Aktuell
Home | Lokales | Mit 25 PS gen Osten
1945 flüchtete die Familie von Bodo Ritter mit dem Lanz Bulldog vor den anrückenden sowjetischen Truppen gen Westen. Jetzt nimmt der Reetzer den umgekehrten Weg, fährt mit dem Oldtimer zurück ins ehemalige Ostpreußen. Foto: rg
1945 flüchtete die Familie von Bodo Ritter mit dem Lanz Bulldog vor den anrückenden sowjetischen Truppen gen Westen. Jetzt nimmt der Reetzer den umgekehrten Weg, fährt mit dem Oldtimer zurück ins ehemalige Ostpreußen. Foto: rg

Mit 25 PS gen Osten

rg Reetze. Sorgen macht sich Bodo Richter nicht. Ganz im Gegenteil: Der 69-Jährige freut sich auf seine große Reise. Die wird ihn in der kommenden Woche nach Polen führen, in das von seinem Hof in Reetze bei Lüchow rund 900 Kilometer entfernte Görken im ehemaligen Ostpreußen oder Górki, wie es heute heißt. Doch der ehemalige Landwirt fährt nicht mit dem Auto, auch nicht mit der Bahn, und er fliegt nicht mit dem Flugzeug: Bodo Richter fährt mit seinem Traktor, einem Lanz Bulldog, Baujahr 1939. Mit jenem Fahrzeug, mit dem seine Familie im Januar 1945 vor den anrückenden sowjetischen Truppen Richtung Westen geflohen war. Jenem Trecker, auf dem er die ersten Wochen seines Lebens verbrachte, denn Richter erblickte das Licht der Welt während der Flucht, nahe der Ortschaft Körlin.

Seit Wochen schon bereitet sich Bodo Richter auf die Reise vor. Gemeinsam mit einem Freund studiert er Karten, um die beste Reiseroute auszutüfteln. „Ich muss ja von den Autobahnen und Autostraßen weg bleiben, da darf ich mit meinem Lanz Bulldog nicht rauf“, sagt er. Weil er zu langsam ist. Auf etwas mehr als 35 Stundenkilometer bringt es der alte Schlepper mit seinen 25 Pferdestärken zu wenig für Schnellstraßen.

Und deswegen kann Richter auch nicht den kürzesten, den direkten Weg nehmen, sondern muss Umwege fahren. „Aber das ist nicht schlimm, ich fahre ja gern“, sagt er. Über Neuruppin wird ihn seine Fahrt führen, an die polnische Grenze bei Hohenwutzen, nach Marienburg und schließlich in die Kleinstadt Mohrungen, die auf polnisch Morag heißt und in der Wojewodschaft Ermland-Masuren liegt. „Mal schauen, wie ich und mein Bulldog das verkraften“, lächelt er. Aber wie gesagt: Sorgen macht er sich nicht. „Ich bin fit, und der Lanz hat mich noch nie im Stich gelassen.“

1939 war der Traktor direkt aus dem Werk in Mannheim auf den Hof seiner Eltern im damaligen Ostpreußen gekommen. 6060,80 Reichsmark hatte er gekostet, dreimal so viel, wie ein Arbeiter damals im Jahr verdiente. Brutto. Nach der Flucht, die die Familie im März 1945 nach Teplingen bei Wustrow führte, verkaufte Bodo Richters Vater den Lanz Bulldog, um sich ein neueres Modell zuzulegen. „Aber wir haben ihn nie aus den Augen gelassen“, erzählt Richter. Immer wusste die Familie, wo der Trecker, der ihnen das Leben und die Freiheit rettete, gerade lief.

1979, die Familie hatte mittlerweile einen eigenen Hof in Reetze, holte Bodo Richter den Schlepper zurück. „Mein Vater wurde in dem Jahr 72, meine Mutter 70, und ich hatte den Menschen ausfindig gemacht, bei dem der Trecker gelandet war“, erinnert sich der ehemalige Landwirt. „Und der war so gut, ihn mir wieder zu verkaufen. Es sind viele Tränen geflossen, als er als Überraschung plötzlich wieder auf dem Hof stand“, sagt Richter. „Das war ein ganz besonderer Tag.“

Heute ist der Lanz Bulldog Typ 7506 voll restauriert und absolut fahrbereit. Was er eindrucksvoll beweist, wenn sein Einzylinder-Dieselmotor mit 4,7 Litern Hubraum auf Touren kommt und das rund drei Tonnen schwere Gefährt in Bewegung versetzt. Mit all seinen Besonderheiten. Beispielsweise an Ampelkreuzungen. „Wenn ich da nicht gleich, wenn die Ampel von Rot auf Gelb umspringt, den Gang reinbekommen und losfahren kann, schaffe ich es nicht über die Kreuzung, bis die Ampel wieder rot ist“, lächelt Bodo Richter.

Und wenn der Lanz erst einmal aus ist, dann braucht es rund zehn Minuten, eine Lötlampe und ein geschicktes Händchen, um wieder in Gang zu kommen. Auch das Motoröl kann Richter nicht einfach so an einer Tankstelle kaufen. „Der Lanz verträgt kein vollsynthetisches Öl, er braucht ganz normales, herkömmliches Motoröl“, erklärt der Treckerfahrer. Daher nimmt er davon auch einige Liter mit, wenn er in Reetze aufbricht. Alles, was er unterwegs braucht, ist in einer selbstgebauten Kiste verstaut. Kleidung, Papiere, Wasser, Motoröl. Und auch eine Polnische Fahne, die links am Lanz befestigt wird, sobald Richter mit ihm die Grenze überfährt. „Die ist ein wenig größer als die Deutschlandfahne auf der anderen Seite“, schmunzelt er. „Schließlich bin ich Gast in Polen, und das soll auch die Fahne dokumentieren.“