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Der vermeintliche Dieb   Kommissarsanwärter Bartlomiej Ogorzalek  kann am Winsener Bahnhof unbehelligt das Schloss knacken. Foto: Hülskämper
Der vermeintliche Dieb  Kommissarsanwärter Bartlomiej Ogorzalek  kann am Winsener Bahnhof unbehelligt das Schloss knacken. Foto: Hülskämper

Wenn der Polizist zum Dieb wird

jco Winsen. Allein in den vergangenen zwei Wochen kam es in Winsen zu 19 Fahrraddiebstählen, mehrere davon tagsüber. „Die Täter handeln in aller Öffentlichkeit, vor den Augen anderer Passanten“, sagt Ulrich Grimm, Kripo-Chef aus Winsen. „Und niemand verständigt die Polizei.“ Um dagegen anzugehen, ist die Winsener Polizei einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Sie spielte Fahrraddieb.

Donnerstag wurden drei Fahrräder von Beamten rund um den Bahnhofsvorplatz angeschlossen. „Ein Kollege ist dann mit einem 60 Zentimeter langen Bolzenschneider zu den Rädern gegangen, um die Schlösser extra langsam vor den Augen der Leute zu knacken.“ Die Bilanz: ernüchternd. Ein Jugendlicher hat reagiert, nur nicht im Sinne der Polizei: Er ging direkt auf den vermeintlichen Dieb zu. „Die Aufgabe soll nicht sein, die Täter anzusprechen. Das gefährdet nur die eigene Sicherheit“, erklärt Grimm. Stattdessen solle beobachtet und anschließend die Polizei gerufen werden. „So hat auch eine Dame gehandelt, sie war gerade dabei, uns zu kontaktieren.“ Alle weiteren der 15 angesprochenen Passanten wollten sich mit dem Vorfall nicht identifizieren. „Da gab es die klassischen Reaktionen. Entweder sie hätten den Mann nicht gesehen oder es interessiere sie nicht, da sie auch nicht betroffen seien. Besonders erschrocken hat uns der Satz Der guckte so nett, das kann ja keine Straftat sein.“ Mit der Aktion will die Winsener Polizei an die Aufmerksamkeit der Mitbürger appellieren. „Es geht einerseits um Sensibilisierung, andererseits auch darum, die Gleichgültigkeit der Leute in solchen Situationen zu verändern“, sagt Grimm.

In Lüneburg ist nicht mit solchen Aktionen zu rechnen, sagt Polizeisprecher Kai Richter. In der Stadt wurden im ersten Halbjahr 313 Fahrräder gestohlen, 22 Prozent weniger als im Vorjahres-Halbjahr. Auch Richter rät im Fall der Fälle: „Nicht den Helden spielen, alarmieren.“ In Lüneburg hat eine Ermittlungsgruppe Raddiebe im Auge: ,,Häufig Drogenabhängige, die Geld brauchen, oder organisierte Sperrmüllsammler, die es auch auf Räder abgesehen haben.“ Und die Beamten setzen auf Prävention. ,,Bei Kodier-Aktionen stehen die Radler Schlange.“