Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Die Leiden des jungen Storchs
Das linke Bein des jungen Storches bei Barum ist bereits schwarz verfärbt. Der offene Bruch bedeutet in freier Wildbahn für ihn das Todesurteil. Dennoch  darf das Tier nicht per Schuss von seinem Leid erlöst werden. Foto: nh
Das linke Bein des jungen Storches bei Barum ist bereits schwarz verfärbt. Der offene Bruch bedeutet in freier Wildbahn für ihn das Todesurteil. Dennoch darf das Tier nicht per Schuss von seinem Leid erlöst werden. Foto: nh

Die Leiden des jungen Storchs

emi Barum. Friedrich-Wilhelm Stein pflügt gerade sein Rapsfeld in Barum, als sein Sohn ihn auf einen Weißstorch mit gebrochenem Bein aufmerksam macht. Der Landwirt sieht sich das rund drei Monate alte Jungtier genauer an. Sein rechtes Bein hängt in der Luft und ist bereits halb abgefault, der Knochen ist deutlich sichtbar. Das Tier leidet.

Wie sich der Storch das Bein gebrochen hat, ist unklar. Fest steht aber: „Der offene Bruch ist in freier Wildbahn sein Todesurteil“, sagt Hubert Horn, „denn der Storch kann bei der Nahrungssuche nicht umherlaufen und wird von Tag zu Tag schwächer.“ Um das Tier von seinem Leid zu erlösen, plädiert der ehrenamtliche Storchenbetreuer des Nabu im linkselbischen Bereich des Kreises Lüneburg dafür, es zu erschießen. Aber das hat Wolfram Kallweit, Fachbereichsleiter Ordnung und Umwelt beim Kreis Lüneburg, am Dienstag verweigert. „Eine falsche Entscheidung“, urteilt Horn, „eine undankbare Gratwanderung“, meint dagegen Kallweit.

Der Storch ist nach der Bundesartenschutzverordnung streng geschützt, ihn abzuschießen ist eine Straftat. Wenn ein Tier allerdings schwer verletzt ist und nicht gerettet werden kann, darf das unnötige Leiden des Tieres durch Tötung beendet werden. Um einen Storch zu erschießen, bedarf es jedoch einer Ausnahmegenehmigung. Und die zu erteilen liegt in der Zuständigkeit von Veterinäramt, Unterer Naturschutz- und Unterer Jagdbehörde des Landkreises Lüneburg. Gestern verkündete Wolfram Kallweit als Chef der beteiligten Behörden das Ergebnis: „Nach intensiver Diskussion haben wir uns dazu entschieden, dem Abschuss nicht zuzustimmen.“

Foto: nh
Foto: nh

Eine Entscheidung, die Storchenbetreuer Hubert Horn nicht versteht. „Erlaubt wäre es jetzt, den Storch einzufangen, beim Tierarzt untersuchen und ihn einschläfern zu lassen.“ Unnötiger Stress für das verletzte Tier. „Weil der Storch noch fliegen kann, ist es sehr schwierig, ihn einzufangen. Ein Schuss wäre dagegen kurz und schmerzlos.“

Gerade die Tatsache, dass der Storch noch fliegen kann, habe gegen den Abschuss gesprochen, sagt Kallweit. „Wenn das Tier bewegungsunfähig gewesen wäre, wäre das ein anderer Sachverhalt gewesen, aber so steckt noch eine gewisse Vitalität in dem Tier“, begründet der Fachbereichsleiter Ordnung und Umwelt. Und: „Der Weißstorch ist ein Wildtier. So etwas kann eben in freier Natur passieren. Wo zieht man da die Grenze?“ Die Entscheidung sei deshalb nicht leicht gewesen.

„Egal, wie man sich entscheidet, es wird immer Kritiker geben. Die einen hätten sich beschwert, dass wir das Tier so früh abschießen, die anderen wünschen sich, dass wir das Leiden beenden“, sagt Kallweit.

Der konkrete Fall habe aber noch ein Ergebnis gebracht: „Wir werden umgehend hausintern besprechen, wie wir künftig mit solchen Fällen umgehen, um kurzfristige Entscheidungen treffen zu können.“

4 Kommentare

  1. Täglich entscheiden wir über Tot und Leben. In diesem Fall ist ganz klar das der Jungstorch das Leiden durch eine Kugel ersparrt bleibt. Es gibt keine Heilung mehr und die Ursache ob Stacheldraht oder Hochspannung , also unnatürlich steht auch nicht fest. Nur der Mut ders Sachbearbeiters ist schwammig. Sonst nichts.

  2. Diesem armen Jungstorch kann und muss nur noch geholfen werden, indem man ihn sofort von seinem Leiden erlöst. Dass darüber überhaupt beraten und diskutiert werden muss, verstehe ich in keinster Weise!

  3. Michael Strzeletzki

    “Wir werden umgehend hausintern besprechen, wie wir künftig mit solchen Fällen umgehen, um kurzfristige Entscheidungen treffen zu können.”
    Dem Storch geht es JETZT schlecht und er hat sicherlich starke Schmerzen Herr Wolfram Kallweit. Tun sie etwas und verstecken Sie sich nicht hinter Paragraphen.

  4. Heinz Georg Düllberg

    Die ehrenamtlich tätigen Weißstorchbetreuer im Landkreis Lüneburg und in anderen Regionen Deutschlands setzen sich zum Teil schon seit Jahrzehnten für den Schutz dieses Vogels und seiner Lebensräume ein. Zu ihren vielfältigen Aufgaben gehört auch die Rettung verletzter Tiere. Das dabei Bergung, Pflege und Wiederauswilderung verletzter Weißstörche Vorrang vor allen anderen Maßnahmen hat ist selbstverständlich. Aus dem Landkreis Lüneburg wurden in den letzten Jahren zahlreiche kranke und verletzte Weißstörche in das NABU-Artenschutzzentrum Leiferde gebracht. Einige konnten gesunden und wieder ausgewildert werden, andere überlebten und wurden Dauerpflegefälle. Nicht wenige mussten aber auch von Veterinären der Tierärztlichen Hochschule Hannover eingeschläfert werden, obwohl deren Verletzungen geringer waren als bei dem Barumer Storch.
    Die Beantragung einer Abschussgenehmigung ist den Storchenbetreuern nicht leicht gefallen und war keineswegs leichtfertig. Die Überlebenschancen eines Weißstorchs mit offenem Bruch des Tarsus und bereits abgestorbenem Gewebe unterhalb der Bruchstelle sind nach Aussagen von Veterinären minimal.
    Die Verweigerung der Abschussgenehmigung durch den Landkreis Lüneburg damit zu rechtfertigen, dass der Vogel noch fliegen konnte, kann ich nicht nachvollziehen. Allein die durch Fotos belegte Schwere der Verletzungen hätte zu einer anderen Entscheidung führen müssen. Wenn der Storch erst nicht mehr fliegen bzw. flüchten kann, ist eine Abschussgenehmigung nicht mehr nötig. Dann erledigt der Fuchs die Arbeit.