen.

kre Bardowick. Frank Kieseleit öffnet die Halle, in der mehrere mannshohe blaue Container stehen. Für den Elektronikschrott, der in Bardowick von den Lüneburgern auf dem GfA-Gelände abgegeben wird. ,,In diesem Container sammeln wir die ausgedienten Fernseher und Computer-Bildschirme“, sagt Kieseleit. Im Schnitt pro Woche etwa 6,5 Tonnen. Eine zugegebenermaßen geringe Menge im Vergleich zu dem Elektronikschrott, der bundesweit Jahr für Jahr anfällt. Die Vereinten Nationen gehen von etwa zwei Millionen Tonnen ausgedienter Geräte aus, von denen laut NDR aber jährlich nur 700000 Tonnen im deutschen Recycling-System landen. Die restlichen 1,3 Millionen Tonnen? Das weiß niemand so genau. Ein Großteil wohl aber in Afrika. Obwohl der Export von kaputten Elektrogeräten in Staaten, die nicht der Organisation OECD angehören, laut Elektronikgerätegesetz verboten ist.

Aus gutem Grund: In den Alt-Geräten stecken zwar wertvolle Wertstoffe wie Kupfer, Silber oder Seltene Erden, aber auch Blei, Arsen, Cadmium und Quecksilber. Ein gefährlicher Gift-Coctail für Mensch und Umwelt bei unsachgerechter Entsorgung.

Das wissen auch Frank Kieseleit und sein Kollege Reiner Jilg, bei der GfA zuständig für den Vertrieb. ,,Wir teilen die Altgeräte in fünf Gruppen ein“, berichten die beiden. Gruppe 1 sind die Weißgeräte wie Waschmaschinen, Herde, Trockner und dergleichen. Klasse 2 umfasst Kühlgeräte, ausgediente Klimaanlagen, Radiatoren. In Klasse 3 ist die Unterhaltungselektronik und IT-Technik erfasst, in Klasse 4 die Leuchtstoffröhren und in Klasse 5 Kleingeräte wie Rasierer, alte Toaster und Wasserkocher bis hin zu Bohrmaschinen, die nicht mehr funktionieren. Kaputt, aber wegen der verbauten Edelmetalle und Rohstoffe noch immer von gewissem Wert. Wenn sie denn recycelt werden.

Für die Klassen 3 und 5 also Fernseher, Bildschirme, Kaffeemaschinen, Wasserkocher und andere ausgediente Geräte ist die GfA für die Vermarktung zuständig. Optieren nennen sie das, oder mit einfachen Worten ausgedrückt: Vertriebsmann Reiner Jilg muss selbst schauen, welchem Fachbetrieb er den Recycling-Auftrag erteilt. In Hamburg-Reinbek ist er fündig geworden. Bei der Firma HWR, einer Tochterfirma der TCMG GmbH. ,,Der hohe technische Standard sowie ständige Forschung und Entwicklung führen bei der TCMG GmbH dazu, dass mehr als 80 Prozent der bearbeiteten Materialien in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. Weniger als zehn Prozent der Restfraktion gelangen in die rohstoffliche oder energetische Verwertung. Weniger als fünf Prozent werden umweltgerecht entsorgt“, schreibt das Unternehmen selbstbewusst auf seiner Homepage.

Doch was macht den Bardowicker so sicher, dass das Hamburger Unternehmen die Geräte wirklich fachgerecht recycelt und nicht ebenfalls in Container packt und nach Afrika verschifft? ,,Ich habe mir den Betrieb selbst angeschaut“, sagt Jilg, „ein zertifiziertes Unternehmen“. Im übrigen schaue er nicht nur einmal, sondern immer wieder bei seinen Partnerbetrieben vorbei: Kontakt halten. ,,Wir wollen wissen, wie unsere Partner arbeiten“, sagt der Recycling-Experte.

Bei HWR werden die ausrangierten Fernsehgeräte in ihre Einzelteile zerlegt, ,,der Korpus vom Bildschirm getrennt“, berichtet Reiner Jilg. Die Bildröhren werden entlüftet, unter einer Absauganlage wird die Beschichtung aus den Altgeräten abgesaugt. Das Glas der Mattscheibe wird geschreddert und bis vor kurzem noch zur Weiterverwertung nach Malaysia exportiert“, berichtet GfA-Experte Jilg. Das finde zur Zeit aber nicht mehr statt.

Die Kunststoffgehäuse der Altgeräte in Afrika mit dem Hammer zertrümmert und abgefackelt werden ebenfalls geschreddert und finden Wiederverwertung in der Kunststoffindustrie. Auch wenn das mit größerem Aufwand verbunden ist, weil sie im ersten Leben als TV-Gehäuse mit Flammhemmer behandelt wurden.

Sorgen bereitet Reiner Jilg und Frank Kieseleit auch weniger die Entsorgung der Altgeräte, die auf der Deponie abgegeben werden als vielmehr die Fernseher und Bildschirme, die Sperrmüllsammler am Straßenrand mitnehmen, um sie illegal auszuschlachten und die nicht benötigten Trümmerteile in die Landschaft werfen. ,,Da muss dringend was passieren“, sind sich die beiden einig.