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Heute ist der internationale Linkshändertag udn wir lassen Lüneburger von ihren Erfahrungen berichten. Für Robert Bardowicks (Foto) war schreiben lange eine nervige Angelegenheit. Foto: jco
Heute ist der internationale Linkshändertag udn wir lassen Lüneburger von ihren Erfahrungen berichten. Für Robert Bardowicks (Foto) war schreiben lange eine nervige Angelegenheit. Foto: jco

Das mache ich doch mit links +++ mit Video

jco Lüneburg. Scheren, Füllfederhalter und manchmal sogar die Computermaus: Für Linkshänder müssen es oft Extrawünsche sein, die schnell mal zu Komplikationen im Alltag führen können. Heute gibt es für all jene mit der besseren Hand, die einst einen schlechten Ruf hatte, Grund zu feiern: Es ist internationaler Linkshändertag zum 38. Mal. Er soll auf die Bedürfnisse der Linkshänder, zu denen rund elf Prozent in Deutschland gehören, aufmerksam machen. Denn diese sind manchmal gar nicht so offensichtlich. Drei Linkshänder haben mit der LZ gesprochen, wie sie ihre besondere Händigkeit im Alltag oder im Beruf nutzen.

Robert Bardowicks erzählt: „Den größten Nachteil als Linkshänder habe ich in der Schulzeit erlebt. Diese Spirale an der linken Seite der Schreibblöcke hat mich immer so genervt.“ Dem 18-Jährigen fallen aber auch heute noch im Alltag Besonderheiten auf, die es bei Rechtshändern wohl nicht gibt. „Während des Essens wechsle ich das Besteck, damit ich die Gabel mit der linken und das Messer mit der rechten Hand halte.“ Bei seinem Hobby, dem Schlagzeugspielen, musste Robert eine umgekehrte Grundhaltung annehmen. „Normalerweise ist die linke Hand beim Spielen unter der rechten, bei mir ist es andersherum. Links habe ich einfach viel mehr Feinmotorik.“
Derzeit lässt sich Robert als Fachinformatiker ausbilden. Jeden Tag bedient er bei seiner Arbeit eine Computermaus – mit der rechten Hand. „Daran bin ich einfach gewöhnt. Aber mittlerweile habe ich einige Kollegen, die eine Maus für Linkshänder angeschlossen haben“, erzählt er. „Kompliziert wird es, wenn dann auch noch die Tastenbefehle an der Maus geändert wurden. Das ist fies.“ Schwierigkeiten im Alltag als Linkshänder hat der Auszubildende keine, eine Umschulung sei für ihn deshalb auch nie ein Thema gewesen. „Meine Oma hat das noch gemacht, die kann mittlerweile beidhändig schreiben.“
Grundsätzlich sei er zufrieden mit seinem Los als Linkshänder, er empfindet es sogar als einen Pluspunkt: „Wir sind doch einfach viel unabhängiger als die Rechtshänder“, meint er. „Rechts mag vielleicht unsere schwächere Hand sein, trotzdem können wir fast alles mit beiden Händen erledigen, weil wir es einfach gewohnt sind.“ Rechtshänder könnten das nämlich nicht so leicht.

Timo Dickhuth schult jetzt auch auf der Gitarre von rechts auf seine eigentlich starke linke Hand um.
Timo Dickhuth schult jetzt auch auf der Gitarre von rechts auf seine eigentlich starke linke Hand um.
Manchmal wollen Linkshänder auch umlernen – von rechts auf links. Zum Beispiel Timo Dickhuth: Der Gitarrist ist eigentlich Linkshänder, spielt jedoch seit elf Jahren Gitarre auf rechts. Damit soll jetzt Schluss sein. „Ich bringe mir nun selbst bei, meine linke Hand auch an der Gitarre nutzen zu können.“ Und das klappt besser als erwartet. „Es ist der Wahnsinn, ich bin mit der linken Hand gute 60 Prozent schneller als mit der rechten – und zwar ohne richtig geübt zu haben.“ Warum der 26-Jährige damals als Rechtshänder am Instrument begonnen hat, sei schlicht kulturell geprägt gewesen. „In fast jedem Haushalt eines Gitarristen liegen nun einmal die Rechtshänder-Gitarren, also habe ich auf diesen Modellen zu spielen begonnen. Mit rechts.“ Darin sehe er auch den Nachteil als Linkshänder, ein eigenes Instrument sei beinahe Pflicht. Die Gitarre einfach umzudrehen, davon rät Dickhuth ab, mehrere Einzelstücke und Bauteile müssten für den optimalen Klang verändert werden. „Eine Linkshänder-Gitarre bei Freunden oder Bekannten zu finden, gleicht schon fast dem Entdecken einer Perle.“
Trotz Mangel an Linkshänder-Instrumenten wollte der Musiker umlernen, ausschlaggebend war schließlich Django Reinhardt, ein französischer Gitarrist aus den 30er- und 40er-Jahren. „Ich habe eines seiner Stücke gehört und war so fasziniert von der technischen Perfektion, die dahinter steckt. Mit rechts hätte ich die nie erreichen können.“ Dickhuth ist selbst auch Gitarrenlehrer, für seine Schüler sei es sogar einfacher, wenn er ihnen auf links vorspielt. „So müssen die Kinder nicht mehr umdenken, sie sehen es bei mir wie im Spiegel.“ Spielen kann er immer noch beidseitig, nutzt von nun an aber so oft es geht die linke Hand.

Mit links zum sportlichen Erfolg: Tennis-Ass Imke Schlünzen.
Mit links zum sportlichen Erfolg: Tennis-Ass Imke Schlünzen.
Imke Schlünzen ist Lüneburgs größtes Nachwuchs-Tennis-Ass, dass sie Ballwechsel als Linkshänderin bestreitet, habe Vorteile: „Für meine Gegnerin ist es erst einmal ungewohnt, wenn ich ihr als Linkshänderin gegenübertrete“, erzählt die 17-Jährige. „Sie muss dann versuchen, umzudenken und nicht auf meine Vorhand zu spielen. Auch mein Aufschlag kommt anders als der einer Rechtshänderin.“ Imke Schlünzen spielt beim Braunschweiger THC in der 2. Bundesliga Tennis um Punkte, ist die zehntbeste Spielerin ihres Alters in ganz Deutschland. „Mittlerweile wissen das aber leider die meisten, dass ich mit links spiele, und schon ist mein erster Vorteil weg“, bedauert die Lüneburgerin.
Doch nicht nur ihre Gegner, auch sie selbst muss umdenken, wenn ihr eine Linkshänderin gegenübersteht. „Ich achte natürlich ebenso darauf, dass ich nicht direkt auf die Vorhand meines Gegenübers spiele.“ Im Training muss Imke Schlünzen alles spiegelverkehrt machen, ihr Trainer baut die Übungen für sie anders auf als für andere. Probleme habe sie trotzdem nie gehabt, nur weil sie den Schläger in der linken Hand hält. Dann schon eher mal im Alltag als Linkshänderin: „In den ersten Jahren habe ich ständig die Tinte auf dem Papier verwischt und brauchte zum Beispiel extra Linkshänderscheren.“ Solche Besonderheiten gebe es im Tennissport nicht. „Hier gibt es keine Links- oder Rechtshänderschläger. Die drehe ich einfach um.“

 

Emotionale Zerrissenheit durch Umschulung der „schlimmen Hand“

Damit es erst gar nicht zur „schlimmen Hand“ kam, wurde die Händigkeit bis in die 1960er-Jahre umtrainiert. Das konnte zu psychischen Problemen führen, weiß Prof. Dr. Henning Henningsen, Chefarzt der Neurologie im Lüneburger Klinikum. In einem Interview mit der LZ im August 2012 erklärte der Experte: „Manche Menschen gaben an, dass sie sich dadurch emotional zerrissen fühlten – möglicherweise bedingt durch die Bindung von Hirnkapazitäten durch das Umlernen.“ Wer zu einem Links- oder Rechtshänder wird, sei genetisch bedingt und werde wahrscheinlich von der Mutter vererbt.

Neurologe Prof. Dr. Henning Henningsen. Foto: A./t&w
Neurologe Prof. Dr. Henning Henningsen. Foto: A./t&w

Linkshänder, so heißt es gelegentlich, seien womöglich kreativer und intelligenter. „Das Hirnareal, das für die Übermittlung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte zuständig ist, ist bei Linkshändern dicker, es besteht eine verstärkte Aktivität. Das wiederum unterstützt die Annahme, dass Linkshänder im Durchschnitt einen höheren Intelligenzquotienten haben, kreativer sind und höhere mathematische Fähigkeiten haben“, erklärte Henningsen. Der Mediziner betonte aber auch: „Das sind Durchschnittswerte, über den Einzelfall eines Linkshänders oder Rechtshänders sagen sie nichts aus.“
Das beste Training für das Gehirn würden jedoch die Kinder liefern, die sich noch nicht für eine Händigkeit entscheiden können: Sofern ein Kind beide Hände nutze, fördere das auch die Entwicklung beider Hirnhälften und damit auch die Möglichkeit, die Sprachkompetenzen auf beiden Hälften des Gehirns zu entwickeln. Henningsen: „Zur Beidhändigkeit kann man ohnehin gratulieren: Das sind beste Voraussetzungen, etwa für Sportarten wie Judo oder Basketball.“
Generell gilt aber: Sprache werde bei Rechtshändern von der linken Hirnhälfte gesteuert. „Während bei Linkshändern im Einzelfall die Sprache rechtshirnig, linkshirnig oder auch beidseitig repräsentiert werden kann.“