Mittwoch , 28. September 2016
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Der Hittberger Bürgermeister Alfred Ritters und Hohnstorfs Gemeindechef André Feit bemängeln den Zustand des Deichs. Foto: kork
Der Hittberger Bürgermeister Alfred Ritters und Hohnstorfs Gemeindechef André Feit bemängeln den Zustand des Deichs. Foto: kork

„Da kann man sich die Beine brechen“

lz Hittbergen/ Hohnstorf. Mehr als ein Jahr nach der Hochwasserkatastrophe von 2013 stehen die beiden Bürgermeister der Elbgemeinden Hittbergen und Hohnstorf/Elbe auf dem Deich bei Barförde und müssen nach eigenem Empfinden aufpassen, dass sie sich nicht die Beine brechen. Unter dem Gras verborgen laufen Rinnen von bis zu 40 Zentimeter Tiefe auf der Deichkrone. Es handelt sich um die Spuren des Fahrzeugeinsatzes bei der Erhöhung des Deiches während des Hochwassers im Sommer des vergangenen Jahres. „Bei Regen steht in den Rinnen das Wasser, seit über einem Jahr ist hier nichts passiert“, bemängelt der Hittberger Bürgermeister Alfred Ritters.

Die Mittel, die gemeindeeigenen Straßen zu reparieren, die bei dem Hochwassereinsatz in Mitleidenschaft gezogen wurden, sind den Kommunen bereits zugeflossen beziehungsweise per Förderbescheid zugesichert worden. Eine der Auflagen im Förderbescheid ist, die Schäden an den Straßen schnell zu beseitigen. „In Hittbergen sind die Bauarbeiten an den beschädigten Straßen, die zum Deich führen, bereits durchgeführt worden. Wir warten nun auf die schweren Baumaschinen und Lkw, die irgendwann den Deich wieder herrichten und uns die neuen Straßen kaputtfahren“, bemerkt Ritters sarkastisch.

„Eine völlig verschobene Priorität“, ergänzt der Hohnstorfer Bürgermeister André Feit. Der Zustand des Deiches macht beiden große Sorgen. Einem erneuten Hochwasser wäre der Deich so nicht gewachsen, darin sind sich beide einig. „Es ist eine unerträgliche Langsamkeit. Die Schäden am Deich sind noch nicht repariert, die Verbuschung noch nicht beseitigt, geschweige denn länder­übergreifende Maßnahmen oder Absprachen getroffen worden, die ein zukünftiges Hochwasser der Größenordnung von 2013 entschärfen könnten“, sagt Feit.

Die harsche Kritik der beiden Gemeindechefs kann Norbert Thiemann, Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes, in dieser Schärfe allerdings nicht nachvollziehen. Er sagt auf LZ-Nachfrage: „Vergangene Woche hatten wir gemeinsam mit Landrat Manfred Nahrstedt ein Gespräch im niedersächsischen Umweltministerium“. Mit dem Resultat dieser Unterredung ist der Geschäftsführer zufrieden: „Das war fruchtbar und erfolgreich.“ Sieben Milionen Euro hatte der Artlenburger Deichverband für die Reparatur und Instandsetzung der Deiche beantragt Thiemann ist sich sicher, dass die Finanzmittel in Kürze fließen werden. Geld, dass seinen Worten zufolge benötigt wird, um in Barförde und im Raum Radegast die Deichkronen wieder herzurichten. „Die Instandsetzung der Deichkronen hat Priorität“, sagt Thiemann.Trotzdem sagen Ritters und Feit: „Wenn die Elbe den Landkreis Lüneburg verlässt, hat der Fluss die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein passiert. Sollten die zuständigen Ministerien in diesen Ländern genauso arbeiten wie das niedersächsische Umweltministerium, dann sehen wir schwarz, dass es jemals konkrete länder­übergreifende Absprachen geben wird. Hier wäre der Bund gefordert.“

Die beiden Bürgermeister aus Hohnstorf und Hittbergen kritisieren auch, dass von den im Sommer 2013 bereitgestellten Mitteln in Höhe von acht Milliarden Euro bislang nur ein Bruchteil abgerufen worden sei.

Stattdessen stellte Bundesminister Sigmar Gabriel kürzlich bei seinem Besuch in Lauenburg klar, dass allein die Länder für den Hochwasserschutz zuständig seien. Als Krönung bezeichnete er Bürgermeister als „große Schlitzohren“, die schon „kreative Lösungen“ finden würden. Feit: „Das können wir, im Herbst ist die Verbuschung weg, machen wir selbst! Es entstehen keine Kosten! Eine kreative Lösung auf Anweisung des Bundeswirtschaftsministers?“ Den beiden Bürgermeistern ist ihre Verärgerung und Enttäuschung anzumerken. „Die Prob­leme der Elb-Gemeinden interessieren offenbar niemanden wirklich. Bund, Land und Kreis agieren im Schneckentempo oder gar nicht“, sind die beiden überzeugt.