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Mindestens dreimal in der Woche, immer dienstags, donnerstags und sonntags, treffen sich die Hohnstorfer zu einer Runde Boule. Seit die Bahn vor vier Jahren gebaut wurde, erfreut sich das Spiel zunehmender Beliebtheit. Foto: t&w
Mindestens dreimal in der Woche, immer dienstags, donnerstags und sonntags, treffen sich die Hohnstorfer zu einer Runde Boule. Seit die Bahn vor vier Jahren gebaut wurde, erfreut sich das Spiel zunehmender Beliebtheit. Foto: t&w

Klein Frankreich hinterm Elbdeich

off Hohnstorf/Elbe. Dienstagnachmittag, hinterm Hohnstorfer Elbdeich. Die Sonne scheint, ein lauer Wind trägt Geplauder und das Klacken von Boulekugeln über den Rasenplatz. 16 Leute sind zum Spielen gekommen, fast alles Männer, fast alle 50, 60 und älter. Wer keine Kugeln wirft, sitzt neben der Bahn, trinkt ein Glas Wein, ein Bier, manche ein Wasser. Vor vier Jahren haben Bürger und Gemeinde die alte 75-Meter-Laufbahn zu zwei Boulebahnen umgebaut, seitdem trifft man sich hier, plaudert, spielt, steckt über komplizierten Formationen die Köpfe zusammen. Das Spiel, das französische Soldaten in den Nachkriegsjahren nach Deutschland gebracht haben sollen, hat die Herzen der Hohnstorfer erobert. „Und viele von uns älteren Männer vom Sofa runtergeholt“, sagt Klaus Theuerkauf.

Die Idee für eine Boulebahn hatte 2010 der Hohnstorfer Michael Meyer. Während einer Sitzung des Bauausschusses warb er dafür, kein halbes Jahr später wurden die ersten beiden Bahnen als Gemeinschaftsaktion beim Tag der Gemeinde gebaut. Inzwischen hat sich die Boulegemeinschaft Hohnstorf gegründet, Spieler kommen aus Lauenburg, Adendorf und Lüneburg nach Hohnstorf, ein fester Kern von knapp 20 Männern trifft sich mindestens dreimal in der Woche zum Boulespielen, „immer dienstags, donnerstags und sonntags“, sagt Meyer. Dabei geht es um Geselligkeit, Entspannung und um Sieg. Denn so lässig französisch die Gruppe beim Boulespielen auch aussieht, die Männer haben Ehrgeiz. Und ihre Wettkämpfe Biss.

Metall knallt gegen Metall. Auf der Sandbahn wird geflucht. Klaus Theuerkauf sitzt am Rand und grinst, der Hohns-torfer weiß, wie schnell beim Boulespielen aus purer Entspannung sportliche Leidenschaft wird. Der 71-Jährige ist von Anfang an mit dabei, spielt auch im Urlaub am Liebsten Boule, „während meine Frau sich beim Lesen entspannt“. Ein Hobby, das passt. Zu der karierten Schiebermütze, der runden Hornbrille, dem braun gebrannten Gesicht. „Boule, das ist nicht einfach ein Spiel“, sagt Theuerkauf, „das ist ein Lebensgefühl, das ist Technik, das ist Taktik.“ Und Boule ist ganz offensichtlich ansteckend.

Seit vier Jahren wächst der Andrang auf der Hohnstorfer Boulebahn. Viele Urlauber, die mit dem Wohnmobil kommen, spielen. Lehrer der angrenzenden Grundschule. „Auch die Frauen wollen jetzt eine Gruppe gründen“, sagt Michael Meyer. Für die Boulegemeinschaft ein klarer Fall: Sie müssen anbauen. Bis Ende des Jahres wollen sie von zwei auf acht Bahnen vergrößern, „das Geld steht schon im Haushalt der Gemeinde“. Bezahlt wird allerdings nur das Material, „alles andere erledigen wir“, sagt Meyer.

Mitspielen kann auf der Hohnstorfer Boulebahn jeder. Ob Anfänger oder Profi. Ob Bekannter oder Fremder. Ob sportlich oder unsportlich, jung oder alt. „Das ist ein weiterer Vorteil von Boule“, sagt Meyer, „das Spiel schließt eigentlich niemanden aus.“ Sogar ein Rollstuhlfahrer ist dabei, „der hat nur nicht die Füße im Startring, sondern einen seiner Reifen.“ Und auch das Ziel der Boulevariante Pétanque ist schnell verstanden: einerseits die eigene Kugel so nah wie möglich an der Zielkugel (Schweinchen) zu platzieren (Legen), andererseits die Position der gegnerischen Kugeln durch Wegschlagen (Schießen) zu verschlechtern. Einzige Voraussetzung fürs Mitmachen: Man muss die Kugel werfen können. Wem das gelingt, „der kann beginnen an seiner Technik zu arbeiten“.

Der richtige Armschwung, das exakte Abwiegen der Kraft, ein gutes Auge, das nach vorne Schnellen des Körpers… Der Weg zum perfekten Wurf ist lang und auch das macht den Reiz des Spiels aus. „Man kann immer besser werden“, sagt Klaus Theuerkauf, „deshalb wird es nie langweilig.“ Sogar im Winter, bei Regen oder eiskaltem Wind arbeiten die Hohnstorfer an ihrer Technik und genießen hinterm Elbdeich sportlichen Ehrgeiz und französische Leichtigkeit.

Verschiedene Spielformen
In Deutschland wird Boule als Sammelbezeichnung für alle fünf offiziellen Kugelsportarten verwendet. Dazu gehören das Boule Lyonnaise, das daraus abgeleitete Jeu Provençal, dessen Ableger Pétanque, das britische Bowls und das italienische Boccia. Die verbreiteste Boule-Version ist das Pétanque, das mit Metallkugeln gespielt wird. Im Unterschied zu anderen Boulespielen wird Pétanque von einem Abwurfkreis heraus gespielt und nicht von einer Abwurflinie aus. Ziel des Spiels ist es, seine Kugeln näher an der Zielkugel (auch „Schweinchen“ genannt) zu platzieren als der Gegner. Dabei zählt am Ende einer Aufnahme jede Kugel einen Punkt, die näher zur Zielkugel liegt als die beste des Gegners. Gespielt wird bis 13 Punkte. Das Spiel kann zu zweit gespielt werden (Tetes-à-Tetes), zur viert (Doublette, zwei gegen zwei) und zu sechst (Triplette, drei gegen drei).