Dienstag , 27. September 2016
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Ottfried Wolter beim Melken seiner Kühe. Der Joghurt, der aus ihrer Milch gemacht wird, geht zwar nicht nach Russland. Trotzdem fürchtet er die Folgen des russischen Importstopps. Foto: t&w
Ottfried Wolter beim Melken seiner Kühe. Der Joghurt, der aus ihrer Milch gemacht wird, geht zwar nicht nach Russland. Trotzdem fürchtet er die Folgen des russischen Importstopps. Foto: t&w

„Das wird auch uns treffen“

off Lüneburg. Als Ottfried Wolter vom russischen Importverbot hört, legt der Milchbauer aus Neetze die Stirn in Falten und kommt zu dem Schluss: „Das wird auch uns treffen.“ Mindestens ein Jahr lang will Russlands Präsident Wladimir Putin die Einfuhr westlicher Lebensmittel verbieten, dürfen auch keine deutschen Milcherzeugnisse importiert werden. Für den Absatz des Joghurts, den die Lüneburger Hochwald Molkerei aus Wolters Milch macht, ist das zwar unbedeutend. Trotzdem fürchtet der Kreisvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM): „Wenn Nachfrage ausfällt, entwickeln sich die Preise nach unten.“ Und zwar für alle Milchbauern.

Schon seit Monaten beobachtet Wolter den Milchmarkt mit Sorge. „Die Preise schwächeln ohnehin, weil weltweit immer mehr Milch produziert wird“, sagt Wolter. „Jetzt fehlt mit Russland ein Absatzmarkt und es drängt noch mehr Milch auf den deutschen Markt.“ Auch Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) fürchtet einen Preisverfall, er erklärte gestern im Interview mit der „Welt“: „Problematisch ist, dass durch den Importstopp jetzt sowohl in der ganzen EU als auch den USA ein Überangebot bei bestimmten Produkten entsteht. Die Folgen sind sinkende Preise für die produzierenden Landwirte.“

Weniger pessimistisch sieht den russischen Importstopp für Milchprodukte, Fleischerzeugnisse, Obst und Gemüse der Deutsche Bauerverband (DBV). In einem Infofax an die Verbandsmitglieder in der Region heißt es: „Nach Einschätzungen des DBV werden die negativen Auswirkungen der neuen Sanktionen auf die deutsche Landwirtschaft begrenzt ausfallen.“ Auch der Marktexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Vinzenz Bauer, hält die Auswirkungen des Einfuhrverbots für „im Moment noch überschaubar“.

Der Grund: Russland hatte bereits hohe Hürden für Fleisch- und Milchwaren errichtet, sodass „der Handel ohnehin schon sehr eingeschränkt war“, sagt Dr. Bauer. Auch Speisekartoffeln durften bereits im vergangenen Jahr nicht aus Deutschland importiert werden. Angeblich, so der Geschäftsführer des Lüneburger Unternehmens „Europlant Pflanzenzucht GmbH“, Jörg Eggers, „wegen phytosanitärer, also hygienischer Probleme“.

Mit Mühe habe man damals den Handel mit Pflanzkartoffeln noch aufrecht erhalten können. „Und es sieht momentan so aus, als wäre Saatgut von dem Importstopp ausgenommen“, sagt Europlant-Chef Eggers. Soll heißen: Europlant dürfte seine Pflanzkartoffeln weiter nach Russland liefern.

Nach Kenntnis der Indus­trie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg sind in den Kreisen Lüneburg, Celle und Wolfsburg auch keine anderen Unternehmen „extrem von dem Importstopp betroffen“, sagt der Referent für Außenwirtschaft, Lars Heidelmann. Im gesamten Kammerbezirk seien nur rund 120 Firmen im Russlandhandel aktiv von mehr als 62000 IHK-Mitgliedsunternehmen.

Bleibt die Frage: Wie wirkt sich der russische Importstopp indirekt aus? Kommt es tatsächlich zu dem befürchteten Preissturz, der dann alle Landwirte trifft? Milchbauer Ottfried Wolter bleibt skeptisch, „ich fürchte, die Preiseinbrüche werden nicht zu vermeiden sein, auch weil in einem halben Jahr die Milchquote fällt und jeder so viel melken kann wie er will“. Dr. Vinzenz Bauer hingegen glaubt allenfalls an kurzfristige Preiseinbrüche, „langfristig werden sich neue Abnehmer für die Waren finden“. Er sieht die eigentliche Katastrophe vielmehr in dem drohenden Zusammenbruch mühsam aufgebauter Handelsbeziehungen. Eine Folge, die auch Europlant-Chef Eggers fürchtet. „Wir haben viele Kooperationen mit russischen Partnern“, sagt er. „Wie es damit in Zukunft weitergehen wird, weiß niemand.“