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Gemeinsam testen die Hamburger Gesine Drewes sowie Ingo und Christina Klein (v.l.) das Leben in dem kleinen Dorf Kamerun im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort leben dreimal so viel Pferde wie Menschen. Foto: org
Gemeinsam testen die Hamburger Gesine Drewes sowie Ingo und Christina Klein (v.l.) das Leben in dem kleinen Dorf Kamerun im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort leben dreimal so viel Pferde wie Menschen. Foto: org

Landleben auf Probe

org Kamerun. Hinter den Tannen, kurz nach dem Hochspannungsmast links, liegt Kamerun, Heimat von 20 Menschen und 70 Pferden. Wer von Metzingen in der Göhrde nach Hitzacker fährt, kommt an einem kleinen weißen Schild vorbei, und wer nicht aufpasst, verpasst es. Seit April können Großstädter in dem Dorf hinter den Tannen das Leben auf dem Land testen. Mit einer Musterwohnung gegen die Landflucht.

Junge Leute mit guten Schulabschlüssen verlassen ihre Dörfer, um zu studieren, für eine Ausbildung. Mittlerweile folgen ihnen auch die Älteren, sie ziehen in die Städte, wo es Ärzte und Busse gibt, Schwimmbäder und Handysprechstunden für Senioren.

Lüchow-Dannenberg ist der Landkreis mit den wenigsten Einwohnern Deutschlands. In die Ecke an den Grenzen zu Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind nach der Wende 5000 Menschen gezogen, aber 3000 sind schon wieder weg. Und die Prognose für 2030 lautet: noch 10000 weniger. Das ergibt 39000 Einwohner, 40 Prozent davon 65 plus.

In Kamerun mitten in den Wäldern der Göhrde hatte Christine-Beatrix „Trixi“ Schnettler eine fixe Idee. Die Chefin von 50 Ferienwohnungen und 70 Pferden beantragte mit ihrem Mann bei der Gemeinde die Änderung des Bebauungsplans. Zwei Jahre ist das her, jetzt sind in Kamerun auch nicht störendes Gewerbe und Handwerk erlaubt, Nutzgärten und Ställe. Reithalle, Springparcours, Kinderspielplatz, Fußballfeld, Sauna, Schwimmbad und Gaststätte gibt es ohnehin schon.

Damit sich Großstädter in Kamerun ansiedeln können, hat „Trixi“ Schnettler gemeinsam mit ihrem Mann eine Änderung des Bebauungsplanes erreicht. Foto: org
Damit sich Großstädter in Kamerun ansiedeln können, hat „Trixi“ Schnettler gemeinsam mit ihrem Mann eine Änderung des Bebauungsplanes erreicht. Foto: org

„Wir wollen etwas tun gegen die Landflucht“, sagt die kräftige Frau mit Pferdeschwanz, selbst im Großraum Hannover aufgewachsen und für ihren Mann aufs Land gezogen. Seine Eltern haben hier vor 42 Jahren die erste Ferienhütte gebaut, Aussteiger aus Hamburg. „Für viele Städter ist es nur schwer vorstellbar, dass es hier eine Infrastruktur gibt, die zum Leben reicht. Dass im Umkreis von zehn Kilometern Supermärkte, Schulen und Ärzte liegen, sogar Gymnasium und Krankenhaus.“

Zwei Zimmer, Wohnküche, Bad. Der Pferdestall 50 Meter entfernt. Vier, die das Landleben für eine Woche ausprobieren, sind Ingo und Christina Klein mit Töchterchen Johanna und Familienfreundin Gesine Drewes aus Hamburg. Alle drei reiten, alle drei haben in der Großstadt Probleme damit.

In Kamerun arbeiten sieben Reitlehrer mit den 70 Pferden, die Region mit ihren sandigen Böden zählt zu Deutschlands beliebtesten Pferderegionen. „Bei mir gibts Pingpong im Kopf“, sagt der 39 Jahre alte Ingo Klein. „Vom Wunsch, die eigenen Pferde bei mir zu haben bis zur Angst, was aus meinen Freundschaften wird.“ Klein arbeitet mit Informationstechnologie, testet die LTE-Verbindung im Wald jeden Tag mehr als eine Stunde Pendeln nach Hamburg will er sich nicht antun.

Selbst die Schule im drei Kilometer entfernten Hitzacker könnten Kinder zur Probe besuchen doch Töchterchen Johanna denkt, sie sei in den Ferien. Christina Klein, 39, hat ihren Nordsee-Deich fürs Studium verlassen, sie arbeitet als Gebärdendolmetscherin. „Ich bin in die Großstadt gezogen, weil ich musste.“ Die Entscheidung pro oder contra Kamerun gehört bei ihr zum Durchschnittsrisiko des Lebens. „Wenn ich eine Wohnung anmiete oder ein Haus kaufe, kann ich das noch nicht einmal einen Tag ausprobieren.“

Gesine Drewes, 46, würde die Entscheidung nicht alleine treffen und ist froh, dass der mögliche Umzug ein Gemeinschaftsprojekt wäre. „Ich weiß noch, warum ich vom Bauernhof in die Stadt gezogen bin. Ich merke aber, auf dem Land geht es mir besser. Ob mir irgendwann wieder langweilig wird? Wie es im Winter wird? Das weiß ich erst, wenn ich es erlebe.“