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Der Angeklagte im Gespräch mit seiner Anwältin. Foto: Schulze
Der Angeklagte im Gespräch mit seiner Anwältin. Foto: Schulze

„Gefahr für die Allgemeinheit“

rast Lüneburg. Die Staatsanwältin verliest ruhig die Anklageschrift. Sie wirft dem Autofahrer vor, in zwei Fällen ,,versucht zu haben, Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein“, vorsätzlich einen Unfall herbeigeführt und gefährliche Körperverletzung begangen zu haben. Durch eine ,,krankhafte seelische Störung war er nicht in der Lage, das Unrecht einzusehen“. Laut Anklage war der 45-Jährige am 3. März 2014, es war Rosenmontag, im Winsener Ortsteil Stöckte mit seinem Skoda Octavia in eine Gruppe von Faslamsbrüdern gefahren und verletzte sie schwer. Die Staatsanwaltschaft will seine Unterbringung in der Psychiatrie erreichen, denn sonst würde er vermutlich weitere Taten begehen, er stelle ,,eine Gefahr für die Allgemeinheit“ dar.

Das Sicherungsverfahren vor der 4. Großen Strafkammer am Landgericht gegen den in Osterburg in der Altmark geborenen Mann, der lange in Winsen lebte, dann nach Boizenburg umzog, startete vor einem großen Medienaufgebot. Fernsehteams, Rundfunksender und Printmedien waren zum Auftakt dabei. Der Mann selbst wurde bereits eine Viertelstunde vor Beginn von drei Mitarbeitern der Psychiatrischen Klinik Lüneburg in Gerichtssaal 21 gebracht. Der Mann interessierte sich nicht für die Kameras, unterhielt sich auf dem Angeklagtenstuhl mit seiner Rechtsanwältin.

Als die Richter in den Saal eintraten und die Kameraleute verschwunden waren, machte er ruhig Angaben zu seiner Person: Er lebe getrennt von seiner Frau, habe zwei 9 und 14 Jahre alten Söhne. Ins Stocken geriet er, als er vom Vorsitzenden Richter Franz Kompisch nach seinem Beruf gefragt wird: ,,Beruflich mache ich im Moment. . .“ Kompisch bremste ihn, wohlwissend, dass der Mann aktuell nichts mache, denn seit dem Geschehen in Stöckte ist er in der Psychiatrischen Klinik untergebracht. Wovon er lebe? ,,Ich lasse mich inspirieren.“ Danach verriet er doch: ,,Ich bin gelernter Immobilienkaufmann und Betriebswirt.“ Die Kammer notierte in ihren Unterlagen „selbstständig“.

Nach diesen kurzen Sätzen verlas die Staatsanwältin ihren Antrag. Demnach soll sich der Autofahrer am 3. März gegen 13.45 Uhr in Stöckte „massiv über am Straßenrand stehende Faslamsbrüder geärgert haben“. Im Zickzackkurs und mit einem Tempo von rund 50 km/h sei er ungebremst in eine Gruppe gefahren. Zwei Männer, die einen Bollerwagen zogen, habe er angefahren, beide seien über die Windschutzscheibe seines Octavia geflogen: ,,Dabei hat er billigend in Kauf genommen, dass sie getötet hätten werden können.“ Die Staatsanwaltschaft fordert übrigens nicht nur die Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, sondern auch die Einziehung seines Wagens er sei ungeeignet für das Führen eines Autos.

Die 4. Große Strafkammer hatte für gestern einen recht kurzen Termin anberaumt, ging davon aus, dass sich der 45-Jährige am ersten Prozesstag nicht zu den Vorwürfen äußern würde, da sein eigentlicher Rechtsanwalt erst zum nächsten Verhandlungstag erscheint. Dass er dann seine Darstellung des Geschehens präsentieren wird, scheint unwahrscheinlich. Denn gestern sagte er: ,,Ich kenne die Antragstellung. Dazu habe ich nichts zu sagen.“

Das Sicherungsverfahren, zu dem insgesamt drei Sachverständige und 14 Zeugen geladen sind, wird am Donnerstag, 11. September, fortgesetzt. Dann werden etliche Faslamsbrüder gehört.