Mittwoch , 28. September 2016
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In Diepholz und Nienburg bekommen Ärzte künftig bis zu 50¿000 Euro Starthilfe  Ein Modell auch für Lüneburg? Foto: A./ t&w
In Diepholz und Nienburg bekommen Ärzte künftig bis zu 50¿000 Euro Starthilfe  Ein Modell auch für Lüneburg? Foto: A./ t&w

Prämie für die Landarztpraxis

as Lüneburg. Junge Ärzte aufs Land locken wollen die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN), die Krankenkassen und die Landesregierung, denn in manchen Regionen werden dringend Nachfolger für Praxen gesucht. Als Anreiz stehen bis zu 50000 Euro Starthilfe je Zulassung oder Anstellung zur Verfügung, gefördert wird auch die Übernahme einer Praxis. Modellregion sollen die Kreise Diepholz und Nienburg sein. Die LZ sprach über das Projekt mit dem Adendorfer Arzt Dr. Jörg Berling, stellvertretender Geschäftsführer der KVN.

Dr. Jörg Berling aus Adendorf ist Vize-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: nh
Dr. Jörg Berling aus Adendorf ist Vize-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: nh

Herr Dr. Berling, warum wollen junge Ärzte nicht aufs Land?

Dr. Jörg Berling: Junge Ärzte träumen den Traum von der eigenen Praxis immer seltener viele bleiben lieber am Krankenhaus, arbeiten als Angestellte in einem Medizinischen Versorgungszentrum oder in einer Berufsausübungsgemeinschaft. Da spielt natürlich die Scheu vor dem finanziellen Risiko eine Rolle. Aber auch die eher „weichen“ Faktoren halten von einer Praxisgründung ab. Dazu gehört in erster Linie die Befürchtung, dass auf dem Land die Arbeitsbelastung überproportional hoch ist. Junge Ärztinnen und Ärzte bemängeln die mangelnde work-life-balance. Außerdem gibt es immer wieder Kritik an der schlechten Infrastruktur für die Familie: keinen adäquaten Arbeitsplatz für den Partner, keine Kindergärten oder Schulen für die Kinder in akzeptabler Reichweite. Dazu kommt die übermäßige Bürokratie in der Praxis, die Angst vor Regressen und die ständig und überall erlebte Gängelung durch die Gesetzgebung, aber auch durch die Krankenkassen.

Ein Investitionskostenzuschuss von bis zu 50000 Euro hört sich gut an. Aber reicht das wirklich, um einem Arzt die Übernahme einer Praxis schmackhaft zu machen?

Berling: Der Investionskostenzuschuss hat in erster Linie einen psychologischen Effekt. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist mit hohen finanziellen Belastungen verbunden, die viele junge Ärzte scheuen. Mit der Unterstützung können wir den Schritt vom Angestellten zum Chef erleichtern. Die grundsätzliche Bereitschaft, eine eigene Praxis verantwortlich zu leiten, muss aber vorhanden sein.

Gibt es daneben Standortfaktoren, die für die Niederlassung von Ärzten ausschlaggebend sind?

Berling: Wichtig sind gute Angebote der Kreise und Städte in den Bereichen Kinderbetreuung und Schulen, Jobangebote für Ehepartner sowie attraktive Freizeit- und Kulturangebote. Die sogenannten weichen Standortfaktoren inklusive der Vereinbarung von Familie und Beruf spielen eine entscheidende Rolle bei der Wahl des künftigen Praxisortes. Darüber hinaus sollte der öffentliche Personennahverkehr funktionieren. Schließlich müssen die Patienten auch zur Arztpraxis kommen können.

Wie steht es in den kommenden Jahren mit der hausärztlichen Versorgung im Landkreis Lüneburg?

Berling: Zurzeit betreuen exakt 120 Hausärzte 174146 Einwohner. Der Versorgungsgrad beträgt 117 Prozent. Mit anderen Worten: Neuniederlassungen für Hausärzte sind zurzeit gar nicht möglich. Der Kreis ist sehr gut mit Hausärzten versorgt. Dies sieht in Zukunft anders aus. Bis zum Jahr 2020 werden rund 43 Hausärzte aus Altersgründen ihre Praxis aufgeben. Das sind über ein Drittel. Daher werben wir schon jetzt intensiv um junge Ärzte.

In welchen Regionen Niedersachsens brauchen Sie schon jetzt dringend hausärztlichen Nachwuchs?

Berling: Nachwuchs benötigen wir in den Regionen, wo wir aufgrund der Altersstruktur absehen können, dass Ärztinnen und Ärzte in naher Zukunft ihre Praxis aufgeben werden. Dazu gehören die Regionen Sulingen, Syke, Bremervörde, das Braunschweiger Umland, Nordenham und Harburg. Aber auch in den Bereichen Nienburg, Buxtehude, Wittingen, Buchholz, Leer und Seesen gibt es einen erhöhten Bedarf.

Wäre nicht eine Alternative dazu, mehr Mediziner auszubilden?

Berling: Wir brauchen nicht unbedingt mehr Studienplätze, aber wir müssen bereits bei der Auswahl der Studenten ansetzen. Allein das Kriterium Numerus Clausus, derzeit bei 1,2 oder besser, sorgt für eine Selektion, an deren Ende meist sehr gute Mediziner, nicht aber immer sehr gute Ärzte herauskommen. Außerdem müssen Unis vor allem Hausärzte ausbilden. Wir brauchen empathische Jungärzte, die sich mit Leib und Seele der Versorgung als Landarzt hingeben wollen. Ich finde es schlimm, dass hochmotivierten Abiturienten wegen eines „schlechteren“ Abi­turdurchschnitts der Zugang zum Medizinstudium versperrt ist. Die Ausbildung an der Uni muss praxisnäher, die Arbeitsbedingungen der Ärzte müssen attraktiver gestaltet werden. Dazu gehört eine angemessene Vergütung, weniger Regularien und Bürokratie. Der Arztberuf muss gerade für Ärztinnen familienfreundlicher gestaltet werden, damit mehr Nachwuchsmediziner für den Beruf des Hausarztes gewonnen werden.